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SZ-Serie: München vor der Wahl:Die bezahlbare Wohnung als Sehnsuchtsort

Das Thema Wohnen bestimmt das Leben in München wie, außer dem Verkehr, kaum ein anderes.

(Foto: Foto: Natalie Neomi Isser, Illustration: Laura Merlich)

Neue Genossenschaften wie die Kooperative Großstadt könnten helfen, die Wohnungsnot zu lindern. Doch die horrenden Bodenpreise in München bringen auch sie an finanzielle Grenzen.

Auf der Baustelle sind jetzt alle möglichen Handwerker unterwegs: Schreiner, Trockenbauer, Installateure. San Riemo, das erste Projekt der Genossenschaft Kooperative Großstadt, ist fast ein fertiges Haus. Im Oktober sollen die ersten Bewohner einziehen - dann wird das Haus in der Nähe der U-Bahn-Haltestelle Messestadt Ost auch ein Zuhause sein. Der Name San Riemo lehnt sich an Riem an - und augenzwinkernd an die italienische Küstenstadt Sanremo. Für die Genossenschaftler ist San Riemo ein Sehnsuchtsort.

Gut vier Jahre ist es her, dass sich die Genossenschaft gegründet hat. Vier Jahre, in denen sie erwachsen geworden ist, sich professionalisiert hat. 16 Gründungsmitglieder waren es zu Beginn, die antraten für eine bessere Baukultur in München, aber auch, um selbst zu einem Akteur auf dem Wohnungsmarkt zu werden. Heute haben sie 370 Mitglieder, werden ernst genommen von der Stadt und aus ganz Deutschland angefragt von Menschen, die auch eine Genossenschaft gründen wollen.

Das erste Haus steht fast, das zweite in Freiham ist in Planung - wieder mit kreativem Namen: Freihampton. Es sind gute Zeiten für Genossenschaften in München, eigentlich. Die Stadt vergibt seit Jahren 20 bis 40 Prozent ihrer Grundstücke an sie. Zwei unschlagbare Vorteile hat das genossenschaftliche Wohnen: Es ist vergleichsweise erschwinglich, und es ist sicher - die Bewohner genießen praktisch lebenslanges Wohnrecht. Doch zuletzt stieß das Prinzip wegen der explodierenden Bodenpreise an Grenzen. 1000 Genossenschaftswohnungen sollen in Freiham entstehen, doch für die Flächen bewarb sich im Jahr 2018 zunächst keine einzige Genossenschaft. Sie waren unbezahlbar. Erst als die Stadt die Preise neu berechnete, klappte es.

Das Thema Wohnen bestimmt das Leben in München wie, außer dem Verkehr, kaum ein anderes. Wohnungsknappheit und exorbitante Mieten vertreiben Menschen aus der Stadt - oder halten sie davon ab, überhaupt erst hierher zu ziehen. Es sind Menschen mit Berufen, ohne die eine Stadtgesellschaft nicht funktionieren würde: Erzieher, Polizistinnen, Verkäufer. Die Situation verschlimmert auf diese Weise etwa auch den Pflegenotstand.

Wohnungsnot hat es in München immer schon gegeben. Es ist immer schwieriger gewesen als anderswo, hier eine Wohnung zu finden - und man musste immer deutlich mehr Miete bezahlen als anderswo. Angesichts des aktuellen Wachstums aber bekommt das Thema noch mal eine andere Wucht. Klopft man im Jahr 2020 die Wahlprogramme auf den Stellenwert von Wohnen und Mieten ab, könnte man meinen, dass bald alle Probleme gelöst sind - so ausführlich widmen sich die meisten Parteien der Frage, wie es in Zukunft noch möglich sein soll, in München bezahlbar zu wohnen. Das wäre allerdings Augenwischerei, denn vieles, was tatsächlich helfen könnte, müsste auf Landes- oder Bundesebene entschieden werden, etwa beim Thema Bodenrecht.

Die Stadt jedenfalls hat die Dringlichkeit erkannt; seit Jahren dreht sie an allen Stellschräubchen, die ihr zur Verfügung stehen: kommunale Mietpreisbremse, Erhaltungssatzung, Vorkaufsrecht. Noch bis 2021 läuft in München das größte kommunale Wohnungsprogramm Deutschlands: 870 Millionen Euro investiert die Stadt seit 2017 in neue, bezahlbare Wohnungen. Die Zielzahl von 8500 fertiggestellten Einheiten pro Jahr ist in den vergangenen Jahren jedoch nicht ganz erreicht worden.

Ohne genossenschaftliche Akteure wird das Wohnungsproblem nicht in den Griff zu kriegen sein, das wissen die Lokalpolitiker. Um die Förderung von Genossenschaften und die Vergabe von Grundstücken im Erbbaurecht geht es ausführlich in den Wahlprogrammen von SPD, CSU, Grünen und Linken. Dass auch selbstorganisierte sogenannte Mietsyndikate bei der Grundstücksvergabe künftig wie Genossenschaften behandelt werden sollen, hat der Stadtrat 2019 beschlossen.

Innovationen beim Thema Wohnen sind in der jüngeren Vergangenheit meist von Genossenschaften ausgegangen. Doch die Münchner Wohnungsnot verändert deren Rolle. Vor 20 Jahren seien es noch Idealisten gewesen, die gern in einem Gemeinschaftsprojekt wohnen wollten, sagt Markus Sowa von der Kooperative Großstadt. Menschen, die das Experiment suchten - und Gleichgesinnte, mit denen sie Räume, Werkzeug und Gedanken teilen können. "Jetzt kommen die Leute einfach deshalb zu uns, weil sie verzweifelt eine Wohnung suchen." In San Riemo gibt es beides, klassische Wohnungen ohne Gemeinschaftsräume und solche, bei denen die Übergänge zwischen Rückzug und Gemeinschaft fließend sind. Ins Erdgeschoss wird das Jugendhilfe-Projekt Startstark ziehen; es soll das Haus mit dem Stadtteil verbinden. Das Folgeprojekt Freihampton wird anders sein, mehr von klassischem Wohnen geprägt.

Für Genossenschaften spiele die Kommunalwahl "eine absolut entscheidende Rolle", sagt Sowa. Die Frage, wie es mit den geplanten Neubaugebieten weitergeht, ob und wo es noch Grundstücke geben wird. Neben den Baulandkosten sind auch die gestiegenen Baukosten eine Belastung. Sie führen dazu, dass die Genossenschaftsanteile immer teurer werden. Waren es in Riem noch 650 Euro, die Bewohner pro Quadratmeter einzahlen mussten, werden es in Freiham 850 sein. Für eine 100-Quadratmeter-Wohnung werden also zusätzlich zur Miete erst einmal 85 000 Euro fällig, die bei einem Auszug zurückerstattet würden. Die Vorstände verstehen, dass die hohen Preise oft Unverständnis auslösen. Schließlich sei man angetreten, "um kostengünstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen", sagt Christian Hadaller.

Dass München beim gemeinschaftlichen Wohnen eine Vorreiterrolle spiele, sei das Verdienst mittlerweile etablierter junger Genossenschaften, die das Prinzip in den Neunzigerjahren wiederbelebt haben: Wogeno und Wagnis. Ein paar Wünsche an die Stadt hat die Kooperative Großstadt dann aber schon auch. Mehr Kooperation zwischen den Ansprechpartnern in den unterschiedlichen Referaten. Übergeordnete Quartierskonzepte, etwa fürs Carsharing in Freiham - anstatt die Bauherren einzeln zu Carsharing-Stationen zu verpflichten. Und sie wünschen sich noch mehr Offenheit für experimentelle Wohnformen. Zurzeit habe man das Gefühl, es gehe vor allem um das Erreichen von Zielzahlen. "Da herrscht gerade sehr viel Druck."

© SZ vom 15.02.2020/syn
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