Münchens junge Kreative: Kiernan Moony OstertagMalen, um Ängste greifbar zu machen

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Jeder Strich ist bei Kiernan Moony Ostertag eine Hingabe zur Individualität. „Manchmal habe ich Tage oder Wochen für eine Skizze gebraucht.“
Jeder Strich ist bei Kiernan Moony Ostertag eine Hingabe zur Individualität. „Manchmal habe ich Tage oder Wochen für eine Skizze gebraucht.“ Robert Haas

Die Kunst hilft  Kiernan Moony Ostertag, sich selbst besser zu verstehen - und die eigene Einzigartigkeit wertzuschätzen.

Von Nicole Salowa

Der Rücken ist aufgerissen. Er ist voller Augenpaare, sie starren aus ihm heraus. Die Motive von Kiernan Moony Ostertag, 22, sind düster. Und wirken doch zärtlich. „Meine Ängste durch Bilder greifbar zu machen, ist befreiend. Obwohl ich Panik spürte, wenn es darum ging, bestimmte Bilder auszustellen, habe ich meinen Mut gefunden. Das ist ein selbstbestimmter Akt“, sagt Kiernan.

Robert Haas

Als Kiernan vor zehn Jahren das Zeichnen begann, war da eine Faszination für Porträts, für die Einzigartigkeit der Menschen und ihre Geschichten. „Jede Augenfarbe und Form ist individuell. Falten gelten als unschön, doch jede erzählt einem etwas. Dass man viel gelacht hat oder Sorgen hatte“, sagt Kiernan. Jeder Strich eine Hingabe zur Individualität. „Manchmal habe ich Tage oder Wochen für eine Skizze gebraucht.“

Robert Haas

Die Augenpaare sitzen tief in der Haut. Das Gefühl, von allen beobachtet und bewertet zu werden, auch. „Viele wissen, wie es sich anfühlt, nervös zu sein. Wenige aber, wie es ist, aus Angst nicht mehr aus dem Haus gehen zu können“, sagt Kiernan. „Anxiety“ heißt das Bild und fängt ein, was Sozialphobie bei Kiernan auslöst. „Es greifbar darzustellen, gibt mir die Hoffnung, dass andere mich besser verstehen können.“

Robert Haas

Die Kunst hilft Kiernan, sich selbst besser zu verstehen. Und auch die eigene Einzigartigkeit mehr wertzuschätzen. „Wir sind alle aus demselben Baumaterial und doch so besonders. Indem ich viele Körper malte, fand ich einen besseren Bezug zu meinem“, sagt Kiernan. Der lange Kampf mit einer Essstörung und einer selbstbestimmten Geschlechtsidentität machte das zu einer mühsamen Herausforderung.

Robert Haas

Hoffnung – das soll die Blume symbolisieren, die Kiernan aus Draht, Frischhaltefolie und Papierseiten schuf. Das Papier stammt aus alten Tagebüchern. Es sind Seiten, die voll schmerzhafter Erinnerungen und Gefühle sind. „Trotz all den schlimmen Erfahrungen, die man macht, kann etwas Schönes entstehen. Kann etwas wachsen“, sagt Kiernan. In der Mitte der Blume liegt Glitzer.

Robert Haas

Kiernan möchte sich nicht einschränken, was Kunstformen und Materialen betrifft. Mut zum Experiment, Mut zum Ausdruck, auch bei belastenden Themen. „Cage“ heißt die Bildserie, die zeigen soll, wie es ist, den Körper als Käfig zu empfinden. „Die Person umarmt sich selbst. Das stellt den Versuch dar, in sich selbst Geborgenheit zu suchen“ sagt Kiernan. Vielleicht ist es eben das, was die Kunst für Kiernan ist: eine Umarmung an sich selbst.

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