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Wirtschaft:Messe München streicht jede vierte Stelle

Messe München

Nichts los: Wegen Corona schritten 2020 deutlich weniger Besucherinnen und Besucher durch den Eingang Ost zum Gelände der Messe München als in den Jahren zuvor.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Nach dem dramatischen Umsatzeinbruch rechnet das Unternehmen damit, dass es bis zu fünf Jahre dauern wird, bis die Geschäfte wieder so gut laufen wie vor Corona. Alle Hoffnungen liegen auf der IAA.

Von Catherine Hoffmann

Webinare, Online-Talks, Livestream-Konferenzen - die Verlagerung wesentlicher Teile des Lebens ins Internet hat sich mit der Verbreitung von Covid-19 enorm beschleunigt. Diese Entwicklung macht auch vor der Messe München nicht Halt. Die Ispo beispielsweise war noch im vergangenen Jahr ein buntes Spektakel der Sportartikelhersteller, 2850 Aussteller, rund 80 000 Besucher. In diesem Jahr fand die Messe coronabedingt von 1. bis 5. Februar ausschließlich online statt - mit nur 545 Ausstellern, aber immerhin rund 50 000 Sportfans.

Der digitale Weg sei "absolut richtig und ohne Alternative", sagte Klaus Dittrich, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München, am Dienstag. "Aber: Digitale Foren, Chats und Streaming reichen nicht an das gewohnte Messeerlebnis heran, auch finanziell nicht." Und so blickt Messe-Chef Dittrich nach zehn erfolgreichen Jahren auf ein Krisenjahr zurück und ein Krisenjahr voraus. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen konzernweit 165 Millionen Umsatz nach 474 im Vorjahr. Auch der Umsatz der Messe München GmbH, die allein das Geschäft am Münchner Stammsitz umfasst, blieb mit 94 Millionen Euro weit hinter den 404 Millionen Euro zurück, die man noch 2019 erzielte.

Der Umsatzrückgang hat dramatische Auswirkungen auf die Wirtschaft der Region, denn jeder Euro Umsatz der Messe München erzeugt in etwa zehn Euro Kaufkraft bundesweit. In Bayern brach schätzungsweise Kaufkraft in Höhe von 1,9 Milliarden Euro weg, der Großteil davon in München. Das trifft Hotellerie und Taxigewerbe, Reisebüros und Messebauer, Firmen für Video- und Konferenztechnik, von denen etliche um ihre Existenz fürchten. Aber auch der öffentliche Hand werden Steuereinnahmen fehlen.

"Wir gehen davon aus, dass wir mindestens drei bis fünf Jahre brauchen, um wieder auf das Niveau zu kommen, das wir vor Corona hatten", sagte Dittrich. Um dem gewaltigen Geschäftseinbruch entgegenzuwirken, will die Messegesellschaft 30 Prozent ihrer Sachkosten einsparen und ein Viertel ihrer vor Beginn der Krise knapp 790 Stellen abbauen. Betriebsbedingte Kündigungen sind nicht ausgeschlossen, aber sie sollen nach Möglichkeit vermieden werden. "Es wird das allerletzte Mittel sein", sagte Dittrich. Das Sparprogramm trifft nicht nur die einfachen Mitarbeiter: "Die Geschäftsführung soll halbiert werden", sagte der Chef.

Für Dittrich ist klar, dass es ein Zurück zum Geschäftsmodell vor Corona nicht geben wird. Präsenzmessen von internationalem Format lassen sich nur ausrichten, wenn es Reisefreiheit gibt. Ob und in welcher Form die für das erste Halbjahr geplanten Veranstaltungen stattfinden können, ist derzeit unklar. "Der Druck der Kunden, diese Messen entweder abzusagen oder zu verschieben, wird jeden Tag größer", sagte Dittrich. "Alle Hoffnung ruht dann im September auf der IAA." Die Internationale Automobilausstellung soll erstmals in München stattfinden - mit rundum erneuertem Konzept.

Künftig müsse die Messe nicht nur digitaler werden, sondern auch flexibler und agiler. "Eine Bauma wird drei Jahre mit höchster Akribie vorbereitet", sagte Dittrich. "Jetzt fliegen wir auf Sicht und müssen schnell reagieren, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern." Die Fähigkeit, kurzfristig auf die Bedürfnisse von Kunden reagieren zu können, sei ein entscheidend, um aus der Krise herauszukommen. Auch deshalb habe man ganze Hierarchiestufen abgeschafft und Bereiche zusammengelegt. Die Kunden sollen fortan enger in die Entwicklung von Messeangeboten eingebunden werden. Diese Angebote sollen intelligenter und vielfältiger werden.

Digitalisierung müsse "in Zukunft eine Sache von jedem Mitarbeiter" sein

Die Messegesellschaft sieht sich nicht mehr nur als Vermieter von Hallenflächen, sondern als Manager von Plattformen - in physischer Form auf einer Messe oder digital 365 Tage im Jahr. "Wir stehen vor einem Umbruch, wie in den letzten Jahren das Mobiltelefon. Früher diente es nur dazu, mobil zu telefonieren", so Dittrich. "Heute kann man mit modernen Smartphones zusätzlich fotografieren, Musik hören, navigieren, fernsehen, Spiele spielen oder seinen Gesundheitszustand überwachen."

Um all die neuen Formate zu schaffen, dürfe Digitalisierung nicht mehr die Sache von wenigen Spezialisten im Haus sein. Sie müsse breit und tief im gesamten Unternehmen verankert werden. "Das ist in Zukunft eine Sache von jedem Mitarbeiter in jeder Abteilung", betonte Dittrich.

Größte Gesellschafter der Messe München sind der Freistaat Bayern und die Landeshauptstadt. Da die Messe erst kürzlich den Gesellschaftern 520 Millionen Euro an Darlehen zum Bau des neuen Geländes in Riem zurückgezahlt hat, ist nun angesichts des Umsatzeinbruchs das Geld knapp.

Zwar seien alle Einsparmöglichkeiten, Gewinnausschüttungen und der Spielraum bei Banken genutzt worden; dennoch musste das Unternehmen seine Gesellschafter um finanzielle Unterstützung bitten, um diese schwierige Zeit zu überstehen. "Wenn wir wieder zu normaler Größe aufgelaufen sind, werden wir das zurückzahlen", verspricht der Messechef.

In München finden in normalen Zeiten jährlich mehrere international bedeutende Leitmessen statt. Dazu zählen neben der Ispo die Bau und die Expo Real sowie die Inhorgenta für Juweliere.

© SZ vom 10.02.2021/wean
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