Weltweit führendes Festival für Neues Musiktheater:Was die "Münchener Biennale" so einzigartig macht

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Im Musiktheater "Searching for Zenobia" verweben die Komponistin Lucia Ronchetti und der Librettist Mohammad Al Attar die Geschichte der Archäologin Leyla und der antiken Königin Zenobia. Beide erfahren Flucht und Vertreibung. Hier Milda Tubelytė als Zenobia. (Foto: Joseph Ruben/Joseph Heicks)

Ob in einer Luxuslimo, im Maschinenraum eines Ausflugsdampfers oder im Weltall: Selten erlebt man Oper und Musikperformance experimentierfreudiger und auch politisch relevanter als beim Münchner Festival, das wieder viele Uraufführungen bietet.

Von Paul Schäufele

Musik ist bewegte Luft. Luft, die sich auf irgendwie gesteuerte Weise von einem Ort zum anderen bewegt und dann im besten Fall auf ein hörendes Publikum trifft. Das Motto "On The Way", mit dem Daniel Ott und Manos Tsangaris der letzten "Münchener Biennale" unter ihrer künstlerischen Leitung ein thematisches Profil geben, verspricht das: Denken und Musizieren in vielen Richtungen. Von Freitag, 31. Mai, bis Montag, 10. Juni, gibt das Festival für Neues Musiktheater dazu Gelegenheit. "Wir wollten kein harmloses Thema suchen, sondern ein vielschichtiges", sagt Daniel Ott. Migration ist daher ebenso Teil des Tableaus wie der Wasserkreislauf, die Bewegungen des Kapitals oder die Zukunft der städtischen Mobilität.

Wollen bei der letzten Münchener Biennale unter ihrer künstlerischen Leitung kein harmloses Theater bieten: (von links) Daniel Ott und Manos Tsangaris. (Foto: Manu Theobald)

Frauen auf der Flucht

Vermutlich ist sie unterwegs gestorben, auf dem Weg nach Rom. Doch ganz sicher weiß keiner mehr, wie es mit Zenobia zu Ende ging, der Herrscherin Palmyras, die im dritten Jahrhundert vom römischen Kaiser besiegt wurde. Auf die Suche nach der historischen Figur mythischen Ausmaßes machen sich die italienische Komponistin Lucia Ronchetti und mit ihr Leyla, die Protagonistin von "Searching for Zenobia". Das Musiktheaterstück, eine Kooperation mit dem Staatstheater Braunschweig, zu der Mohammad Al Attar das Libretto beigesteuert hat, verschränkt musikalisch die Ebenen im komplexen Spiel mit Vergangenheit - Tommaso Albinonis barocke Zenobia-Oper tritt auf - und mit einer fremden Gegenwart, die durch traditionelle syrische Musik hörbar wird, aufgeführt von der syrischen Sängerin Mais Harb und dem Perkussionisten Elias Aboud.

Zenobia: Fr., 31.5., und Sa., 1.6., 20 Uhr, So., 2.6., 17 Uhr, Muffathalle (Zellstr. 4), Karten für alle Vorstellungen der Biennale unter www.muenchenticket.de

Mini-Oper in der Luxuslimousine

Auto-Theater in einer bayerischen Luxuslimo: Komponist und Performer Nico Sauer nimmt das Publikum mit auf einen ungewöhnlichen Trip durch München. (Foto: Nicolai Sauer)

Wörtlich genommen hat der Münchner Komponist und Performancekünstler Nico Sauer das Festival-Motto. In seinem Rückbanktheater "Rüber" wird die Personenbeförderung zum musikalischen Ereignis. Während auf den hinteren Sitzen einer bayrischen Luxuslimousine das Publikum durch die Stadt gefahren wird, verwandelt sich der Auto-Innenraum durch Live-Performance in eine Mini-Oper auf Zeit. Das Auto-Theater startet mehrmals am Tag vom ehemaligen Gasteig, dem jetzigen Fat Cat. Auch in der Glashalle des Gebäudes werden die Verhältnisse zum Tanzen gebracht. Der US-Amerikaner Alvin Curran hat Musik für selbstspielendes Klavier geschrieben. Dieses Klavier hängt in seiner Installation "Footnotes 1.2" von der Decke und lädt von Zeit zu Zeit den Trompeter Marco Blaauw zum Dialog ein.

Rüber: Sa., 1.6., bis Di., 4.6., und Do., 6.6., bis Mo., 10.6., Abfahrten etwa alle 45 Minuten zwischen 14 Uhr und 20.45 Uhr ab Fat Cat (Haupteingang), Rosenheimer Straße 5.

Footnotes 1.2.: Installation begehbar von Sa., 1.6., bis Mo., 10.6., zwischen 8 und 23 Uhr, Performances am Mo., 1.6., 15 Uhr, Di., 2.5., 16 Uhr, Fr., 7.6., 17 Uhr, Sa., 8.6., 18.30 Uhr und So., 9.6., 18 Uhr

Alles fließt

Wasser ist eine Grundmetapher: Der Verkehr fließt (oder halt nicht), Menschen strömen durch eine Fußgängerzone, Warenflüsse werden unterbrochen. Die Komponistin Kai Kobayashi hat deshalb mit Simone Aughterlony eine klanglich-visuelle Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser gesucht. "Shall I Build a Dam?", das nach der Uraufführung in München an der Deutschen Oper Berlin gespielt wird, befragt aus posthumaner feministischer Perspektive das Verhältnis der Körper zum Element in all seinen Aggregatzuständen. Alles fließt: Wasser wandelt sich, Geschlechter-Rollen verschmelzen.

Shall I Build a Dam?: Sa., 1.6., 18 Uhr und So., 2.6., bis Di., 4.6., jeweils 20 Uhr, Schwere Reiter (Dachauer Straße 114)

Klänge in den Isarauen

"Man kann nicht sagen: Ich gehe ins Theater, der Lappen geht hoch und ich lass' mich bespielen." Was Manos Tsangaris generell über die Biennale sagt, gilt noch mehr für das Projekt "Territorios Duales / Doppelter Boden". Der bolivianische Komponist Carlos Gutiérrez Quiroga und die Künstlerin Tatiana López Churata teilen ihre Expertise mit einer Gruppe Freiwilliger, die in den vergangenen Tagen von indigenen Instrumenten inspirierte Trompeten und Okarinas gebaut haben. Das Ergebnis wird als mobile Klangskulptur im neuen Gasteig und den Isarauen hörbar.

Territorios Duales: So., 2.6., und So., 9.6., jeweils 14 Uhr und 17.30 Uhr, Gasteig HP 8

Virtual Reality im Maschinenraum

Die Münchner Kompositionsstudierenden Eve Georges und Jiro Yoshioka (Foto) haben sich für ihr Stück "nimmersatt" den Maschinenraum der "Alten Utting" gewählt. (Foto: Zhongzixia Yao)

Ein ehemaliger Ausflugsdampfer wird zur Kulisse einer immersiven Installation: Der Maschinenraum der "Alten Utting" wird zum Ort der Auseinandersetzung mit der Nahrungsmittelindustrie und ihren Verflechtungen mit der internationalen Politik. Virtual-Reality-Brillen kommen dabei zum Einsatz und werden mit Live-Musik kombiniert. Die stammt von den Münchner Kompositionsstudierenden Eve Georges und Jiro Yoshioka. Die Regie stammt von Paulina Patzer und Waltraud Lehner, die musikalische Leitung haben Henry Bonamy und Markus Hein.

nimmersatt: Mo., 3.6., bis Do., 6.6., jeweils 16 Uhr, 17.30 Uhr und 19 Uhr, Alte Utting (Lagerhausstraße 15)

Was für ein Glück

Ebenfalls kulinarisch inspiriert ist die abendfüllende Körper-Trilogie, die sich die Komponisten Andreas Eduardo und Patrick Frank und der Regisseur Georg Schütky ausgedacht haben. Im Foyer des Fat Cat dienen die Stationen Herz, Hirn und Darm als Ausgangspunkte einer Befragung des Konzepts "Glück". Was braucht der Einzelne, um glücklich zu sein? Welche Rolle spielt das Kollektiv dabei? Der Abend als artistisches Kaleidoskop, das Musik, Theater und Diskurs nebeneinander schillern lässt, um im gemeinsamen Abendessen auszuklingen.

Wie geht's, wie steht's: Di., 4.6., bis Fr., 7.6., 18 Uhr, Fat Cat (Rosenheimer Straße 5)

Musikgesteuerter Bahnhof

In "Turn Turtle Turn" stellt die finnische Gruppe "Oblivia" (hier bei der Probe im HP8) Tiefenbohrungen in die prähistorische Vergangenheit an. (Foto: Judith Buss)

Mit der brennend aktuellen Frage nach der Mobilität der Zukunft setzt sich die zweite Trilogie der Biennale auseinander, wobei drei Produktionen unter dem Titel "Die neuen Linien" zusammengefasst werden. Das "MBE", das die Berliner Opernkompanie Novoflot und die Komponistin Du Yun ins Zentrum ihrer Arbeit rücken, steht dabei ausnahmsweise nicht für die stillgelegte Mülheim-Badenweiler Eisenbahn, sondern für ein Verkehrsprojekt, das mit maximaler Breitenwirkung (Maximum Broad Effect) den Max-Joseph-Platz in einen musikgesteuerten Bahnhof verwandeln soll - "The gates are (nearly) open". In "Turn Turtle Turn" stellt die finnische Gruppe "Oblivia" Tiefenbohrungen in die prähistorische Vergangenheit an. In der Kombination von pointierten Texten, Bewegung und Musik soll in der Bibliothek des neuen Gasteigs eine Frage gestellt werden: "Wie ist es nur so weit gekommen?" Ganz gegenwärtig geht das Maastrichter Kollektiv "Het Geluid" der Frage nach, wie wir gleichzeitig digital und analog existieren ("In Passage").

Die neuen Linien: "The gates are (nearly) open": Mi., 5.6., Do., 6.6., Sa., 8.6., So., 9.6., 16 bis 21 Uhr, Max-Joseph-Platz; "Turn Turtle Turn": Mi., 5.6., 16 Uhr, Do., 6.6., 16 Uhr, Fr., 7.6., 15 Uhr, So., 9.6., 16 Uhr, Münchner Stadtbibliothek, Gasteig HP 8; "In Passage": Mi., 5.6., und Fr., 7.6., bis So., 9.6., jeweils 19 Uhr, Treffpunkt: Vereinshaus Scholastika (Ledererstraße 5)

Weltraum-Oper mit Defekt

Die letzte Uraufführung des Festivals macht sich auf die Reise ins All. Da die Erde endgültig verwüstet wurde, setzen sich die Figuren von "Defekt" ins Raumschiff, werden dort allerdings mit Problemen eigener Art konfrontiert. Die Space Opera, die diesen Namen verdient, stammt vom jungen Istanbuler Komponisten Mithatcan Öcal, der sich in den vergangenen Jahren als eigenständige Stimme im Neue-Musik-Kosmos Gehör verschaffen konnte. Das Libretto zur Weltraumoper stammt von der Berliner Künstlerin cylixe. Auf die Frage nach einem Stück für Biennale-Interessierte, die noch Zugang zu Neuer Musik brauchen, sagt Manos Tsangaris: "Ich würde hemmungslos 'Defekt' empfehlen."

Defekt: Sa., 8.6., bis Mo., 10.6., 20 Uhr, Muffathalle (Zellstraße 4)

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