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Kunstaktion:Der Parasit vom Parkhaus

Jakob Wirth will so lange wie möglich in seinem selbstgezimmerten Haus über den Dächern Münchens verbringen.

Jakob Wirth will so lange wie möglich in seinem selbstgezimmerten Haus über den Dächern Münchens verbringen.

(Foto: Florian Peljak)

Der Künstler Jakob Wirth hat sich temporär in ein Häuschen auf einem Parkhausdach einquartiert und protestiert damit gegen die "Hierarchie des Wohnens".

Privilegiert und doch prekär nennt Jakob Wirth seine Wohnsituation. Privilegiert, weil er aus seinem Holzhäuschen über die Dächer Münchens auf das Maxmonument blickt. Prekär, weil er auf nur 3,6 Quadratmetern wohnt, schläft und isst. Nach Weimar und Berlin soll das "Penthaus à la Parasit", wie der Künstler das Häuschen nennt, nun in München auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum aufmerksam machen.

Mit einem Kollegen baute Wirth Anfang Juni die Installation zunächst unbemerkt auf dem Dach des Parkhauses an der Hildegardstraße 2 hinter den Kammerspielen. In weniger als fünf Stunden stand das Haus auf dem obersten Parkdeck. Als zunächst das Reinigungspersonal sich über den Aufbau wunderte, machte Wirth darauf aufmerksam, dass es sich um eine Kunstaktion handle. Seit elf Tagen lebt der 28-jährige Wirth nun in seinem Penthaus à la Parasit. "Parasit ist hier nicht im Sinne eines Schmarotzers zu verstehen", sagt er. Schließlich könne man in dem Haus dank eigenem Strom durch ein Solarpaneel, eine Komposttoilette und einen Campingkocher unabhängig leben. "Diesem Parasiten geht es vielmehr darum zu irritieren und auf einen Fehler im System aufmerksam zu machen", erklärt Wirth.

Ein System, indem weniger vermögende Menschen in die Peripherie verdrängt werden. Dem widersetzt sich das Penthaus à la Parasit, indem es neben dem Zentrum eine Lage einnimmt, die sonst teuren Penthauswohnungen vorbehalten ist. Aneignung von oben nennt das Künstlerduo seine Strategie. Dadurch kehre man die Hierarchie des Wohnens in der Stadt um - desto reicher, desto weiter oben. "Es geht darum aktiv zu werden und zu überlegen wie wir uns als Stadtbevölkerung Räume wieder aneignen können", sagt Wirth. Die Idee erinnert an die "Shabbyshabby Apartments", skurrile temporäre Wohneinheiten des Raumlabors Berlin, die Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal im Sommer 2015 in der Stadt aufstellen ließ.

In der Edelstahlverkleidung des Häuschens spiegeln sich nicht nur violette Sonnenuntergänge, sondern auch die Fenster des gegenüberliegenden Mandarin Oriental Hotels wider. Die luxuriösen Zimmer dahinter stehen leer. Wohnraum, den man in der Corona-Krise anderweitig nutzen hätte können, bemerkt Wirth. Er selbst verbringt in dem Holzhaus seine zweiwöchige Quarantäne nach einem Auslandsaufenthalt. Sogar einen Briefkasten gibt es. Bis Ende Juni würde Wirth dort gerne Post empfangen. Ob die Stadt München das Holzhaus solange genehmigt, wird gerade entschieden. Wirth habe jedoch ein gutes Gefühl, da sich die Stadt bislang sehr kooperativ zeige. Der Besitzer des Parkhauses habe nichts dagegen, wenn die Kunstaktion zunächst bis zum Ende von Wirths Quarantäne am Dienstag auf seinem Dach bestehen bleibt, sagt der Künstler.

Langfristig eignet sich dasParkhaus als Wirt für den Parasiten nicht. Es wird abgerissen, sobald die Tiefgarage am Thomas-Wimmer-Ring fertiggestellt ist. Wo jetzt noch das Häuschen steht, soll eine Erweiterung des Mandarin Oriental Hotels entstehen. "Statt Penthäusern mit Fünf-Sterne-Service, hätten wir uns hier bezahlbaren Wohnraum gewünscht", sagt Wirth. Für seine 3,6 Quadratmeter Wohnraum sucht Wirth bereits ein neues Dach in München. "Wenn sich der Wirt schüttelt, muss das Penthaus a la Parasit weichen", sagt der 28-Jährige.

© SZ vom 12.06.2020
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