SZ-Kolumne: Null Acht Neun:München ist ein Dorf

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Landluft neben urbaner Karosse: München hat seine dörflichen Schauplätze. (Foto: Andreas Schubert)

Im Schlachthofviertel duftet es nach Kuhstall, im Gegensatz zu den Autos steigt die Zahl der Traktoren, auf der Wiesn herrscht Trachtenzwang. Über die Verländlichung der Isar-Metropole - und wo sie zu beobachten ist.

Kolumne von Andreas Schubert

Vor 65 Jahren bezeichnete der frühere SZ-Chefredakteur und Herausgeber Werner Friedmann München erstmals als "Millionendorf" - und meinte es eigentlich gar nicht nett. Über Wohnungselend schrieb er damals, über Verkehrschaos und Schulmisere. Dummerweise dachten sich die Münchner, wenn die SZ davon schreibt, muss das alles ja was Tolles sein. Und sie richteten es sich seither recht gemütlich in ihrem Millionendorf ein, mitsamt den genannten Eigenarten.

Seither ist die Verländlichung Münchens immer weiter fortgeschritten. Als sich vor einigen Jahren ein Reporter im ausgewaschenen Jeansanzug auf eine Pressekonferenz zum Oktoberfest wagte, konnte sich der damalige Bürgermeister und Wiesnchef Josef Schmid (CSU) eine spitze Bemerkung nicht verkneifen. Denn offenbar hilft es nix: Wer auf der wichtigsten Kirmes des Millionendorfs München nicht weiter auffallen will, hat sich dörflich zu gewanden, der Zeitgeist will es so. Der Kollege in Jeans, urban sozialisiert und bis dahin beileibe kein Freund der Lederhose, sah sich gezwungen, sich dem Trachtendruck zu beugen. Seither ist auch er, wenngleich nicht hundertprozentig überzeugt, in der Hirschledernen im Bierzelt anzutreffen. Es dauert dann immer ein paar Mass, bis er seinen gequälten Gesichtsausdruck wieder loswird.

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Allmählich können sich auch die überzeugtesten Städter der Wandlung der Landeshauptstadt zum Landeshauptweiler kaum mehr erwehren. Wer abends in einigen Gegenden das Fenster öffnet, dem ziehen die Rauchschwaden von Holzöfen derart in die Nase, dass man sich vorkommt wie neben einer Köhlerei vor 100 Jahren. Im Schlachthofviertel duftet es nach Kuhstall. Und wer mit der S-Bahn fahren will, muss an manchen Tagen länger auf seinen Zug warten als ein Pendler im tiefsten Bayerischen Wald.

Die Zahl der zugelassenen Traktoren in der Stadt ist - ohne Flachs - in den vergangenen Jahren im Gegensatz zu den Privatautos gestiegen. Und wenn das Baureferat mit seinen Plänen für den Max-Joseph-Platz ernst macht, wird aus der Steinwüste vor klassizistischer Kulisse eine innerstädtische Bob-Ross-Oase mit Blümchen, Bänkchen und Bäumchen. Vielleicht könnte man ja noch ein paar Schäfchen weiden lassen, dann wäre das Landidyll perfekt.

Für das sommerliche Event "Oper für alle" auf dem Platz soll Intendant Serge Dorny schon nach Bauerntheater- und Dreigesang-Ensembles Ausschau gehalten haben.

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