Süddeutsche Zeitung

Münchens junge Kreative:Endlich frei

Wo arbeiten Münchens junge kreative Köpfe? Wir haben sie an ihren Arbeitsplätzen besucht und ihnen über die Schulter geschaut. Heute: Milena Toskova alias Glitta Rose.

Von Nicole Salowa

Es läuft düstere Musik. Das Gesicht von Glitta Rose ist schmerzverzerrt, während sie ihre Lippen zu einem eingespielten Monolog bewegt. Das mit Schärpen bestickte schwarze Kleid ergänzt die bedrückende Stimmung ihrer Drag-Performance, die sie vor ein paar Wochen im Lost Weekend aufgeführt hat. "Gerade setze ich mit meinem Drag einen Fokus auf Schattenseiten - ich zeige das von mir, was man anderen nicht offen zeigen möchte. Es ist Therapie", sagt Milena Toskova, 24, die sich als Dragqueen "Glitta Rose" nennt.

Tabus brechen möchte Milena mit ihrer Kunst, die für sie vor allem ein Befreiungsakt ist. "Ich wuchs in einer konservativen Familie auf, in der ich nicht das Gefühl hatte, ich selbst sein zu dürfen. Durch Drag erlaube ich mir genau das", sagt Milena. Bevor sie diesen Mai mit Drag anfing, war sie lange im Theater aktiv. Dass ihre Reise zu Drag führen würde, scheint sie aber geahnt zu haben. Schon seit zwei Jahren schwirrte ihr der Name "Glitta Rose" im Kopf herum. Typisch für Drag ist der Name ein Wortwitz - schnell ausgesprochen, wird daraus Klitoris.

"Mir war es wichtig, dass der Name sexuell ist, aber erst auf den zweiten Blick. Vor allem als Frau war es für mich schwierig, meine sexuelle Freiheit zu leben", sagt Milena. In ihrer aller ersten Drag-Performance erkämpfte sie sich dieses Recht zurück. Für ein Lip-Sync-Battle - eine Art Karaoke, nur dass man hier nicht singt, sondern die Lippen zu den Songtexten bewegt - schnitt sie drei Lieder zusammen: Es begann mit "Like a Virgin" und endete mit "Lets get physical" - die Songs waren bewusst gewählt: "Es geht um eine Frau, die gerne Sex hat und dazu steht. Bei meinem Drag geht es immer um Transformation", sagt Milena. Vor ihren Auftritten überlegt sie sich ein Konzept für ihre Geschichte.

So befreiend, wie es für sie ist, auf der Bühne zu stehen, so schwierig ist es aber auch. "Ich habe in meinem Leben viele traumatische Dinge erlebt, vergangenes Jahr konnte ich für lange Zeit mein Haus nicht verlassen", sagt Milena. Als sie dann zum ersten Mal zu einer Drag-Show ging, war sie gebannt von der Magie, die sich auf der Bühne abspielte. "Als ich sah, wie viel Freude die Menschen daran hatten, sie selbst zu sein, war mir klar: Davon möchte ich ein Teil sein", sagt Milena.

Nach ihrem ersten Auftritt ist sie mit einer bunten Explosion an Gefühlen konfrontiert gewesen. "Es kostete mich viel Überwindung, auf die Bühne zu gehen. Ich habe mit Ängsten bezüglich meines Körpers zu kämpfen. Es gibt in München kaum Drag-Artists, die so sind wie ich: dick, behindert und People of Color", sagt Milena. Sie schaffte es ins Finale, fühlte sich danach aber von der Community ignoriert. "Die Drag-Szene in München wird von männlich gelesenen Artists - den Dragqueens - dominiert. Es gibt wenig weiblich gelesene Menschen, die femininen Drag machen." Dass Drag in erster Linie eine vielfältige Performance-Kunst sei, die von jedem Geschlecht gemacht werden kann, falle in München noch oft unter den Tisch.

Obwohl die Künstlerin in den vergangenen Wochen häufig auf der Bühne stand, bleiben ihre Ängste ein treuer Begleiter. Indem sie Themen wie Selbstverletzung und Depressionen in ihren Auftritten verarbeitet, holt sie sich ihre Macht über sich selbst zurück. "Jeder will geliebt werden, aber keiner geht gerne auf die Bühne und sagt, wie einsam er ist. Auch wenn es mich immer noch Überwindung kostet auf die Bühne zu gehen: Mit jedem Mal beweise ich mir, meine Ängste definieren mich nicht", sagt Milena.

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