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Reisebüros in München: "Der Umsatz ist gleich null"

Bei den Reisebüros und -veranstaltern gab es laut einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts einen großen wirtschaftlichen Einbruch mit einem Minus von 84 Prozent.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Reisebüros trifft die Coronakrise besonders heftig. Die Kunden wollen nicht mehr buchen, sondern nur noch ihr Geld zurück.

Auf ihrer Internetseite wirbt Angela Trampert mit Bildern, die sofort Fernweh hervorrufen: Der Grand Canyon oder die Golden Gate Bridge ziehen in einer Diashow vorbei, Fotos von Antilopenherden in den Weiten Afrikas, Palmenreihen an leeren Stränden. Tramperts Reisebüro Tourcenter in Nymphenburg ist auf Fernreisen spezialisiert. Erfüllen kann sie die Reiseträume ihren Kunden nicht. Wie ihr Kollege Ralf Scherfchen von Reise Sinfonie in Laim hat sie wegen der Corona-Pandemie seit Wochen keine Buchung mehr vorgenommen. Stattdessen: Stornierungen, Rückzahlungen, verärgerte Kunden und die Sorge, wie es weiter geht mit dem Urlaubsgeschäft.

Seit dem großen Lockdown und der von der Bundesregierung erlassenen weltweiten Reisewarnung liegt die Tourismuswirtschaft darnieder. Und sie hat, anders als inzwischen die meisten Branchen wie der Einzelhandel oder die Industrie, derzeit keine Perspektive. Am Mittwoch kommen erneut Touristiker in zahlreichen Städten im Bundesgebiet zu Demonstrationen zusammen, um auf ihre prekäre Situation aufmerksam zu machen, auch in München. An diesem Tag wird die Bundesregierung über die Aufstellung eines Rettungsfonds für die Reisewirtschaft informieren.

Laut einer Umfrage des Münchner ifo-Instituts gab es bei den Reisebüros- und -veranstaltern den größten wirtschaftlichen Einbruch infolge der Pandemie mit einem Minus von 84 Prozent. Dabei spiegeln diese Zahlen oft noch nicht einmal das tatsächliche Ausmaß der Krise bei etlichen Reisevermittlern vor Ort wider. Angela Trampert sagt: "Der Umsatz ist gleich null." Bei Ralf Scherfchen "tut sich gar nichts. Die Leute sind extrem verunsichert und buchen nicht."

Angela Trampert wickelt ihr Geschäft - oder vielmehr das, was davon übrig ist - jetzt von zu Hause aus ab. Sie will nicht mit Mundschutz im Büro sitzen und sich einem Ansteckungsrisiko aussetzen, wo sie doch ohnehin ausschließlich mit Stornierungen beschäftig ist. Das lässt sich genauso gut am Telefon erledigen; ihre Mitarbeiterin ist momentan freigestellt. Die Reisebüroinhaberin bemüht sich also allein, ihre Kunden zu beruhigen. Der Großteil ihrer Stammkunden reagiere auf das Chaos glücklicherweise gelassen, sagt sie.

Aber es gebe auch solche, die genervt seien und vehement ihr Geld für eine gebuchte Reise zurückforderten. "Da wird schnell mal mit dem Anwalt gedroht." Probleme gibt es vor allem mit den Fluggesellschaften, die sich Zeit ließen mit der Rückerstattung bezahlter und stornierter Flüge. Im Gegensatz zu den Reiseveranstaltern, die besser organisiert seien, hätten bislang nur drei Airlines Geld zurück überwiesen. 30 weitere Forderungen liegen weiter unbeantwortet auf dem Tisch von Trampert.

Sie hat eigens an einem Online-Seminar zum Thema Stornierungen teilgenommen, um für das noch Kommende besser gewappnet zu sein. Mit den vielen Rückabwicklungen, so rechnet Ralf Scherfchen vor, sei das komplette Geschäft für dieses Jahr zunichte gemacht. Die Provisionen, die die Büros für gebuchte Reisen schon erhalten haben, müssen sie zurückzahlen. "Einen Monat, maximal zwei Monate" könne er das finanziell noch durchstehen, sagt Scherfchen. Zwei seiner drei Mitarbeiter sind längst in Kurzarbeit. Er sitzt noch mit einer Auszubildenden im Büro. Auch bei Angela Trampert geht es nur weiter, weil sie 9000 Euro an Soforthilfen vom Bund und der Stadt München erhalten hat und ansonsten von Rücklagen lebt.

Binnen Wochen hat sich das über Jahre gut laufende Geschäft - die Reise Sinfonie gibt es seit 2006, das Tourcenter seit 1998 - zu einem Verlustbringer gewandelt. Wobei Ralf Scherfchen durchaus verärgert ist über die Einschränkungen in der Krise. "Warum dürfen die Leute in öffentlichen Verkehrsmitteln nebeneinander sitzen und nicht im Flugzeug?", fragt er sich. Und dann muss er sich noch mit Urlaubern abmühen, die ihre Reisen bei einem Billiganbieter im Internet gebucht haben und nun in der Not zu ihm kommen und Hilfe erwarten. "Diese Ignoranz" stört ihn gewaltig.

Wie es weiter geht, wissen beide Reisebüroinhaber nicht. "Wie Kaninchen vor der Schlange" stünden die Kunden da und wüssten nicht, wie sie sich verhalten sollten. Neubuchungen gebe es nicht, auch für innerdeutsche Reiseziele sei die Nachfrage gering. Es gebe ja auch keine Informationen, wie es zum Beispiel bei den Hotels konkret weiter geht, merkt Scherfchen an. "Wie sieht es mit der Belegung aus? Wie viele Leute dürfen sie unterbringen? Gibt es die Hotels nach der Krise überhaupt noch?" Fragen über Fragen.

Den Reisebüros bleibt nur die Hoffnung, dass sich nach Corona ein Nachholbedarf einstellt, "dass die Leute endlich raus wollen nach den Wochen auf Balkonien", wie Scherfchen sagt. Angela Trampert rechnet nicht mit dem großen Schwung, weil etwa die Sorge vor Arbeitslosigkeit die Reiselust dämpfen könnte. Sie rät ihren Kunden aber dennoch, frühzeitig fürs nächste Jahr zu buchen, weil die Preise dann merklich steigen könnten. Dabei empfiehlt sie große Veranstalter, die kostenlose Stornierungen anbieten.

© SZ vom 11.05.2020/baso
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