Süddeutsche Zeitung

Energiewende in München:Die Region soll zum Windpark werden

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In München und den benachbarten Landkreisen könnten in den kommenden Jahren 400 neue Anlagen entstehen. Mit den neuen Vorgaben der Bundesregierung soll der Ausbau erleichtert werden.

Von Thomas Anlauf

Die Metropolregion München wird zum Windpark. In den kommenden Jahren sollen in München und in den Landkreisen Dachau, Ebersberg, Erding, Freising, Fürstenfeldbruck, Landsberg, München und Starnberg 400 Windkraftanlagen entstehen. Bislang gibt es in der Region lediglich etwa zwei Dutzend Windräder, die klimaneutrale Energie produzieren. "Das ist ein kompletter Perspektivenwechsel", sagte Christian Breu, Geschäftsführer des Regionalen Planungsverbands München, am Dienstag.

Bislang gilt in Bayern die sogenannte 10-H-Regelung, wonach der Mindestabstand eines Windrads zur nächsten Besiedelung der zehnfachen Höhe der Anlage entsprechen muss. Diese Regel läuft laut Breu im Juni kommenden Jahres aus. Zudem will der Bundestag nun beschließen, dass Flächen für Windenergie Vorranggebiete sind. Das bedeutet, dass die Region München bis 2026 insgesamt 1,1 Prozent der Fläche für Windkraftanlagen ausweisen muss, bis spätestens 2032 müssen es 1,8 Prozent sein.

Es gehe künftig nicht mehr um die Effizienz, also darum, wie viel Energie ein Windrad produziert, sondern "um die Versorgung in der Fläche", so Breu. Beim Thema Windkraft könnten Kommunen nur noch über den Regionalen Planungsverband mitreden. Die Genehmigungsverfahren für die Anlagen sollen nicht nur deutlich beschleunigt werden, damit die Energiewende gelingt. Der Planungsverband muss die für Windkraft ausgewiesenen Flächen auch dem Freistaat melden, der diese wiederum sogar bis Juni 2024 dem Bund weiterleiten muss. Damit hebelt Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) die bayerische Linie aus, wonach in den vergangenen Jahren kaum Windräder gebaut wurden. Insgesamt gibt es in ganz Bayern etwas mehr als 1100 Anlagen, nach Ansicht von Wissenschaftlern viel zu wenig, um im Freistaat die Energiewende zu schaffen.

In München stehen am nördlichen Stadtrand gerade mal zwei Windräder. Die neue Anlage, die seit Januar 2021 in Betrieb ist und erst kürzlich wegen Reparaturarbeiten im April bis Anfang Juli vom Netz genommen werden musste, versorgt etwa 2800 Münchner Haushalte - mehr als doppelt so viel wie das 1999 in Betrieb genommene erste Windrad in Fröttmaning. Die Stadtwerke München haben bereits angekündigt, dass in naher Zukunft kein weiteres Windkraftwerk im Münchner Stadtgebiet entstehen soll. Doch das kann sich nun mit dem Bundestagsbeschluss ändern. Denn Vorrangflächen für Windräder könnten dann womöglich auch in Industriegebieten geschaffen werden. Davon hat München bekanntlich reichlich.

Auch Wälder sind keine Tabuzonen für Windräder mehr. Wie der Planungsverband mitteilt, liegen etwa drei Viertel der potenziellen Standorte in der Region München in Wäldern. Bereits jetzt sollen im Landkreis Ebersberg mehrere Anlagen im Forst entstehen. Seit Monaten bemüht sich auch Grünen-Stadtrat Bernd Schreyer, im Forst Kasten mehrere Windräder zu installieren. Teile des Waldes im Südwesten Münchens gehören der Heiliggeistspital-Stiftung, die vom städtischen Sozialreferat betreut wird. Bislang finanziert sich die Stiftung unter anderem mit der Verpachtung der Waldflächen für den Kiesabbau, doch mit einer veränderten Gesetzeslage des Bundes könnten dort auch Windräder viel einfacher gebaut werden.

Der Regionale Planungsverband, der für den Raum München zuständig ist, macht in einer Erklärung sehr deutlich, dass sich durch die geplante Neuregelung für Windenergie grundsätzlich viel für den Verband, aber auch für die Kommunen ändern wird. Er müsse "sofort mit den Vorarbeiten beginnen", heißt es in der Stellungnahme. Möglichst im September soll es einen Aufstellungsbeschluss geben, wo Flächen für Windkraft ausgewiesen werden. "Denn falls es nicht gelingt, die Flächenziele zu beschließen und auszuweisen, wären alle Außenbereiche in der Region München privilegierte Flächen für Windkraftanlagen ohne die Möglichkeit der Kommunen oder des Regionalen Planungsverbands München zu steuern."

Bemerkenswert ist auch die Aussage: "Eine Regelung wie 10 H macht keinen Sinn mehr." Damit positioniert sich der Verband gegen die bisherige Linie der bayerischen Staatsregierung, betont aber gleichzeitig, dass künftig grundsätzlich der Abstand eines Windrads von mindestens 1000 Metern zum nächsten Dorf wichtig sei, was deutlich weniger Abstand als bisher ist. Allerdings gibt es künftig zahlreiche Ausnahmen, wenn der Beschluss des Bundestags durchgeht. Das sind unter anderem Wälder, Straßen, Autobahnen und Bahnlinien sowie Industrie- und Gewerbegebiete. Überall dort könnten künftig Anlagen gebaut werden.

Im Regionalen Planungsverband gab es zwar große Zustimmung zu den Plänen, allerdings hieß es auch, es zeichne sich ab, dass der ländliche Raum die Energiewende stemmen müsse. Man müsse nun die Planungen der Kommunen bündeln. Geschäftsführer Christian Breu ist sich sicher, dass der Freistaat die Bemühungen und die Umsetzung der Energiewende finanziell unterstützen werde. Der Ausbau der Windkraft habe nun "absolute Priorität", für alles andere gebe es derzeit weder Geld noch genügend Personal. Deshalb lehnte die Mehrheit des Planungsverbands auch ab, einen regionalen Potenzialplan zur regenerativen Energiegewinnung für die Region München zu erstellen, wie es mehrere Münchner Stadträte fordern. Dabei gilt München als Vorreiter bei der Nutzung von Geothermie.

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