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Zweite Stammstrecke:Nur noch ein bisschen Widerstand

Warnhinweise vor einer Baustelle

Auf einer Baustelle lauern viele Gefahren - auch für das Image der Bahn, wenn sie bei der zweiten Stammstrecke keine Rücksicht auf Anwohner nimmt.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Wenn ein Projektleiter der Bahn auf Haidhauser Bürger trifft, kann es schon mal hoch hergehen. Doch nach diversen Planänderungen für die zweite Stammstrecke läuft eine Versammlung dieses Mal recht entspannt ab

Dieses Mal war die Tonhalle im Werksviertel nicht ganz so voll, wie am 18. Mai 2017. Damals waren etwa 900 Haidhauser gekommen, um sich über den Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke zu informieren; nicht wenige von ihnen waren speziell erschienen, um gegen das Projekt zu protestieren. Auch wenn sich seither vieles zum Guten für die Bürger verändert hat, dürften es am Montagabend, bei der zweiten außerordentlichen Bürgerversammlung zum Thema Stammstrecke, immer noch rund 500 Bewohner der Stadtbezirke Au-Haidhausen und Berg am Laim gewesen sein.

Die Stimmung war dieses Mal deutlich entspannter, obwohl erneut viele Gegner des Projekts gekommen waren. Und wieder taten sie ihre Ablehnung kund, diesmal in Form von Anträgen. So muss sich die Stadtverwaltung mit diversen Beschlüssen der Bürgerversammlung befassen, wie es ihre Pflicht ist. Unter anderem stimmte die Versammlung dafür, noch einmal den Naturschutz in den Maximiliansanlagen und die Nutzen-Kosten-Rechnung der Stammstrecke im Vergleich zum S-Bahn-Südring zu prüfen. Das sind Anträge zu eigentlich erledigten Themen. Sie verdeutlichen aber die kritische Haltung einiger Bürger, die sich zur "Initiativgruppe Haidhausen" zusammengetan haben. Auch die Bürgerinitiative Haidhausen, die mit der Initiativgruppe nichts zu tun hat, kündigte an, das Projekt weiter kritisch zu begleiten.

Doch zunächst wiederholte der scheidende Projektleiter der Deutschen Bahn Markus Kretschmer - er wird zum Jahresende von Kai Kruschinski abgelöst - die Umplanungen der Stammstrecke. Diese führen dazu, dass die Haidhauser während der Bauphase ruhiger schlafen können, als zunächst befürchtet. Mit dem Umzug des S-Bahn-Halts am Ostbahnhof zur Friedenstraße entfällt nicht nur die Baugrube am Orleansplatz. Weil die Bahn nun eine dritte Röhre für einen Rettungstunnel bohrt, entfallen auch fünf geplante Rettungsschächte, die jeweils eigene Großbaustellen geworden wären. Darunter ist auch der Schacht an der Kellerstraße, der nun nicht mehr notwendig ist.

Auf den Rettungsschacht in den Maximiliansanlagen kann die Bahn nicht verzichten, er fällt in seinen Dimensionen allerdings kleiner aus, als zunächst vorgesehen. Auch die Belastung durch Baustellenverkehr soll so geringer ausfallen. Zu erwarten sind laut Kretschmer etwa fünf bis zehn Lastwagen pro Tag. Wann der Schacht ausgehoben wird, ist derzeit noch offen. Die Bauzeit wird etwa zwei Jahre betragen. Wie Kretschmer erklärte, überlege man derzeit, die Arbeiten während der Monate Mai, Juni und Juli auszusetzen, damit der nahegelegene Sportplatz zumindest noch teilweise genutzt werden kann.

Ein neuer Rettungsschacht entsteht an der Rosenheimer Straße auf Bahngelände. Anwohner sollen davon also nicht betroffen sein. Ebenso fürchtet die Bahn keinen Widerstand von Bürgern bei der künftigen S-Bahn-Station an der Friedenstraße. Weil aber die - immer noch genutzte - Autoverladestation dafür weichen muss, rechnet der Projektleiter mit Widerstand des privaten Anbieters train4you, der vom Ostbahnhof aus Verbindungen mit dem Autoreisezug nach Hamburg anbietet. Die Bahn selbst hat ihre Autozüge vor drei Jahren eingestellt. 25 Be- und Entladungen sind nächstes Jahr geplant. Und während train4you dies als Argument sieht, die Verladestation zu erhalten, hält Kretschmer die Zahl der Verladungen für so gering, dass man sie ersatzlos streichen kann.

Dafür hob er erneut die Vorteile des neuen Standorts hervor. Die Station liege nun nicht mehr in 37, sondern nur in 16 Metern Tiefe, was einen deutlich schnelleren und günstigeren Bau ermöglicht. Auch wenn das Projekt wegen der Umplanungen nach aktuellem Stand etwa 200 Millionen Euro teurer wird, bleibt die Bahn nach Darstellung des Projektleiters damit immer noch im Kostenrahmen von 3,8 Milliarden Euro.

Freilich wird nun ein neues Planfeststellungsverfahren nötig, sodass die Stammstrecke erst zwei Jahre später, also 2028, fertig wird. Doch diese Wartezeit will die Bahn nutzen, um am Ostbahnhof das rund 50 Jahre alte Stellwerk der ersten Stammstrecke durch ein neues zu ersetzen. Ein weiterer Vorteil des neuen Standortes an der Friedenstraße ist eine neue Fußgängerunterführung auf Höhe der Grafinger Straße, die direkt das Werksviertel mit dem dort geplanten Konzertsaal anbindet.

15 Züge sollen künftig pro Stunde durch die neue Röhre fahren, 21 durch die alte, statt wie bisher 30. Das klingt bei den hohen Baukosten nach nicht gerade viel. Doch bei der zweiten Stammstrecke geht es auch darum, den Verkehr im Tunnel zu entzerren. Mit den aktuell 30 Zügen ist das System absolut am Limit. Kommt es zu Störungen, wirken sich diese wegen der hohen Auslastung auf den gesamten Verkehr drastischer aus, als wenn weniger Verkehr herrschen würde.

Glaubt man Frank Kutzner vom Verkehrsministerium, soll die S-Bahn durch neue Züge und ergänzende Baumaßnahmen im Netz von 2028 an um 40 Prozent leistungsfähiger sein. Dass die neuen Stationen dann moderne Bahnsteigtüren bekommen, um die Sicherheit zu erhöhen, stehe derzeit noch nicht fest. Laut Markus Kretschmer ließen sich diese aber problemlos nachrüsten.