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Schwabing:Lebenslanges Wohnen in Münchens Neu-Moskau

Der Wohnkomplex der Baugenossenschaft München Oberwiesenfeld zwischen Deidesheimer, Saar-, Winzerer- und Ackermannstraße.

(Foto: Baugenossenschaft Oberwiesenfeld)

Die Baugenossenschaft München Oberwiesenfeld wird 100 Jahre alt - und muss zum Jubiläum um den Verbleib der Mieter in einer Anlage kämpfen.

Stefanie Diepold erinnert sich noch gut an ihre Kindheit. Die Schwabingerin ist 1932 geboren und wohnt seitdem im Karree zwischen Deidesheimer, Saar-, Winzerer- und Ackermannstraße. In der ersten Wohnanlage der Baugenossenschaft München Oberwiesenfeld am Südrand des Olympiaparks, die heuer 100 Jahre alt wird. Die Mitglieder feiern das Jubiläum intern an diesem Samstag, 20. Juli. Als Gäste angekündigt sind Justizminister Georg Eisenreich (CSU), Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und der stellvertretende Verbandsvorsitzende des Verbands bayerischer Wohnungsunternehmen, Stefan Roth.

"Die heutige Hausmeisterwerkstatt nannten wir damals immer das Moserhäusl, weil das früher eine Schlosserei namens Moser war", erzählt die 87-Jährige. Der Innenhof sei in dieser Zeit voller schöner Gärten gewesen, "jedes Mitglied baute für sich Gemüse an". Die Wohnanlage selbst stand damals noch isoliert da, "an der Winzererstraße, im Bereich des damaligen Deller-Geländes, war eine Art Schuttplatz. Ansonsten alles frei, man sah bis zur Schleißheimer Straße". Auch der frühere Spitzname der Anlage ist Diepold im Gedächtnis geblieben: Neu-Moskau. "Weil die Gründerväter USPD- und SPD-Mitglieder waren".

Gelände mit Geschichte: Mitte der Zwanzigerjahre entstand der erste Block mit 160 Wohnungen.

(Foto: Baugenossenschaft Oberwiesenfeld)

Der genossenschaftliche Gedanke, heute angesichts ständig steigender Mieten aktueller denn je, er ist nicht neu. Schon zu Beginn des 20. Jahrhundert herrschte in den Städten akute Wohnungsnot, mit dem Ende des Ersten Weltkriegs verschärfte sich die Situation noch. Zurückkehrende Soldaten benötigten ebenso wie heimatlose Flüchtlinge und geringverdienende Staatsbedienstete bezahlbaren Wohnraum. Der Staat reagierte auf den Notstand zwar mit Wohnungszwangswirtschaft. Doch die Lage blieb angespannt.

In dieser Zeit gründeten engagierte Bürger die Baugenossenschaft München Oberwiesenfeld, damals noch unter dem Namen "Gemeinnützige Baugenossenschaft der Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer". "Sie müssen", heißt es in der Festschrift zum Jubiläum, "gute Verbindungen zum Freistaat Bayern gehabt haben, da es ihnen möglich war, ein Grundstück am südöstlichen Ende des Exerzierplatzes Oberwiesenfeld nördlich der Prinz-Leopold-Kaserne im Wege der Erbpacht zu erlangen". Bis Mitte der Zwanzigerjahre entstand der erste Block in Schwabing, ein Karree mit 160 Wohnungen samt Bäckerei, Metzgerei, Lebensmittelladen, Arztpraxis und Gaststätte. Das Wirtshaus "Oberwiesenfeld" an der Ecke Hildebold-/Winzererstraße gibt es noch immer, es wird von Susanna und Martin Rupp geführt.

Die Genossen organisierten 1968 einen Schützenumzug durch die Winzererstraße, die da schon eine urbane Tangente war.

(Foto: Baugenossenschaft Oberwiesenfeld)

Der zweite, nördlicher gelegene Bauabschnitt der Wohnanlage Oberwiesenfeld, situiert zwischen Hildebold- und Ackermannstraße, wurde 1936 fertiggestellt, wobei die beiden neungeschossigen Hochhäuser in der Mitte dieses Wohnblocks erst 1962/63 errichtet wurden. Später kam noch ein weitere Komplex hinzu: zwölf Häuser mit insgesamt 137 Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen in Puchheim an der Josef-Schauer-Straße. Anteile hat die Baugenossenschaft München Oberwiesenfeld außerdem an einer Anlage an der Berliner-/Schinkelstraße in Schwabing.

"Mit ihrem Bestand an insgesamt 856 Wohnungen, davon mehr als 700 Wohneinheiten in München, hat die Baugenossenschaft München Oberwiesenfeld nicht nur die städtebauliche und soziale Entwicklung am heutigen Olympiapark und in Schwabing mitgeprägt", betont Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) in einem Grußwort zum Jubiläum. Die Baugenossenschaft leiste damit vor allem "einen nachhaltigen Beitrag zur sozialgerechten Wohnungsversorgung in München". Damit das so bleibt, will der Aufsichtsrat weiterhin "gleichermaßen sozial verantwortlich wie wirtschaftlich nachhaltig für den Wohnraum" seiner 1106 Mitglieder sorgen.

Auch ein Lebensmittelladen in der Hildeboldstraße gehörte von vornherein zum Block in Schwabing.

(Foto: Baugenossenschaft Oberwiesenfeld)

Dazu gehört auch, für die Mieter der ersten Wohnblocks in der Anlage Oberwiesenfeld zu kämpfen: Dieses Karree fällt Ende 2020 an den Freistaat zurück. Der Haushaltsausschuss des Bayerische Landtags hat 2015 entschieden, den Erbbaurechtsvertrag für die Grundstücke im Südteil des Erbbaurechtsgeländes weder zu verlängern, noch einem möglichen Verkauf an die Baugenossenschaft München Oberwiesenfeld zuzustimmen. Markus Söder (CSU) bestätigte 2016, damals noch Finanzminister heute Ministerpräsident, die Entscheidung des Landtags, sicherte den Bestandsmietern aber weitreichende Mieterschutzrechte zu.

Sie sollen lebenslanges Wohnrecht erhalten, bei Eigenbedarf nicht gekündigt werden dürfen und keine höhere Miete als das gesetzliche Maß zahlen müssen. Auch sollen die Wohnungen nicht an private oder institutionelle Anleger weiterverkauft werden. Da die Grundstücke aber nach derzeitiger Planung an die Stadibau übergehen, sind die Wohnungen künftig nur noch Staatsbediensteten vorbehalten und gehen normalverdienenden Wohnungssuchenden verloren. Die Genossenschaft will daher erneut das Gespräch suchen, um doch noch einen Kauf oder zumindest eine Verlängerung der Erbbaurechte zu moderaten Zins zu erreichen.

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