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Nachruf auf Wolfgang Steuer:Der Mann, der München zum Tanzen brachte

Wolfgang Steuer war Tanzlehrer und die "Säule des Rock-'n'-Roll-Sports".

Als Wolfgang Steuer mit 17 Jahren mit seiner Familie aus Sonthofen kam, sah er in den Clubs Amerikaner Rock'n'Roll tanzen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wolfgang Steuer hat 30 Welt- und Europameisterschaften in die Stadt geholt. Nun ist der Tanzlehrer, der als "Säule des Rock-'n'-Roll-Sports" galt, im Alter von 74 Jahren gestorben.

Von Andreas Liebmann

Wolfgang Steuers Hände zitterten ein wenig. In zwei Tagen würde eine Rock-'n'-Roll-Weltmeisterschaft im Circus Krone stattfinden, eine große Sache, er war der Veranstalter. Aber daran lag es nicht. Es war ja nicht seine erste WM. Mehr als 30 Welt- und Europameisterschaften hatte Steuer zu diesem Zeitpunkt schon nach München geholt. Diese sollte nun die letzte werden unter seiner Leitung. Aber auch das machte ihn nicht nervös. Steuer saß an einer kleinen Sitzecke in seiner Tanzschule, umgeben von Pokalen, Urkunden und Fotos, die ihn mit Franz Josef Strauß oder Helmut Kohl zeigten. Es war Ende Oktober 2011, und Wolfgang Steuer, damals 66, blickte auf sein Leben zurück.

In zwei Tagen gegen Mitternacht, wenn die WM zu Ende wäre, würde seine Ära enden. Er hatte beschlossen, seine 1975 gegründete Tanzschule zu verkaufen. Dann werde er auch keine großen Turniere mehr veranstalten, das sei ohne Einnahmen aus der Schule ein zu großes Wagnis, erklärte er. Natürlich war er ein bisschen wehmütig, aber das wollte er sich nicht anmerken lassen. Also erzählte er mit verschmitztem Grinsen unter seinem grauen Oberlippenbart davon, wie alles anfing; wie er 35 Jahre zuvor mit ein paar Freunden seine erste EM veranstaltet hatte.

Einfach ausgerufen hätten sie sie, "rotzfrech, ohne Legitimation", weil es noch gar keinen Verband gab. Er gründete dann selbst die European Rock 'n' Roll Association, später führte er zwei Weltverbände zum WRRC zusammen, dem er 28 Jahre lang vorsaß. Hier in seiner Tanzschule war die Zentrale. Eigentlich hatte er Holzingenieur werden wollen. Als er mit 17 mit seiner Familie aus Sonthofen kam, sah er in den Clubs Amerikaner Rock 'n' Roll tanzen. Er wurde Tanzlehrer.

Steuers Hände zitterten nicht vor Aufregung. Er leide an Parkinson, erklärte er damals, seit 15 Jahren schon. Er ging offen mit der Erkrankung um, auch vor dem Weltverband: "Am Anfang geniert man sich, wenn man da etwas rumtattert", sagte er, "aber was soll's, ich muss ja damit leben."

Acht Jahre später blicken nun andere auf sein Leben zurück. Der deutsche Verband würdigt ihn als "Säule des Rock-'n'-Roll-Sports". Johann Preuhs von den Boogie Magic's Hohenbrunn erzählt, wie Steuer über Jahrzehnte den Tanzsport gefördert, wie er auch Preuhs' Formationen Auftritte beschafft und sie finanziell unterstützt habe. "Er hat ihnen unter die Arme gegriffen und sie begleitet."

Robert Obermeier vom SV Anzing erinnert an Steuers Tanzbälle am Bayerischen Hof, wo viele Sportler auftraten. Steuer habe Rock 'n' Roll sogar live ins Fernsehen gebracht, er habe die Formationsklassen erfunden, "er hat unseren Sport zum Sport gemacht", sagt Obermeier, der auch mal eine WM mit Steuer organisiert hat. Anzings Rock 'n' Roller waren sechsmal Weltmeister, die Boogie Magic's 13-mal. Der Mann, ohne den das nie möglich gewesen wäre, ist am Dienstag im Alter von 74 Jahren gestorben. Es heißt, er sei friedlich eingeschlafen.

© SZ vom 28.11.2019/syn

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