Null Acht Neun:Stenz müsste man sein

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Das Wesen dieser vom Aussterben bedrohten Spezies liegt darin, sich so weit wie möglich den Zwängen zu entziehen, aus den kleinen Fluchten des Alltags größere Fluchten werden zu lassen.

Glosse von Christian Mayer

Es gibt einen Typ Münchner, von dem eine beruhigende Wirkung ausgeht, denn von Großstadt-Hektik, Berufsstress und emotionaler Erschöpfung hat er noch nie gehört. Wenn alle anderen um ihn herum die Nerven verlieren, weil die S-Bahn ausfällt, der Mittlere Ring unter Verstopfung leidet oder ein dringender Abgabetermin im Job naht, bleibt er moderat vergnügt, nicht allzu euphorisch, das würde seinem Naturell widersprechen, aber grundsätzlich heiter und fast schon provozierend langmütig. Er drosselt dann das Tempo, sucht sich draußen einen gemütlichen Sitzplatz und versucht, sich möglichst so zu positionieren, dass sein noch immer prächtiges Haupthaar in der Sonne glänzt. Bringt ja alles nichts. Das Leben ist kurz, und die Isar fließt auch nächstes Jahr noch Richtung Norden.

Diese Gelassenheit haben nicht mehr viele Münchner, dafür muss man schon ein Stenz sein. Das Wesen dieser vom Aussterben bedrohten Spezies liegt darin, sich so weit wie möglich den Zwängen zu entziehen, aus den kleinen Fluchten des Alltags größere Fluchten werden zu lassen. Der Stenz braucht für sein bescheidenes Glück materiell gar nicht so viel, auch wenn er gerne in gesicherten Verhältnissen lebt - eine bescheidene Bleibe in einem netten Viertel wie Thalkirchen reicht ihm völlig aus, idealerweise in einer mietfreien, gut verwalteten Immobilie.

Ein besonderer Wesenszug hat mit seinem Biorhythmus zu tun: Der Stenz mag es überhaupt nicht, zu früh geweckt zu werden, sein außerordentliches Schlafbedürfnis zwingt ihn zu längeren Ruhepausen. Allerdings legt er, wenn er dann mal wach ist, viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres und auf die Bewunderung der anderen, die ihm anerkennende, sogar verliebte Blicke zuwerfen. Einen erheblichen Teil seines Selbstwertgefühls bezieht der Stenz durch die Anteilnahme des weiblichen Publikums, seiner wechselnden Anhängerinnen, die ihm schöne Augen machen.

Manchmal kann der Stenz sein Glück gar nicht fassen - etwa wenn er ohne harte Arbeit und Finanzierungssorgen noch mit einer neuen Immobilie beschenkt wird, einem Domizil in Münchner Bestlage. Im Tierpark Hellabrunn eröffnet an diesem Wochenende offiziell die neue Löwenanlage, sonnige Liegeplätze und beheizbare Höhlen sind dort garantiert. Ist das nicht alles total aufregend?

Aber nicht doch, die beiden künftigen Bewohner, Max und Benny, sind echte Münchner Stenze. Sie werden sich auch an ihrer neuen Wirkungsstätte keinesfalls aus der Ruhe bringen lassen und höchstens mal aufreizend gähnen.

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