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Wolfgang Nöth:Ein Macher, manchmal auch ein Berserker

Wolfgang Nöth, 2013

"Mit seinem Dickschädel überwindet er auch mal behördliche Auflagen": Wolfgang Nöth.

(Foto: Stephan Rumpf)

Am Sonntag ist "Hallenmogul" Wolfgang Nöth gestorben. Dass München seit den Neunzigerjahren lange die Club- und Partyhauptstadt der Republik war, lag im Wesentlichen an ihm.

Nachruf von Franz Kotteder

Als Macher lassen sich ja viele gerne bezeichnen. Wenn aber einer in München ein Macher war, dann war das Wolfgang Nöth. Wo andere nur abschätzig die Nase rümpften über heruntergekommene Bruchbuden und schäbige Lagerhallen, sah er nur strahlende Unterhaltungspaläste, Spiegelzelte und märchenhafte Marktplätze - kurz, die Möglichkeiten, die noch in den ranzigsten Orten stecken. Und mehr noch: Er machte diese Möglichkeiten auch gleich zur Realität. Mit einer Energie und Tatkraft, die ihresgleichen suchte und die leider keinerlei Rücksicht nehmen konnte auf bürokratische Hemmnisse. Die räumte er oft und gerne unbekümmert zur Seite, sehr zum Missvergnügen der Stadtverwaltung. "Wolfgang Nöth ist ein Segen für die Stadt", sagte der damalige Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) einmal über den Hallenhamster Nöth, "aber eine Strapaze für die Verwaltung, und mit seinem Dickschädel überwindet er auch mal behördliche Auflagen."

Am Sonntagnachmittag ist Wolfgang Nöth nun im Alter von 77 Jahren in einer Münchner Klinik gestorben, nach kurzer Krankheit. Dass München seit den Neunzigerjahren lange die Club- und Partyhauptstadt der Republik war, lag im wesentlichen an ihm: Nöth, dem die Münchner Presse schon früh den seltsamen Titel "Hallenmogul" verliehen hatte. Der gebürtige Unterfranke wuchs als Waisenkind auf, seine jüdischen Eltern wurden von den Nazis ins KZ gesteckt, die Mutter überlebte die Haft nicht lange. Wolfgang wuchs bei Pflegeeltern und im Kloster auf, es war alles andere als eine schöne Jugend. Schon mit 13 Jahren begann der Knabe eine Lehre bei Neckermann. Danach aber ging es in die Welt hinaus: Nöth arbeitete bei einer Spedition, in einer Cola-Fabrik, einer Ziegelei, jobbte als Dachdecker in Nürnberg, in Frankfurt, in den Niederlanden und in Israel.

Er landete schließlich in München, arbeitete im Schlachthof und als Tierpräparator ebenso wie als Holzhändler. Mit 38 Jahren fing er im Theater im Fraunhofer an und kümmerte sich auch um das Programm. Er ging schon damals die Dinge praktisch an, wie es seine Art war. Weil zu wenig Platz fürs Publikum war, verkleinerte er die Bühne mit der Motorsäge, und als Helmut Qualtinger sein geplantes Gastspiel ankündigte mit den Worten: "Dann komm i mit dem Herrn Karl", buchte er zwei Einzelzimmer im Vier Jahreszeiten - für den Herrn Qualtinger und für den Herrn Karl. "Der Herr Karl" ist der Titel eines knapp einstündigen Monologs.

1983 machte Nöth sich selbständig, im Gewerbegebiet von Unterföhring mietete er zusammen mit einem Kollegen, der zur Bhagwan-Sekte gehörte, eine leer stehende Halle, die er später auch kaufte. Die Konzerte dort waren legendär, und vor allem auch die "Orange Disco" der Sannyasins - die Münchner Jugend pilgerte Woche für Woche hinaus in die Theaterfabrik, um zu feiern. Nöths große Stunde kam, als die Allianz-Versicherung das Gelände in Unterföhring brauchte, weil sie dort eine neue Zentrale bauen wollte. Nöth aber bewarb sich für die Zwischennutzung im Alten Flughafen Riem und bekam den Zuschlag, nachdem sich der erste, aussichtsreichste Bewerber dort überraschend als Hochstapler entpuppte.

Und Nöth ging in die Vollen, machte aus dem alten Flughafengelände ein Konzerthallen- und Partyparadies, in dem so ziemlich alles stattfinden konnte, was das Herz an Unterhaltung begehrte. Zahlreiche große Konzerte fanden draußen in Riem statt, hier gab zum Beispiel Nirvana ihr letztes Konzert überhaupt, vor dem Selbstmord von Kurt Cobain. Die treibende Kraft aber war immer Nöth, mit der ihm eigenen Durchsetzungskraft, die der Musikkabarettist Georg Ringsgwandl mit den schönen Worten umschrieb: "Der könnte in seiner Wut auch ein Waschbecken mit beiden Händen aus der Wand reißen!"

Ja, Wolfgang Nöth war eben ein Macher, manchmal auch ein Berserker. Manche nannten ihn auch schon mal einen "Wahnsinnigen". Aber, wie sich Beppi Bachmaier, der Wirt vom Fraunhofer erinnert: "Der Jörg Hube hat mal gesagt, in New York gibt es Tausend solcher Leute, und wir haben in München halt leider nur den Wolfgang."

Und so, wie er den Alten Flughafen draußen in Riem im Nullkommanix international bekannt machte als Hotspot der Jugendkultur, machte er nach dieser Zwischennutzung die ehemaligen Pfanniwerke hinter dem Ostbahnhof zum "Kunstpark Ost". Es war zeitweise das größte Veranstaltungs- und Vergnügungszentrum Europas, aber auch Heimat für zahlreiche Münchner Künstler. Denn Nöth stellte auch Ateliers zu günstigen Mieten zur Verfügung, da ließ er sich nicht lumpen. Die Kultur sollte auch ihr Recht bekommen. Natürlich ging es darum, Geld zu verdienen, aber das war es nicht allein.

Nöth hatte durchaus auch Prinzipien. Nicht umsonst nannte er die große Veranstaltungshalle bei seinem Hallenflohmarkt an der Rosenheimer Straße "Georg-Elser-Halle", nach dem Hitler-Attentäter, der lange Zeit ziemlich vergessen worden war. Und auch sonst wurde er gelegentlich mal politisch. Als die CSU im Kommunalwahlkampf 1993 Anzeigen von Prominenten für ihren Kandidaten Peter Gauweiler schalten ließ, buchte Nöth auch welche, auf eigene Kosten. Mit dem Text: "Ich bin für Christian Ude, weil Uschi Glas für Peter Gauweiler ist."

Nöth gingen auch nach dem Ende des Kunstparks Ost die Ideen nicht aus, in den Optimolwerken nicht und nicht im Zenith und im Kesselhaus in Freimann. Aus seinen Plänen für einen Kunstpark Nord bei der Allianz-Arena wurde zwar nichts, und auch mit seinem Spiegelpalast in Freimann kam er nicht weiter. Aber es gab eine neue Theaterfabrik und viele andere, kleinere und größere Projekte und Ideen wie einen Antikmarkt in der ehemaligen Schlafwagenfabrik in Neuaubing.

Wer weiß, was ihm noch alles eingefallen wäre. Er war ein großer Gewinn für diese Stadt, da hat Christian Ude schon recht gehabt. Es war ein wunderbarer Anblick, wenn er, mit langen strähnigen Haaren und mit seiner abgewetzten Lederjacke, ins Büro des damaligen Oberbürgermeisters Georg Kronawitter (SPD) stürmte, weil ihm die Verwaltung wieder irgendeinen Stein in den Weg gelegt hatte. Man darf vermuten: Das fand auch sein Gegenüber gar nicht so verkehrt - wann hat man es als Amtsträger schon mal mit jemandem zu tun, der sich so ganz und gar nicht verstellt und trotzdem etwas von einem will?

Einen wie ihn könnte München jedenfalls wieder brauchen. Einen, der weiß, wie man aus kleinen Dingen, die nicht viel hermachen, Großes entstehen lassen kann, ohne sich um Hindernisse viel zu scheren. Einen Macher halt. So wie der Nöth einer gewesen ist.

© SZ/sim/van
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