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Hochschule:Der Uni-Dozent für die Kunst der Manipulation

Mit Leichtigkeit lässt Max Schneider zum Beispiel Tische schweben. Und natürlich verrät er keinen seiner Tricks. Das geht gegen die Berufsehre.

(Foto: Robert Haas)

Max Schneider ist Magier. Am Institut für Theaterwissenschaft der LMU in München unterrichtet er Zauberkunst - ohne seinen Studenten zu viel zu verraten.

Der dunkelbraune runde Holztisch hebt ganz langsam vom Boden ab. Gerade stand er noch im Büro von Theaterwissenschaftsprofessor Michael Gissenwehrer, jetzt schwebt er mit seiner tellergroßen Tischplatte einen halben Meter über dem Boden. Das Gesicht von Max Schneider mit dunklem Vollbart, Brille und einem breiten Lächeln ist kaum mehr zu sehen. Schneider, der neue Dozent an der Fakultät, sagt: "Meine Shows sind auch Forschungsgegenstand meines Seminars."

Seine Shows sind mit zig Preisen ausgezeichnet worden. Und die Forschung, die betreibt er mit seinen Studenten der Theaterwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität. Schneider erzählt ihnen, wie die Kunst der Illusion vor 2500 Jahren bei den Ägyptern das erste Mal auf Papyrus festgehalten wurde, wie man seine Fähigkeiten im Theater einsetzen und was dabei schiefgehen kann, wie zum Beispiel bei Chung Ling Soo 1918 in London.

Schneider lässt den Tisch, den er mit Daumen und Zeigefinger beider Hände an der Tischdecke hält, langsam wieder auf den Boden gleiten. Dabei stellt der suchende Betrachter fest, dass Schneiders rechter Arm nicht so elegant entspannt wirkt wie der linke. Ob er damit den Tisch hält? Schneider sagt: "Männer wollen wissen, wie es geht, Frauen lassen sich viel mehr mitnehmen und beeindrucken."

Und schon ist der Mann bei Theorie und Forschung. Wobei er vielleicht als einziger Lehrbeauftragter an den Unis dieser Stadt ein scheinbar schwer lösbares Problem hat: Er darf nicht verraten, was er da macht. Das heißt in der Zauberkünstlersprache dann Trickverrat und wird schwer geahndet vom Zirkel der Zauberkünstler. Aberkennung der Lizenz und Geldstrafen gibt es. Allerdings verrät Schneider dann doch den ein oder anderen Trick. Den von Chung Ling Soo zum Beispiel, denn zum einen wurden sogar Bücher über ihn geschrieben, zum anderen ist der Grund für seinen Tod bis heute ungeklärt. War es ein Unfall, war es Mord - oder Selbstmord?

Chung Ling Soo, ein Amerikaner, der sich als Chinese ausgab, hatte eine heute klassische Nummer im Programm, den Kugelfang. Er ließ von einem Assistenten mit einer Pistole auf sich schießen - zuvor durfte ein Gast die Kugel mit Einkerbungen markieren - und Chung Ling Soo fing die Kugel mit den Zähnen auf. In Wirklichkeit funktionierte der Trick natürlich mit einer Platzpatrone, doch am 23. März 1918 wurde die Kugel wirklich abgeschossen und tötete den Zauberkünstler. "Das war ein Meilenstein in der Geschichte der Zauberkunst", sagt Schneider. Das klingt makaber, aber das Ereignis hat die Illusionskunst auf jeden Fall bekannter gemacht.

"Die erste dokumentierte Zaubernummer fand am Hofe von Cheops statt", erzählt Schneider, der zwischen Sätzen immer mal ein "Ach ja" einhängt, wie Großeltern, die sich an frühere Zeiten erinnern. "Der erste war damals der Enthauptungstrick." Einer Gans wurde am Hof von Cheops der Kopf abgeschlagen und die geteilte Gans auf zwei Teile des Raumes verteilt, ehe sie wieder zusammengesetzt wurde und lebendig war. Wie haben die das gemacht? Der 33-Jährige antwortet mit der Souveränität von 24 Jahren Zauberkunst - nicht. Eigentlich interessiert in seiner Vorlesung ja auch eher das Wow als das Wie.

Das Wissen über die Entstehung der Zauberkunst soll angehenden Theatermachern ein Gefühl geben, wann Illusion im Theater sinnvoll ist. Abgesehen davon, dass im boomenden Zauberkunstgewerbe sich die Illusionisten von Regisseuren beraten und coachen lassen, also die Zauberkunst auch ein Berufsfeld für Uni-Absolventen sein kann. Schneider hat für eine neue Show gleich drei engagiert.

Bislang habe man einen Schwebeeffekt wie etwa bei Peter Pan im Theater ruhig durchschauen können, "man sah die Seile", bei der Zauberkunst dürfe man aber eben nichts sehen. Sonst gibt es kein Wow, nur ein Aha. Diese Einstellung der Theatermacher ändere sich aber gerade. Das führt zu Fragen wie etwa: Wie kann ich jemanden schweben lassen? Über Spiegelungen. Eine Person befindet sich im Keller, scheint aber über verschieden aufgehängte Spiegel auf der Bühne zu schweben.

Schneider setzt sich und breitet auf einem Tisch drei Messingbecher und einen Ball vor, den Klassiker. Während des kurzen Aufbaus erzählt er von seinem Werdegang: Zauberkasten mit neun, Zauberschule Pullach, Deutscher Vizemeister U18 mit zwölf, jüngster vom Verband Magischer Zirkel Deutschland anerkannter Zauberkünstler, Abitur, Theaterpraktikum in Frankreich, Romanistik-Studium, Wechsel an die August Everding Theaterakademie zum Dramaturgie-Studium, nebenher längst mit der Zauberei Geld verdient und dann die Illusion zum Beruf gemacht. Und schon rollen die Bälle, und die Messingbecher zeigen sie dort, wo man sie nicht erwartet. In der Historie ist das die Zauberkunst des alten Roms, die Taschenspieler, die Scharlatane, die ihre Zuschauer betrogen, auch das kommt in Schneiders wöchentlichem Seminar vor, das zum nächsten Semester startet.

Seit Schneider vor zehn Jahren zum ersten Mal ein Referat über die Zauberkunst beim Weltkongress der Theaterwissenschaften hielt, ist er zur wissenschaftlichen Anlaufstelle geworden. Und er ist wirklich auskunftsfreudig. In seinem Redefluss spricht er Worte oft doppelt, wie "schön, schön", und dazu in einem Duktus, wie Erzieherinnen mit Kindern sprechen, langsam und deutlich. Schneider rollt dadurch einen Sprachteppich aus, denn "in den Momenten, wo ein Zaubertrick vollführt wird, muss der Zuschauer abgelenkt sein." Bei ihm durch Worte. So macht er das auch immer bei der Vorführung des Klassikerklassikers, dem Zylinder und dem Kaninchen. In dem Moment, in dem der Magier das Kaninchen aus seinem Ärmel in den Zylinder rutschen lässt, muss der Zuschauer zuhören. Schneider erzählt dann die Geschichte, wie er von einer langen Reise zurückkommt und geschafft ist. Bei "geschafft" lässt er die Schultern fallen - und das Kaninchen in den Hut.

"Der kann das einfach", sagt Michael Gissenweher, der für den Bereich zuständige Professor an der Fakultät. Schneider sei in "dieser schon etwas komischen Gruppe der Magier" sehr gut vernetzt und ein "brillanter Selbstdarsteller", was in diesem Zusammenhang als Kompliment zu verstehen ist. Als er für seine Studenten nach einem "Zuckerl von draußen" gesucht habe, etwas abseits der üblichen Analyse, der Geschichte und Theorie, sei er auf Schneider gestoßen, der nun der erste Zauberkunst-Dozent in der deutschsprachigen Theaterwissenschaft sei. Da man den Studenten heute auch etwas bieten müsse, gebe es nun Praxis im Unterricht und immer wieder die Frage: "Wie manipuliert er uns?"

Durch Sprache, Auftritt, Fingerfertigkeit. Schneider ist mitten in die Boomzeit seiner Branche geraten. Durch im Internet zugängliche Videos der Magie-Shows, durch Sendungen wie "The next Uri Geller", durch den Rummel um Harry Potter habe die Zauberkunst sich vom Image der billigen Kinderbespaßung längst gelöst, sagt er. "Am Anfang habe ich mir noch angehört: Zauberkunst gehört doch nicht zur Hochkultur." Heute verlangen Magier längst Hochkultur-Honorare. Schneider tritt in Fünf-Sterne-Hotels auf, wird für Events gebucht, die Gage ist vierstellig.

Ein wenig Zauber-Philosophie gehört aber zu seinem Lehrauftrag offenbar auch dazu. "Das Ziel ist immer, die Menschen zum Staunen zu bringen." Schneider berichtet dann auch von Goethes Theaterstück über Zauberei oder Schillers Auslassungen zum Thema in "Der Geisterseher", er referiert über Kunstblut und die Halterungen bei Gehängten in den Stücken von Shakespeare, aber auch über Erik Jan Hanussen, "Hitlers Mentalist". Oder über die Frage, warum es so wenige Magierinnen gibt in der Branche.

"Es heißt, Magie sei eine Machtdemonstration", sagt der 33-Jährige, und die Gesellschaft sehe es vielleicht noch immer nicht gerne, wenn Frauen öffentlich Macht demonstrieren. Vor allem aber seien "Männer die größeren Kindsköpfe". Und er ist natürlich auch einer, denn das Ziel ist klar: Illusionen schaffen, die einen "mit dem inneren Kind verbinden". An der Stelle hat der Zauberer noch einen Überraschungseffekt parat. Das Dilemma, als Dozent keine Tricks verraten zu dürfen, sei eigentlich gar keins, sagt er. Man müsse das Geheimnis bewahren, sonst stehle man es den Zuschauern, die dann nicht mehr staunen dürften. Bei seinen Studenten sei es ohnehin so: "Sie wollen die Tricks gar nicht wissen."

© SZ vom 05.02.2020/kaal
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