Wenn in der Welt alles zu viel wird, erschafft Philly Spaniol sich eine eigene. Eine, in der man frei sein kann. „Ich hatte in meinem Leben oft das Gefühl, überall falsch zu sein. Ich konnte meine Queerness nicht ausleben und fühlte mich häufig einsam“, sagt Philly. Ob digital oder analog: Phillys Kunst lässt von einer anderen Gesellschaft träumen.

„Den Großteil meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich mit Videospielen. Das war mein Rückzugsort.“ Philly wuchs in einer religiös-konservativen Umgebung auf. Ständig präsent: das Gefühl, nicht reinzupassen – in einer Welt, die überfordernd und laut ist. „Erst vergangenes Jahr wurde ich endlich mit ADHS diagnostiziert. In meiner Kindheit musste ich damit allein klarkommen“, sagt Philly.

In digitalen Fantasiewelten fand Philly ein Zuhause, „dort war alles aufeinander abgestimmt und harmonisch“. Aus dieser Leidenschaft wuchs die Begeisterung für digitale Kunst. Philly brachte sich selbst programmieren bei und begann, Gefühle und Erfahrungen in eigens gebastelten Welten zu verarbeiten.

„Es geht dabei auch oft um queer-feministische Kritik.“ Aus einer Mischung aus Holz, 3D-Druck und Geräuschen erschafft Philly eine Skulptur, die ein sterbendes Patriarchat zeigen soll. Im Entstehungsprozess lässt Philly Emotionen freien Lauf, lässt sie „sprudeln“. So auch Wut. „Ich habe mehrmals aggressiv auf das Holz eingehackt“, sagt Philly. Am Ende entsteht ein Soundscape, also eine Skulptur, die man fühlen und hören kann.

Philly spürt, welche Reaktionen das eigene Auftreten hervorruft. „Wenn ich rausgehe, bekomme ich häufig Kommentare und Anfeindungen ab. Weil ich feminin gekleidet bin.“ Auch deswegen setzt sich Philly für mehr Sichtbarkeit für Transmenschen ein. Aus dieser Motivation entsteht eine weitere Arbeit: eine beschriftete Baumrinde. Zu lesen sind Ausschnitte einer Rede von Trans-Aktivistin Sylvia Rivera.

Mit jeder Skulptur, mit jedem Bild, möchte Philly der Welt einen Spiegel vorhalten. Möchte der Welt zeigen, welches Verhalten dazu führten kann, dass Menschen sich einsam und vergessen fühlen. Und schafft damit vielleicht eben das Zuhause, das Philly so oft im Leben gefehlt hat.

