Im Atelier von Paul Schäfer haften dunkle, erdige Töne an den Leinwänden. Skizzen von Skeletten, Sprühflaschen, Händen – alle mit Klebestreifen an die Wand geklebt, als seien sie Tapete. Davor eine große Leinwand, grundiert mit Umbra und Terpentin. Paul malt meistens Porträts. Er ist 23 Jahre alt und studiert Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Wenn er arbeitet, malt er schnell, sagt er. Nicht wie Rembrandt, der jede Schicht wochenlang trocknen ließ, sagt Paul. Sondern eher wie Rubens – fließend, nass in nass. „Ich setze mich hin, mache die Augen zu.“ Dann entstehe das Bild in seinem Kopf. Ob das Porträt frontal sein soll. Oder von unten. „Passt Gelb zu Rot? Nein. Vielleicht Lila. Dann wird es Lila.“ Er malt in die Luft, als hielte er einen Pinsel in der Hand.

Die Porträts malt Paul mit Öl und Kohle, wie in der Renaissance. Nur destruktiver: In fast jedem Gesicht fehlen die Augen. Mal ist es nur glatte Haut, mal schwarz, mal Konturen, die sich auflösen, bevor sie Form werden. Manchmal greift er auch zur Spraydose, zieht ein Kreuz durch den Blick. „Ich bin der, der sein Bild zerstören darf“, sagt er. Paul grinst.

Paul blickt auf seine Bilder. „Das ist doch gar nicht so düster“, sagt er, dann grinst er. „Okay, vielleicht doch.“ Ob es ihm gut geht? Er sagt ja. Paul mag auch hellere Werke, etwa die von Hiroshi Nagai. Es geht ihm nicht um hell oder dunkel, um Optimismus oder Melancholie – sondern darum, seinen eigenen Stil zu haben. Denn mit derselben Leidenschaft, mit der er Schatten malt, spricht Paul über Licht, Farben und Künstler.

Seine Leinwand ist klassisch, seine Bühne digital. Er filmt sich beim Malen und teilt seine Videos auf Instagram und Tiktok. Gemälde und Videos sollen ein Gesamtkunstwerk ergeben. Das Bild mit den meisten Aufrufen – fast 330 000 Mal geklickt – ist keines seiner Porträts, sondern eine Zeichnung. Auf dem Papier wuchert eine Industrieanlage. Rohre verlaufen ins Leere, Linien brechen an Stellen, an denen sie es normalerweise nicht tun. „Ich will, dass Leute Fehler suchen“, sagt Paul. Er lacht. „Ich will, dass sie stehen bleiben.“

Sein Lieblingsbild: ein Kopf mit spitzem Kinn auf blauem Hintergrund. Mit qualmender Zigarette im Mund, tiefen Schatten im Gesicht und schwarzen Augen. Der Schädel endet, bevor Haare eine Chance haben zu beginnen. Wie Paul es nennt: „altmeisterlich“ und modern zugleich. Davon will er mehr machen.

