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Wirtschaft in München:Die Verwaltung des Mangels

Nicht nur in der Pflege werden Fachkräfte dringend gesucht.

(Foto: Stephan Rumpf)

München braucht dringend Fachkräfte aus dem Ausland. Deren Zuwanderung soll nun einfacher werden. Ob das funktioniert? So mancher zweifelt daran.

Von Christian Rost

Der Fachkräftemangel ist enorm. Aktuell sind im Freistaat rund 243 000 Arbeitslose gemeldet, den Mangel an Fachkräften aber beziffert die Industrie- und Handelskammer (IHK) schon jetzt auf fast 300 000. Davon fehlen allein den bayerischen Handwerksbetrieben 30 000 ausgebildete Mitarbeiter. Mit der demografischen Entwicklung werden diese Zahlen bis 2030 noch erheblich steigen. Dem Trend entgegenwirken soll das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, das am 1. März, an diesem Sonntag, in Kraft tritt. Bewerber aus Nicht-EU-Ländern sollen damit leichter für den hiesigen Arbeitsmarkt gewonnen werden können. Ob das funktioniert, bleibt abzuwarten. Asylbewerber werden davon jedenfalls nicht profitieren.

Zu Jahresbeginn nannten 53 Prozent der bayerischen Unternehmen in einer Umfrage den Fachkräftemangel als Problem. Das inländische Potenzial sei durch die Vollbeschäftigung praktisch ausgeschöpft, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags, Manfred Gößl. Und weil sich in EU-Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder Polen die wirtschaftliche Lage verbessert, sind Arbeitskräfte auch dort nicht mehr so leicht abzuwerben.

Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz sollen nun Menschen aus Indien, Vietnam, Mexiko oder Brasilien nach Deutschland gelockt werden. Für Akademiker mit einem gewissen Einkommen war dies bisher schon möglich, auch Bewerber für Berufe, in denen ein besonderer Mangel herrscht, wurden aufgenommen. Neu ist, dass diese Beschränkungen entfallen und grundsätzlich jede Fachkraft aus einem Drittstaat, die einen Arbeitsvertrag und eine entsprechende Qualifikation nachweisen kann, nach Deutschland kommen darf.

Nun ist also auch der Mechatroniker willkommen, der sich für einen Job in einer Münchner Kfz-Werkstatt interessiert. Falls es ihm noch an praktischer Qualifikation fehlt, so erklärt Elfriede Kerschl, die bei der IHK für Fachkräfte und Weiterbildung zuständig ist, kann der Bewerber diese innerhalb weniger Monate bei seinem neuen Arbeitgeber nachholen. Die Frage ist nur: Wie kommen die Münchner Firmen an die Bewerber aus den Drittstaaten überhaupt heran? Global tätige Unternehmen mit Niederlassungen im Ausland haben es mit ihren Kontakten da erheblich leichter als Mittelständler. Die Bundesregierung hat deswegen eine zentrale Plattform mit dem Titel "Make it in Germany" eingerichtet, wo sich Bewerber und Arbeitgeber finden können. Aber auch jedes klassische Jobportal im Internet oder eine Zeitungsanzeige könnten genutzt werden, um potenzielle Mitarbeiter zu finden, sagt Kerschl.

Die Handwerkskammer München und Oberbayern ist neben Frankfurt an der Oder, Koblenz und Oldenburg eine von vier zentralen Stellen, die sich künftig um die Anträge von Bewerbern aus dem Ausland kümmern. In Oberbayern herrscht nahezu überall Bedarf an Fachkräften. Besonders groß ist er im Bau- und Ausbaubereich, im Tiefbau, bei Elektrikern, im Heizungs- und Sanitär-Handwerk und bei Schreinern sowie in Lebensmittel- und Gesundheitsberufen.

Probleme bei der Anwerbung im Ausland gibt es vor allem mit der Erteilung von Visa. Laut dem Münchner Handwerkskammerpräsidenten Franz Xaver Peteranderl ist dafür der diplomatische Dienst verantwortlich. Die Erteilung von Visa in den Westbalkanländern dauere ein Jahr und länger. Das Fachkräftegesetz sieht zwar eine Beschleunigung vor, dies muss von den zuständigen Stellen aber auch umgesetzt werden. Der Botschaft in Kosovos Hauptstadt Pristina etwa fehlt dazu schlicht das Personal.

Nicht profitieren werden von der Neuregelung Geflüchtete, die beruflich in Deutschland Fuß fassen wollen. Um als Fachkraft einzuwandern, müssen sich Bewerber in ihren Herkunftsländern die notwendigen Dokumente besorgen. Das ist beispielsweise für Syrer kaum möglich, in deren Heimat die politischen und strukturellen Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind. Und ganz offensichtlich ist es in Berlin auch nicht gewollt, Asylbewerbern über das neue Gesetz einen Spurwechsel vom Geduldeten hin zu einer integrierten Arbeitskraft zu ermöglichen. "Die Trennung ist klar", sagt Kerschl, "man will Leute ins Land holen, die für die Wirtschaft wichtig sind." Bei der Diakonie sieht man das genauso: Es gebe so hohe Hürden, dass sich "nur für eine kleine Zahl von Asylsuchenden ein Zugang zum Beispiel in Pflegeberufen eröffnen wird". Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist nun mal kein Einwanderungsgesetz. Un- oder Niedrigqualifizierte dürfen auch künftig nicht einreisen.

In welchem Umfang die Fachkräftegewinnung gelingen wird, muss sich zeigen: Die Bundesregierung selbst setzt die Latte niedrig an und spricht von bis zu 25 000 Menschen zusätzlich im Jahr. Für ganz Bayern wären das 3000 bis 4000.

© SZ vom 29.02.2020/lfr

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