Planungsfiasko bei S-Bahntunnel:Reiter attackiert Deutsche Bahn: "Es ist eine Unverschämtheit"

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Planungsfiasko bei S-Bahntunnel: Die Bauarbeiten für die zweite Stammstrecke dauern wohl fast zehn Jahre länger als geplant.

Die Bauarbeiten für die zweite Stammstrecke dauern wohl fast zehn Jahre länger als geplant.

(Foto: imago images/STL)

Es sei "einigermaßen unglaublich", wie sich das Unternehmen aktuell verstecke, so der Münchner OB. Der Freistaat solle die Bahn zur Offenlegung aller Fakten zur zweiten Stammstrecke zwingen.

Von Heiner Effern

Ein unverschämtes Versteckspiel, ein Bauherr, der seine Auftragnehmerin nicht im Griff hat, ein Bundesminister, der lieber zum Feiern geht als sich um seine Aufgaben zu kümmern. So beschreibt der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) seine Sicht auf das Desaster um die zweite S-Bahn-Stammstrecke. Er forderte als Konsequenz nun ein Sofortprogramm, um das bestehende S-Bahn-Netz zu ertüchtigen: mehr Züge, Ausmerzen von Schwachstellen, einen akzeptablen dichteren Takt auch auf den Außenästen. Fast zehn Jahre Verzögerung bei der zweiten Stammstrecke, da brauche es Alternativen. Es sei höchste Zeit "für ein sichtbares Zeichen, dass in Berlin nicht nur gequatscht wird", sagte Reiter.

Nachdem sich vergangene Woche der Freistaat Bayern und das Bundesverkehrsministerium massiv angegangen waren, machte sich am Montag der Münchner OB Luft. Die Stadt ist zwar nicht verantwortlich, aber die Hauptbetroffene von den schlechten Nachrichten: Die Kosten sollen von 3,8 auf 7,2 Milliarden Euro steigen. Die ersten Züge sollen sich neun Jahre verspäten, also statt 2028 erst 2037 fahren. Reiter lenkte die Aufmerksamkeit auf das Unternehmen des Bundes, das die Hauptrolle spielt im neuesten Drama um den Münchner Nahverkehr: die Deutsche Bahn (DB).

Diese soll als Auftragnehmerin des Freistaats die zweite unterirdische S-Bahn-Strecke vom Ostbahnhof bis nach Laim bauen, doch schon bevor die erste Tunnelbaumaschine in Bewegung kommt, fragt sich nicht nur OB Reiter, ob die Strecke jemals fertig wird. Es sei "einigermaßen unglaublich", wie die Bahn sich wieder einmal verstecke, wenn sich nicht nur 400 000 Pendler fragten, wie es nun weitergehe, sagte der Oberbürgermeister. "Es ist eine Unverschämtheit, wie man hier mit den Bürgerinnen und Bürgern umgeht."

Planungsfiasko bei S-Bahntunnel: Ärgert sich über das Wegducken der Deutschen Bahn: Münchens OB Dieter Reiter.

Ärgert sich über das Wegducken der Deutschen Bahn: Münchens OB Dieter Reiter.

(Foto: Florian Peljak)

Die Bahn sagte lange immer nur, dass sie Kosten und Bauzeit prüfe. Aktuell gib es dazu eine neue Variante: "Wir stehen im regelmäßigen Austausch mit unseren Projektpartnern. Dies umfasst auch die Zeit- und Kostenpläne des Projekts, die wir aktuell überprüfen", sagte eine Sprecherin. Als der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) die neueste Entwicklung am vergangenen Donnerstag in einer spontanen Pressekonferenz mitteilte, stritt er das ab. Ihm lägen keine Aussagen der Bahn vor, er stütze sich auf eine Rechnung seines Hauses, sagte er. Das wiederum ärgert nun den Münchner OB Reiter, der Bernreiter eigentlich schätzt. Der Freistaat müsse als Auftraggeber die Bahn einfach zwingen, endlich die Fakten auf den Tisch zu legen. "Ich würde das als Projektherr schon schaffen, dass die antworten", sagte Reiter. Aber die Stadt habe mit der Bahn kein Vertragsverhältnis.

Zwingen könnte die Bahn wahrscheinlich auch der Bundesverkehrsminister, schließlich gehört sie dem Bund. Eigentlich hatte die bayerische Staatsregierung am Donnerstagmittag mit Amtsinhaber Volker Wissing (FDP) besprechen wollen, wie es vor allem mit der Übernahme der Kosten weitergeht. Doch dieser sagte am Mittwochabend überraschend ab. "Termingründe", hieß es aus seinem Haus. Das kam nicht nur im bayerischen Verkehrsministerium und in der Staatskanzlei, sondern auch im Münchner Rathaus verdammt schlecht an. Auch deshalb, weil Wissing am selben Tag für einen Besuch des Münchner Flughafens und ein Dinner in der Stadt schon die nötige Zeit fand. "Abends beim Feiern" sei der Verkehrsminister dabei gewesen, zum politischen Termin davor "wollte er nicht erscheinen", sagte Reiter.

Dafür kann sich der Oberbürgermeister nur zwei Gründe zusammenreimen. "Er weiß nicht Bescheid oder er wollte keine bad news verkünden." Da habe einer seine Pflichten völlig vergessen, findet Reiter, darüber werde er Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) informieren. Geschrieben habe er ihm schon, und man dürfe davon ausgehen, dass er in Kürze mit Scholz auch persönlich darüber sprechen werde. Mit dem bayerischen SPD-Chef Florian von Brunn, auch ein Münchner, liegt Reiter voll auf einer Linie. Eine "Katastrophe" seien die Kostenexplosion und die Verzögerung, das gelte für die Verkehrswende in Bayern insgesamt und für München insbesondere, sagte Brunn.

Denn von der zweiten Stammstrecke hänge nicht nur eine bessere Anbindung des Großraums München ab, sondern auch weitere Projekte seien damit eng verbunden und nun gefährdet. Brunn nennt als Beispiel die geplanten S-Bahn-Anbindungen bis nach Landshut in Niederbayern und Mehring in Schwaben. In München sind laut OB Reiter vor allem die Pläne der neuen U9 betroffen, für die im Rahmen der Bauarbeiten an der neuen Stammstrecke vorsorglich eine Haltestation am Hauptbahnhof vorab errichtet werden müsste. Im Moment könne er dem Stadtrat nicht empfehlen, die nötigen 500 Millionen Euro dafür vorzustrecken, sagte Reiter.

Das Treffen in der Staatskanzlei zu diesem essentiellen Thema allerdings hatte nicht nur Wissing verweigert, sondern auch der Oberbürgermeister selbst. Er wollte lieber den Personalreferenten Alexander Dietrich (CSU) verabschieden als sich die Neuigkeiten zur zweiten Stammstrecke anhören. Deshalb hätte für die Stadt die zuständige Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne) teilgenommen. Reiter habe auch den vierten und letzten scheidenden Referenten am Ende seiner Amtszeit verabschieden wollen, um alle gleich zu behandeln, hieß es aus dem Rathaus.

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