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Münchens Verkehrs-Prioritäten:Die "Radlhauptstadt" - ein leeres Versprechen

Radeln in München - ein bewegendes Thema für SZ-Leserinnen und -Leser.

(Foto: Scherl/sz-photo)

SZ-Leser mahnen viele Verbesserungen für Fahrradspuren an und kritisieren, dass immer noch vorrangig die Autolobby bedient werde

"Radlprovinzstadt München" vom 13./14.Mai und Leserbriefe "Beim Radeln ist München immer noch ein lebensgefährliches Pflaster" vom 16. Mai:

Erst radeln, dann planen

Über diesen Bericht von Alex Rühle war ich sehr dankbar. Wer wie ich viel mit dem Rad unterwegs ist, stellt immer wieder fest, wie gefährlich das Radeln in München ist. Autos haben leider fast überall den Vorrang. Dies zeigt sich auch an der Nördlichen Auffahrtsallee. Es gibt trotz breitem Gehweg seit langem keinen Radweg mehr. Zwar ist für die Autofahrer Tempo 30 vorgeschrieben, jedoch halten sich viele Fahrer nicht an diese Geschwindigkeitsbegrenzung. Wir Radfahrer/-innen sind ständig einer großen Gefahr ausgesetzt. Auch die Fahrt auf der Nymphenburger Straße ist eine sehr große Gefahrenquelle für alle diejenigen, die mit dem Rad unterwegs sind. Es wird höchste Zeit, dass sich die Politikerinnen und Politiker - auch unter dem ökologischem Gesichtspunkt - dieses Problems annehmen. Mein Vorschlag an die verantwortlichen Verkehrsplaner: Setzen Sie sich aufs Rad und lernen Sie auf diese Weise die zum Teil katastrophalen Radwege kennen.

Sibylle Paulus, München

Feigheit vor dem Autofahrer

Seltsam, wie lange in München alles dauert. Oder auch nicht. Hier dauert ja alles lange. Als einfacher Radler mache ich mich seit mindestens zehn Jahren über die diesbezügliche Propaganda der Stadt lustig. Dem Radler bleibt nur Zynismus. Am schlimmsten war es unter Ude. Für Verwaltung und Stadtspitze gilt neben ihrer erbärmlichen Feigheit gegenüber einem aggressiven Kern von Autofahrern und deren Lobby - es sind ja nicht alle, viele sind ja auch Radler und Autofahrer - das Charakteristikum: selbstgefällig und seltsam unberührt. Christian Röpke, München

Abgeblitzt

Als langjähriger Radlfahrerin in München haben Sie mir sehr aus der Seele gesprochen. Nach wie vor haben Autofahrer in München höchste Priorität, und so scheinen zum Beispiel auch Tempo-30-Zonen eher als eine Art "Empfehlung" gesehen zu werden. Als Eltern, die ihre Kinder regelmäßig mit dem Fahrradanhänger transportieren, haben wir mehrmals erleben müssen, wie uns in hohem Tempo überholende Autos auf der Georgen-, Türken- oder Friedrichstraße beinahe umgefahren hätten. Als ich hierzu vergangenes Jahr den Bezirksausschuss anschrieb, ob es nicht möglich wäre, eine bessere Tempo-30-Beschilderung und mehr Verkehrskontrollen sicherzustellen, da dies auch der Schulweg meines Grundschulkindes ist, kam als Antwort, dass 2015 tatsächlich einmal (!) eine Verkehrskontrolle durchgeführt wurde und es an diesem Tag keine Beanstandungen gab. Das war aber noch vor der Baustelle auf der Franz-Joseph-Straße. Auf meine Frage, ob man nicht auch einen Fahrradweg auf der Fahrbahn markieren könnte, wie es auf der Schleißheimer Straße gemacht wurde, habe ich die Antwort erhalten, dass dies in einer Tempo-30-Zone nicht möglich sei. Autofreundliches München . . . Claudia Lieske, München

Ein paar Alibi-Maßnahmen und ein verlogenes Etikett

Radlhauptstadt? Kein diesbezüglich Stadtverantwortlicher hat jemals ein Fahrrad weiter bewegt als vom Rathaus zum Fischbrunnen - und da muss man ja schieben. Das Fahrrad als das umweltfreundlichste, gesündeste und in den meisten Fällen des innerstädtischen Individualverkehrs auch schnellste Verkehrsmittel wird nicht nur konsequent ignoriert, sondern an unzähligen Stellen aktiv durch Gängelungen bekämpft. Ein paar Alibi-Maßnahmen in eh schon verkehrsberuhigten Ecken der Stadt ersetzen nicht fehlende Verbindungsstrecken, wie sie in echten Rad-Städten schon längst umgesetzt sind.

Eine vernünftige Radweg-Infrastruktur müsste nur einen Bruchteil dessen kosten, was wir für Ringe und Tunnels ausgeben, in und auf denen sich ab dem Tage der Eröffnung die Zweitonner stauen. Durchschnittlich mit einem einzigen - immerhin in 80 Prozent der Fälle übergewichtigen - "Kraft"-Fahrer und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit, die mein bald 80-jähriger Vater mit seinem Zwei-Gang-Klapprad erreicht. Und noch immer hält man in der am stärksten bependelten, mit am dichtesten besiedelten Großstadt Deutschlands Parkraum für zwei Meter breite SUVs, aber auch den Flix-Bus und den Kieslaster für richtiger und wichtiger - auf "Verkehrs"-Flächen, die von der Allgemeinheit finanziert werden und die sich ungleich sinnvoller nutzen ließen. Nämlich als Radweg.

Die Münchnerinnen und Münchner sind zu bewundern für den Wagemut, mit dem sie dennoch versuchen, dem verlogenen Etikett der Stadt Leben einzuhauchen. Kommt es - zwangsläufig - zu Konflikten mit der anderen unterrepräsentierten Gruppe im Verkehr, den Fußgängern, schimpft man über die Radl-Rambos und rühmt sich der erfolgreichen Super-Kontroll-Aktionen durch eine auch so schon ausreichend beschäftigte Polizei. Und wird mal wieder an einem "Brennpunkt" ein Radfahrer auf dem Radweg (!) vom rechts abbiegenden, gerade nicht geparkten Kieslaster geplättet, verkürzt man eben die Grünphase für den Radweg - zum Schutz, natürlich. Wessen Schutz? Michael-Alexander Seitz, München

Im Griff der Autolobby

Zu den formenden Kräften des "Wirtschaftswunders" gehörte die Autoindustrie, in München vertreten durch BMW. Dementsprechend ist die Stadtpolitik seit den 1950-er Jahren im Griff der Autolobby, sie wird den Teufel tun und das Dogma der absoluten Priorität des motorisierten vor allen anderen Verkehrsformen kippen, Rücksicht auf Umweltbelange oder wirtschaftliche Vorteile darf da nicht genommen werden! Lippenbekenntnisse und Kosmetik, darauf beschränkt sich die sogenannte Förderung des Fahrradverkehrs in München, und das wird auch so bleiben. Unter einer Stadtregierung mit Beteiligung der CSU allemal. Dietrich Loos, München

SZ-Radatlas beachten

Ich kann dem Artikel nur zustimmen. Derzeit werden hauptsächlich Prestige-Projekte geplant, die einen sehr langen Vorlauf haben. Dazu zählt unter anderem die vorgeschlagene Fahrradstraße mit Vorfahrt auf der Strecke Menzinger Straße-Olympiapark-Petuelpark, die nach der Straßenverkehrsordnung nicht zulässig ist und daher erst als Verkehrsversuch genehmigt werden muss. Selbstverständlich sollten solche Maßnahmen auch durchgeführt werden. Allerdings übersieht die Stadt, dass auch schon mit geringem Aufwand, wie veränderten Ampelschaltungen, deutliche Verbesserungen erzielt werden können.

Fährt man die oben genannte Strecke, muss man von der Birnauer Straße kommend an der Schleißheimer Straße zuerst die Rechtsabbiegespur für Autos queren. Im Vergleich zur Anzahl der Richtung Petuelpark fahrenden Radler biegen auf dieser Spur nur sehr wenige Autos von Westen kommend nach Süden in die Schleißheimer Straße ab. Trotzdem zeigt die Ampel für die rechtsabbiegenden Autos sehr lange grün, während man als Radfahrer die Kreuzung nicht in einem Zug queren kann, sondern zweimal an einer roten Ampel steht. Hier wäre sogar eine Vorfahrtsregelung für Radfahrer sinnvoll.

Der SZ-Radatlas und die dort aufgezeigten Möglichkeiten zur Verbesserung der Radwege oder -routen könnten viele gute Ansatzpunkte liefern. Die Stadt scheint dies jedoch zu ignorieren.

Kathrin Füchsle, München

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© SZ vom 18.05.2017
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