Münchener Kammerorchester eröffnet JubiläumssaisonAgil wie eine Big Band

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Komponist und Solist beim Studium der Partitur: Dieter Ammann (li.) und Nils Mönkemeyer.
Komponist und Solist beim Studium der Partitur: Dieter Ammann (li.) und Nils Mönkemeyer. (Foto: Florian Ganslmeier)

Das Münchener Kammerorchester eröffnet seine Jubiläumssaison mit der Erstaufführung des Violakonzerts von Dieter Ammann. Der Komponist bedankt sich zu Recht dafür.

Kritik von Egbert Tholl

Der Schweizer Komponist Dieter Ammann hat eine sehr profunde Jazz-Vergangenheit. Vermutlich ist diese Vergangenheit noch gar nicht vergangen, auf jeden Fall spielte er vor vielen Jahren unter anderem in einer eher experimentellen Funk-Band, zur Verfügung standen ihm vom eigenen Können her verschiedene Instrumente. Später verlegte er sich mehr und mehr aufs Komponieren, lustigerweise ist er in seiner neuen Profession sehr langsam, also nicht unbedingt Funk. Ammann braucht Jahre für jedes neue Stück, das er komponiert. Ende 2020 begann Ammann, an seinem Violakonzert mit dem Titel „No templates“ zu arbeiten. Jetzt hatte es seine deutsche Erstaufführung (nach der Uraufführung durch das Sinfonieorchester Basel), mit dem Solisten, für den er es schrieb: Nils Mönkemeyer.

Mit dem Stück, das es mit in Auftrag gab, eröffnet das Münchener Kammerorchester seine Jubiläumssaison: Seit 75 Jahren gibt es das Orchester, das seit nun 30 Jahren wiederum konsequent einen Weg verfolgt, auf dem es das Alte mit dem Neuen verbindet, Erst- und Uraufführungen mit Werken kontrastiert, die mal 100, mal 300 Jahre alt sind. Oder genauer, im Fall dieses Konzerts: 264 und 117 Jahre. Das eine ist eine frühe, zauberhafte Sinfonie von Joseph Haydn (Nr. 6 „Le Matin“), das andere die dritte Sinfonie von Charles Ives („The Camp Meeting“).

Das Kammerorchester mag Haydn. Unter der Leitung von Bas Wiegers spielt es die Sinfonie mit einer duftigen Leichtigkeit, als liefe man über eine Sommerwiese, die Flöte und die Oboen zwitschern wie Vögelein. Während Haydn komponierte, was sein Fürst hören wollte (stimmt nicht ganz, dazu war er zu sehr renitenter Künstler), komponierte Ives nur das, was ihn interessierte. Allerdings ist seltsamerweise seine dritte Sinfonie schlechter gealtert als die viel ältere von Haydn. Man muss das Entstehungsjahr 1908 mitdenken, dann kapiert man, dass das Stück in seiner bedeutungsvollen Zurücknahme wichtig sein könnte.

Zur Arbeit der gut beschäftigten Perkussionisten gehört auch das Schlagen auf eine leere Champagnerflasche

Bei Ammanns „No templates“ sind hingegen bereits die ersten Töne aufregend. Mönkemeyer zupft drei Töne auf der Bratsche, streicht einen vierten, das Orchester antwortet. Sofort ist klar, was das hier werden wird: das Erlebnis eines Miteinanders, Dialog, spontanes Reagieren, egal, wie fixiert das alles in der Partitur ist. Hier bricht der Jazz als Idee durch, das Stück ist nichts für Grübler, es geht hier ums Musikantische. Ammann reiht viele heterogene Einzelteile aneinander, manche rhythmisch-melodisch aufgeheizt, viele verspielt – zur Arbeit der beiden sehr gut beschäftigten Perkussionisten gehört auch das Schlagen auf eine leere Champagnerflasche.

Mönkemeyer hat sehr viel zu tun, werkelt sich mit rauem Ton durch viele Solopassagen, die nicht zu jeder Sekunde aufgeladen sind mit dem Geist höchster Inspiration. Aber, und darin ist Ammann großartig: Immer wieder kommen Solist und Orchester zu einem aufregenden Spiel zusammen, agil wie eine Big Band, punktgenau. Es geht um Musik, ums Spiel allein, auch wenn Ammann sein Stück mit einer lang ausgebreiteten Anbahnung von Stille enden lässt. Als wäre gerade etwas Weltbewegendes passiert, verlöschen die Streicher im Flageolett, werden kleine Zimbeln gestrichen. Dass sich Ammann danach voller Herzlichkeit bei Mönkemeyer, Wiegers und dem Orchester bedankt, ist nur recht so. Er verdankt ihnen an diesem Abend viel.

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