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Münchenmusik-Chef:Die Kurzfristigkeit der Verbote

Schessl

Ausnahmesituation: Andreas Schessl steckt mit Münchenmusik in der größten Krise, seit er 1984 seine erste Konzertreihe veranstaltete.

(Foto: Denise Medve)

Andreas Schessl rechnet als Chef der Klassik-Agentur mit vielen Monaten ohne normalen Konzertbetrieb und wünscht sich von den Behörden klare Ansagen in der Krise

Interview von Michael Zirnstein

Die staatlichen und städtischen Klassik-Institutionen sind vorerst sicher in der Corona-Krise, aber wie verkraften die privaten Veranstalter das Versammlungsverbot? Andreas Schessl wird als Chef von Münchenmusik bis August 170 Konzerte absagen oder verlegen müssen, von Orchestern wie der Academy of St Martin in the Fields bis zu Solostars wie Philippe Jaroussky, und wie lange die Aufführungssperre noch dauern wird, steht in den Sternen. Als einer der größten Klassik-Unternehmer des Landes steht der Spross einer Musikerfamilie damit stellvertretend für die ganze lahmgelegte Branche, deren feine Töne und gesellschaftliche Ereignisse sich nicht ins Internet verschieben lassen.

SZ: Alle Veranstaltungen fallen aus, was haben Sie gerade noch zu tun?

Andreas Schessl: Ironischerweise arbeite ich von früh bis spät, mehr noch als sonst. Wir sind Weltmeister im Verlegen von Konzerten geworden. In den ersten Wochen der Krise hieß es, wir verlegen mal in den Sommer hinein, dann in den Herbst. Der Erkenntnishorizont weitet sich, der Zweckoptimismus weicht einem Pragmatismus. Wir müssen mehrgleisig fahren, wir geben den Herbst noch nicht preis, bauen aber schon an Szenarien fürs Frühjahr oder die Saison 2021/22. Wir merken, dass bei vielen Menschen die Erwartungen da sind, wo die Hoffnungen gerade sind. Aber dieser Virus wird darauf keine Rücksicht nehmen.

Wie binden Sie die Künstler in Ihre Planspiele ein, sind die auch so flexibel?

Ich telefoniere ständig mit Künstlern, die bei uns angedockt sind. Es ist sehr wichtig, sie mitzunehmen in die Gedanken, die man so hat: Wann kann man wieder was veranstalten, zu welchen Bedingungen? Wir wissen ja auch nicht, wann ausländische Ensembles wieder reisen dürfen.

Auch den freiberuflichen Musikern brechen jetzt Einnahmen weg, und die versprochenen 3000 Euro Staatshilfe für KSK-Mitglieder werden nicht lange helfen.

Richtig. Das Geld, das wir als Veranstalter in die Künstlersozialkasse einzahlen, ist ja normalerweise eine sehr unliebsame Abgabe. Aber jetzt muss ich sagen: Da schätzt man unsere Sozialsysteme noch mal mehr.

Ein Veranstalter machen sich für die KSK stark, Anne-Sophie Mutter spricht bei der Kulturministerin für ihre Kollegen vor ... Herrscht derzeit in der Klassik-Branche ein stärkeres Miteinander?

Es gibt eine höhere Achtsamkeit. Und ich finde es auch sehr wichtig, dass sich Künstler wie Anne-Sophie Mutter oder Christian Thielemann für Künstler einsetzen, weil sie überhaupt die nötige Aufmerksamkeit bekommen können. Wir merken, wie schwer politische Lobbyarbeit für Veranstalter ist. Aber ja, es gibt derzeit viel mehr Gespräche. Eine positive Entwicklung.

Wünschen Sie sich mehr Unterstützung von Bund und Freistaat?

Das ist ein kritisches Thema. Wir sind kein subventionierter Kulturbetrieb. Deswegen tut sich die öffentliche Hand schwer, uns zu unterstützen. Die bestehenden Not-Programme über 9000 oder 15000 Euro sind sicher sehr gut, aber die helfen einem Unternehmen mit 40 Angestellten nicht. Immerhin hilft das Instrument der Kurzarbeit, unser Kern- und Planungsteam arbeitet extrem viel, aber im künstlerischen Betriebsbüro ist natürlich weniger zu tun. Ich würde mir aber von den Behörden sehr wünschen, dass die wahnsinnige Kurzfristigkeit der Spielverbote verschwindet. Momentan gehen alle Allgemeinverfügungen bis 3. Mai, wir haben aber bereits am 4. Mai den Organisten Cameron Carpenter in der Philharmonie zu Gast. Theoretisch. Natürlich weiß jeder: Das Konzert wird nicht stattfinden. Ich darf aber im Moment aus rechtlichen Gründen noch nicht absagen.

Weil Bayern noch nicht einmal klar geregelt hat, was unter einer abzusagenden Großveranstaltung zu verstehen ist?

Ja. Und selbst wenn klar wäre, dass eine Großveranstaltung ab 3000 oder 5000 Leuten beginnt, gelten ja auch die Abstandsregeln weiter. In der Philharmonie könnten dann - ich fantasiere jetzt mal - noch 400 Plätze belegt werden. Da könnten wir aus wirtschaftlicher Sicht sowieso nicht spielen, zumindest kein normales Programm. Ich wünsche mir mehr Vorlauf. Es ist doch klar, dass sich die Abstandsregeln in den nächsten Monaten nicht verändern. Also sollten die Behörden jetzt sagen: Passt auf, folgende Regeln gelten bis Oktober. Dann könnte sich jeder danach richten: die Künstler, das Publikum - und wir.

Könnten Sie in diesem Fall etwa Kammerkonzerte mit etwa 500 Zuschauern vom Carl-Orff-Saal in die Philharmonie hochverlegen? Gäbe es da ein Entgegenkommen vom Gasteig, den großen Saal vielleicht billiger zu vermieten?

Grundsätzlich ja. Für ein Not-Programm in den nächsten drei Monaten könnte man kleine Konzerte in größere Säle verlegen. Ich habe schon mit Max Wagner vom Gasteig drüber gesprochen, und da gibt es absolute Flexibilität und Denkfreiheit.

Und wie flexibel ist man bei den staatlichen Sälen? Man hört, dort herrsche eine rigorose Vermietsperre.

Die Säle sind für uns von existenzieller Wichtigkeit, und dafür brauchen wir Gesprächspartner, die unsere Lage verstehen. Natürlich sind die Säle gerade geschlossen, es gibt die Mietsperre. Aber mit dem Prinzregententheater, wo in der Akademie auch ausgebildet wird, wo also viel künstlerisches Verständnis da ist und nicht nur eine Saalverwaltung, da kann man schon besprechen, welche Möglichkeiten es für uns gibt nach den ärgsten Beschränkungen. Aber selbst wenn, können wir dort vielleicht mit 500 Besuchern ein Konzert durchführen, aber nicht mit 150.

Weil die Produktion nicht billiger wird.

Ja, genau. Aber was suchen wir alle im Konzert? Soziales Zusammenkommen und emotionale Erlebnisse! Und man muss sich schon fragen, ob das möglich ist, wenn da nur alle paar Meter jemand sitzt.

Auch für die Musiker würde es kaum zu befriedigenden Ergebnissen führen, wenn sie auf der Bühne Abstand halten müssen.

Das halte ich auch für höchst problematisch. Bezüglich der Verständigung der Instrumentengruppen wird ja schon unter normalen Umständen in der Philharmonie darüber gesprochen, wenn etwa die Bratschen keine Verbindung zur Ersten Geige haben. Natürlich kann man sich das für ein Experiment vorstellen in dieser besonderen Situation, aber das kann musikalisch nicht so sein, wie man es sich wünscht.

Was fordern Sie vom Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter in der Krise?

Ich habe nicht konkret mit ihm gesprochen, aber am Anfang der Krise gab es einen Round Table beim Kulturreferenten Anton Biebl. Ich habe mich gefreut, dass neben den Orchestern und großen Sälen auch ein Münchner Veranstalter teilnehmen durfte. Darauf kann ich zurückgreifen, wenn es ans Wiedereröffnen geht. Das wird eine sehr kritische Phase sein.

Nach Ihrer optimistischsten Planung: Was ist das erste Konzert, das Sie wieder veranstalten?

Ich tue mich schwer, da etwas zu sagen. Man springt auf jeden Fall zu kurz oder zu lang. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen normalen Spielbetrieb aufnehmen können ist dann da, wenn es eine Impfung gibt. Wenn ein medizinisches Wunder passiert, könnte das theoretisch noch für die Weihnachtssaison sein, mein Gefühl sagt mir aber, dass wir im Spätsommer 2021 wieder ohne Kompromisse veranstalten können. Aber unsere Konzerte sind geplant, sie sind auch im Verkauf, wir wollen spielbereit sein, falls es eher losgeht.

Wie lange können Sie durchhalten? Andere Veranstalter sagen: Maximal noch ein Monat, dann müssen wir dichtmachen.

Natürlich geht das an die Substanz. Das sind Millionenverluste, gar keine Frage. Ich bin froh, dass das nicht passiert ist, als ich Existenzgründer war, sondern in einer Situation, in der wir wohlgeordnete Verhältnisse haben. Wir haben uns auf 18 Monate Krisenzeit eingerichtet, so steht auch unsere Finanzierung da.

© SZ vom 29.04.2020

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