Süddeutsche Zeitung

Fotoprojekt:Männer mit Sehnsüchten

Lesezeit: 3 min

Wie lebt es sich in einem Wohnheim? Fabian Gruber und Michael Josef Grabmeier haben mit ihren Kameras ungewöhnliche Einblicke bekommen.

Von Elisabeth Fleschutz

Drei nackte Frauen unter einer Deutschlandflagge. Die Bilder sind gerahmt, hängen an einer weißen Wand über einem Bett mit Blumenbezug. "Das soll natürlich Fragen aufwerfen", erklärt Michael Josef Grabmeier, 27. Er und Fabian Gruber, 25, haben dieses Bild für das Cover ihres Fotobuchs "Behind Grey Walls" gewählt. "Es mag erst mal Klischees bedienen, aber so bringen wir die Leute hoffentlich dazu, ins Buch zu schauen." Denn zwischen den Seiten des Buchs, das aktuell im Architekturmuseum der TU München präsentiert wird, wartet eine außergewöhnliche Dokumentation von Wohnheimen der Wohnungslosenhilfe. Ein Versuch, "die menschliche Vielfalt derer, die im System untergehen", zu porträtieren, wie es in dem Vorwort des Buchs heißt.

Vor einem Jahr fragten sich die beiden Fotodesign-Studenten, wie sie mit ihren Fotografien einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen könnten. "Welche Themen und Menschen sind unterrepräsentiert, vor allem in München?", erklärt Fabian Gruber. Sie wurden auf die Wohnungslosenhilfe aufmerksam. "Interessanterweise waren in diesen Einrichtungen viele Themen, über die wir selbst schon nachgedacht hatten, repräsentiert. Da sind Leute, die saßen im Gefängnis, Leute, die Schicksalsschläge erlebt haben - gesundheitlicher oder sozialer Art", sagt Michael Josef Grabmeier.

Mit Wohnungslosigkeit hatten sich beide vorher nicht viel auseinandergesetzt. "Das Thema wird in München unserer Meinung nach verdrängt oder zumindest aus der Innenstadt ferngehalten", sagt Fabian Gruber. Seine Leidenschaft für Fotografie fand er nach einem abgebrochenen Lehramtsstudium. Er begann im Modebereich, hatte jedoch das Gefühl, nur an der Oberfläche zu kratzen. "Wenn ich schon beruflich Fotos mache, dann will ich damit was bewegen", sagt er.

Das Buch zeigt nur Männer. Wohnungslosigkeit betrifft natürlich auch Frauen, jedoch reagieren Frauen in Wohnheimen auf Männer sehr unterschiedlich, sodass die Einrichtungen zögerten, die Studenten einzuladen. "Hinter der Wohnungslosenhilfe steckt natürlich sehr viel Bezugsarbeit, da sollten wir auf keinen Fall mit unsensiblen Fragen ankommen", sagt Michael Josef Grabmeier. Er arbeitet neben dem Studium als Familienassistent bei einem Vater mit körperlicher Behinderung. Mit seiner Fotografie will er auch weiterhin im sozialen Bereich aktiv sein. "Die Fotos, die ich mache, eignen sich vielleicht nicht, um davon zu leben. Aber es fühlt sich richtig und sinnvoll an, das fotografisch abzubilden, wo ich mich beruflich ohnehin schon länger bewege", sagt er.

"Wir standen im Garten vor zehn Leuten mit weit mehr Lebenserfahrung und bekamen kritische Blicke." So beschreibt Michael Josef Grabmeier den ersten Besuch im Männerwohnheim. Erst nach einigen Treffen nahmen sie die analoge Kamera mit. "Manche haben sich zunächst unwohl gefühlt oder waren schüchtern." Harald war einer der ersten Wohnungslosen, der sich fotografieren ließ. Er lebte jahrelang in einem Wald in Italien, bevor er ins Gefängnis kam und von deutschen Behörden nach München geholt wurde. Fabian Gruber war sehr beeindruckt, wie reflektiert Harald ist und wie er sich aus seiner Situation herauskämpft. Mit der Zeit sei es leichter geworden, Vertrauen aufzubauen. Auch die Reaktionen auf die Bilder, von denen jeder Porträtierte ein gerahmtes überreicht bekam, waren sehr positiv. "Fotografie kann ja auch eine Art Wertschätzung sein", sagt Fabian Gruber.

Es gab dennoch Momente, in denen sie nicht wussten, was sie sagen sollten. Einen Bewohner, zu dem er eine besonders gute Beziehung hatte, fragte Michael Josef Grabmeier, welcher Schicksalsschlag zu seiner Situation geführt habe. "Dann sitzt er vor mir und sagt: Na ja, er hat halt jemanden fast totgeschlagen und war dafür fast zehn Jahre im Gefängnis. Da wusste ich erst mal nicht, was ich sagen sollte", erzählt er.

Insgesamt besuchten die beiden Studenten im vergangenen Jahr sieben Wohnheime, fast alle mehrmals. Dabei begegneten sie einer Vielfalt an Geschichten und Lebensläufen. Neben den Bildern im Buch steht nichts davon, nicht einmal ein Name. Fabian erläutert: "Wir wollen keinen Eindruck vorgeben. Die Gespräche sind ganz stark in die Fotos eingeflossen. Bestenfalls spiegeln sie sich darin. Wir wollen das Gefühl vor allem auf einer visuellen Ebene transportieren."

Ein Bild zeigt einen Mann, der auf seinem Bett sitzt und direkt in die Kamera blickt. Die Bettwäsche ist mit Herzen bemalt, sieht aus wie ein Liebesbrief. Von der Seite fällt Sonnenlicht in den dunklen Raum. "Ich hatte sehr viel Respekt vor der Begegnung", sagt Michael Josef Grabmeier. "Ein 1,95 Meter großer Typ, der fällt einfach auf. Auch in seinem Auftreten." Im Gespräch zeigte sich immer mehr die sensible Seite des Mannes. Er erzählte, dass er unterwegs oft schiefe Blicke bekomme oder Leute sich in der Bahn von ihm wegsetzen. "Und dass ihm das wehtut. Wenn man ihn so sieht, würde man meinen, das wäre ihm scheißegal. Aber er kriegt das natürlich mit und es verletzt ihn."

Auch von den Einrichtungsleiterinnen kam die Rückmeldung, dass das Bild die Stimmung in den Wohnheimen sehr verdichtet abbilde. "Am Ende sind das halt auch einfach normale Männer, die gerne mal einen Liebesbrief bekommen würden. Männer mit Sehnsüchten", sagt Fabian Gruber.

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