Kultur- und Freizeittipps des Filmemachers Wolf GaudlitzEntdeckungsreise durch München und die Sahara

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Wolf Gaudlitz sieht sich als Weltenbürger und Nomade des Kinos. Für einen seiner Filme, das Roadmovie „Sahara Salaam“ (Szene) reiste er mit seinem „Cinemamobile“ von Tunis über Timbuktu durch Mali, Niger, Algerien und Burkina Faso. Am 10. August ist er in der Pasinger Fabri k zu sehen.
Wolf Gaudlitz sieht sich als Weltenbürger und Nomade des Kinos. Für einen seiner Filme, das Roadmovie „Sahara Salaam“ (Szene) reiste er mit seinem „Cinemamobile“ von Tunis über Timbuktu durch Mali, Niger, Algerien und Burkina Faso. Am 10. August ist er in der Pasinger Fabri k zu sehen. (Foto: Wolf Gaudlitz)

Der Filmemacher, Autor und Weltenbummler Wolf Gaudlitz freut sich in der Woche von 4. bis 10. August auf geschichtsträchtige Orte in München, den Tierpark und einen Ausflug an den Walchensee.

Wolf Gaudlitz war schon immer der Meinung, dass man das Kino zu den Leuten bringen muss. Also bringt er es ihnen, nach Algerien oder Oberbayern, mit seinem Cinemamobile, einem fahrbaren Kino. Der Filmemacher, Autor, Journalist, Weltenbummler und Winzer fuhr damit jahrelang durch die Wüste und drehte über alles einen Film. Vor ein paar Jahren ist es ausgebrannt, doch längst ist er mit einem ausgebauten ehemaligen Bundeswehr-Lastwagen wieder unterwegs, fährt um die Welt und bringt den Menschen die Traumfabrik Kino mit. Entstanden sind authentische Dokumentationen über Regionen, die sich so heute oft nicht mehr wiederfinden, wie „Taxi Lisboa“, „Gezählte Tage“ oder „Die Väter des Nardino“, für den er den Bayerischen Filmpreis bekam. Sein Roadmovie „Sahara Salaam – Auf der Achse des Lächelns“ wird am 10. August um 20.30 Uhr als Open-Air-Vorführung auf der Kleinen Lichtung der Pasinger Fabrik gezeigt. Gaudlitz selbst ist auch dabei, und wenn er schon mal wieder in München ist, lässt er es sich nicht nehmen, auch durch die Stadt zu streifen.

Montag: Fast wie im Garten Eden

Wären die Artgenossen im Tierpark Hellabrunn so frei wie die Nackerten am Flaucher um die Ecke, würde sich Wolf Gaudlitz wie im Garten Eden fühlen (Bild: Schimpansendame Zenta).
Wären die Artgenossen im Tierpark Hellabrunn so frei wie die Nackerten am Flaucher um die Ecke, würde sich Wolf Gaudlitz wie im Garten Eden fühlen (Bild: Schimpansendame Zenta). (Foto: Robert Haas)

Ferien. Die Großeltern in der Pflicht. Unternehmungen, wie es sich die Enkel wünschen. Mit welchem Tier, mit welchem Individuum würde er, der Bub, oder sie, das Madl, sich gerne vergleichen? Mit einer Kirchen-Maus? Dafür muss man nicht in den Zoo und auch nicht in den Dom. Bei der Klapperschlange wäre das schon anders. Hierfür geht es per Rad in den Tierpark Hellabrunn, entlang der einladenden Dame Isar, flussaufwärts bis zum Flaucher. Eine Entdeckungsreise. „Na, die Nackerten san net ausgstellt und a net eigsperrt.“ Sie bewegen sich im freien Gehege weiß-blauer Auen, Toleranzen und Möglichkeiten. Liberalitas Bavariae! Gleich um die Ecke geht es zu den noch viel wundersameren Tiere im Zoo. Wären auch sie frei und nicht eingesperrt, so wäre es gefühlsmäßig wie im Garten Eden. Das Beobachten des Andersartigen weitet den eigenen Horizont gewaltig: Das Tierreich, wenngleich hinter Gittern, kann uns in vielem ein Vorbild sein.

Dienstag: Am Walchensee

In den Sommermonaten hat der Maler Lovis Corinth am Walchensee mit dem Blick auf die Landschaft impressionistisch gemalt. In diesem Gemälde von ihm ist das Hotel Fischer am See abgebildet.
In den Sommermonaten hat der Maler Lovis Corinth am Walchensee mit dem Blick auf die Landschaft impressionistisch gemalt. In diesem Gemälde von ihm ist das Hotel Fischer am See abgebildet. (Foto: Manfred Neubauer)

Am Dienstag geht es an den Walchensee. Das Museum in Urfeld ist nicht nur an diesem Tag geschlossen, mit ihm verschlossen vor den Augen der Betrachter auch die Malerei von Lovis Corinth. Sommerweise hat er am Walchensee mit dem Blick auf die Landschaft impressionistisch gemalt. Schalen Ersatz bietet der Rundweg mit Aussichtspunkten und Bildvergleich: Hier das abgedruckte Gemälde. Dort die zugewucherte Landschaft. Danach geht es ins Strandcafé von Janna Ji Wonders‘ Urgroßmutter. Vor mehr als 100 Jahren hat die Ahnin der Filmemacherin das idyllische Café aufgesperrt. Ob sie Lovis Corinth kannte? Bei der Rückkehr am Abend Halt in der Pasinger Fabrik. Dort läuft um 20.30 Uhr als Open-Air-Kino der Münchner Dokumentarfilm „Ruinenschleicher und Schachterleis – München nach 1945“. Als ich ein Bub war, spielten wir zwischen den Ruinen der zerbombten Stadt. Erinnerungen. Ein Film nicht nur für Kinder.

Mittwoch: Orte mit Geschichte

Hinter dem Hofgarten ragt die wieder gestaltete Kuppel des einstigen und vom Krieg zerstörten Bayerischen Armeemuseums auf, die heutige Staatskanzlei.
Hinter dem Hofgarten ragt die wieder gestaltete Kuppel des einstigen und vom Krieg zerstörten Bayerischen Armeemuseums auf, die heutige Staatskanzlei. (Foto: Imago/Helmut Meyer)

Mitt-Woch. Da teilt sich die Woche, heißt es spaßeshalber. Leise oder laut, Spaltungen geschehen plötzlich und lassen leider oft Unheilvolles zurück. Es war um 01:15 MEZ vor genau 80 Jahren, als eine Kernspaltung mit menschenverachtendem Kalkül „im Namen des Friedens“ in die Welt kam: Hiroshima. Schon am Morgen nehme ich nicht nur meine Enkel, sondern auch meine Kinder an die Hände. Es geht in den Hofgarten. Wir nehmen Platz auf einer Bank, die in Richtung der aufgehenden Sonne zeigt, also in Richtung Japan und in Richtung des nah gelegenen Gefallenendenkmals. Dahinter ragt die wieder gestaltete Kuppel des einstigen und vom Krieg zerstörten Bayerischen Armeemuseums himmelwärts auf. Heute Staatskanzlei. Am Nachmittag, als er schon in den Abend übergeht, fahren wir zum Trümmerberg im Luitpoldpark und blinzeln in Richtung der untergehenden Sonne. „Dort hinten liegt Amerika!“ Unter unseren Füßen ein begrüntes Totenreich.

Donnerstag: Antike in München

Die Statuen in der Glyptothek am Königsplatz versetzen den Betrachter in eine lange vergangene Zeit.
Die Statuen in der Glyptothek am Königsplatz versetzen den Betrachter in eine lange vergangene Zeit. (Foto: Johannes Simon)

Donners-Tag. Hoffentlich ohne Gewitter. Friedlich soll in den Tag gegangen werden. Ich gehe auf die Erinnerungsstätte Königsplatz. Aus dem in Stein Gehauenem spricht das Sehnen nach Zukunft. Für das eigene Gemüt in der Wiederbegegnung mit den stummen, ausdrucksstarken Gesichtern, den Torsi und Skulpturen suche ich heute „meine“ Münchner Glyptothek auf. Wo auf der Welt gibt es eine schönere? Wo lässt sich Homer oder Sokrates eindringlicher auf die stummen Lippen blicken als hier? Die Gunst der Wahrheit liegt zwischen natürlichem Lichteinfall und Schattenwurf und all den Zeilen jahrelanger Fortbildung in ebendieser magischen Wirkungsstätte. Im Café lädt die Atmosphäre zum Lesen ein. Die Musen betören. Und ich lese, was immer ich auch lese, ich lese. So wie andere hier auch. Schön!

Freitag: Verstecktes im Botanischen Garten

Blütenpracht im Botanischen Garten München.
Blütenpracht im Botanischen Garten München. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Vor dem Wochenend-Ansturm die Straßenbahn in Richtung Eremitage. Die Tram rumpelt quer durch die Stadt bis hinüber ins Noble und Kontemplative von Stadtviertel und Schloss Nymphenburg. Zugang heute bitte über das mächtige Pflanzenreich des Botanischen Gartens, um an Verstecktes zu gelangen. Ein Weg, ein Pfad, hin zu „höfischer Verwandlungskunst“, zur Ruinenkultur und elysischer Annäherung ans Überirdische. Baumeister Joseph Effner hat hier die Magdalenenklause konzipiert. In künstlicher Abgeschiedenheit lässt sich Unerwartetes erlauschen, sobald man von außen nach innen hereintritt. Und dass eine in diese Frömmigkeit beorderte Nonne hier Aufsicht hält, lässt die Besucher umso mehr in eine barocke Bühnen- und zugleich Kunstwelt fallen. Resümee: Wie schön ist doch München, und irgendwie auch hier von hellenistischem Geist geprägt. Möge uns die Inspiration der Antike niemals weichen!

Samstag: Baden beim Bierbichler

Schönes Plätzchen am Starnberger See: Gleich hinter dem Gasthaus „Zum Fischmeister“ in Ambach von Sepp Bierbichler kann man baden.
Schönes Plätzchen am Starnberger See: Gleich hinter dem Gasthaus „Zum Fischmeister“ in Ambach von Sepp Bierbichler kann man baden. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Womöglich mittendrin in den Hundstagen. Ausflug an den Starnberger See. Zum Ostufer und dem mysteriös zu Tode gekommenen „Kini“ an Ort und Stelle (Berg) einen von Herzen kommenden Blick zuwerfen, bevor es in die Sommerfrische nach Ambach ins Ammerland weitergeht. Zum Bierbichler, dem „Fischmeister“. Da lässt so sehr viel Vieles grüßen. Auch der uns unvergessene Herbert Achternbusch mit seinem Film „Atlantikschwimmer“ (1976) und der mir zum Lebensmotto gewordene Satz: „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“ Vor der Einkehr der Badegang. Der See ist zwar nicht der Atlantik, aber er ist doch immerhin so groß, um auch weiterhin chancenreich zu bleiben. Vor dem Ausflug sollte Josef Bierbichlers gewaltiger Roman „Mittelreich“ gelesen und verdaut werden. Denn wie das so ist, das „arm“ und „reich“ bleibt den meisten ein Rätsel, wenn die Geschichtstruhen nicht geöffnet werden und die Ur-Bayern auf ihnen hocken bleiben wie auf ihrem Grant.

Sonntag: Reise in die Sahara

Etz is scho wieda um, die Woch, und Weihnachten is scho a glei wieda. Beten? Weil Sonntag is! Warum nicht? Kirchgang, nicht nur als Alternative einer exotischen Betrachtung. Einkehr halten, aus welcher Tiefgründigkeit heraus auch immer. In der Sankt-Ulrich-Kirche in Laim, die viel älter ist, als man es für möglich gehalten hätte. Oder im Kircherl der Passionisten, Mariae Geburt, in Pasing. Oder doch wieder in Laim bei den Protestanten und der Agape-Gemeinde in der Paul-Gerhardt-Kirche. Dann werden die Koffer gepackt. Um auf Reisen beziehungsweise Tour zu gehen. Vorher noch in beruflicher Pflicht und auch da gewissermaßen auf Reisen: Zurück in die Pasinger Fabrik. Die filmische Reise geht heute ins fast ausnahmslos Trockene. Wer sich wirklich keinen Urlaub mehr leisten kann und auch keine Kinokarte mehr und dennoch gerne verreist, den lade ich persönlich zur heutigen Sondervorstellung meines Films „Sahara Salaam“ ein. Am dazugehörigen Zur-Schau-Objekt, meinem Wüstenkino, hängt noch der Sahara-Staub. Ich ziehe keine Grenzen, schon gar nicht in der Fantasie!

Der Filmemacher, Autor und Weltreisende Wolf Gaudlitz.
Der Filmemacher, Autor und Weltreisende Wolf Gaudlitz. (Foto: Wolf Gaudlitz)

Wolf Gaudlitz, 1955 in Bayern geboren, ist ausgebildeter Schauspieler und Pantomime, Autorenfilmer, Fotograf, Journalist, BR-Autor, Weltreisender und mehrfach ausgezeichneter Künstler. Er lebt in München, Lissabon, in der algerische Sahara und immer wieder nach Sizilien. An diesen Orten sind dem Filmemacher wertvolle Arbeiten gelungen, seine Filme „Taxi Lisboa“ (1996), „Palermo flüstert“ (2001) und „Sahara Salaam“ (2014)  laufen auch heute noch in ausgewählten Programmkinos. Gaudlitz wurde mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

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