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Münchner Momente:Wiesngrippe ohne Wiesn

Nanu, wie konnte das denn passieren? Aber vielleicht lassen sich die Symptome ja auch ganz anders erklären

Kolumne von Laura Kaufmann

Totgesagte leben länger. Und so lebt die Wiesn fröhlich vor sich hin, ohne wirklich stattzufinden. An Tramhaltestellen stehen fein zurecht gemachte Damen im Dirndl und belederhoste Herren, in den Wirtshäusern werden die Krüge zum gemütlicheren Prosit der Gemütlichkeit erhoben, und in den sozialen Netzwerken werden die Bilder von vor ein, zwei, drei Jahren geteilt, was bei achtloser Durchsicht den gleichen Eindruck hinterlässt, als wären sich die Leute gestern erst suffselig im Schottenhamelzelt in den Armen gelegen.

Die dezentrale "Wiesn light", die subtil in der ganzen Stadt gefeiert wird, bietet natürlich nicht das gleiche Eskapismus- und Eskalationspotenzial wie das unvergleichliche Original, hat aber auch ihre Vorteile. Auf der grünen Theresienwiese sporteln die Menschen, statt ihre Gesundheit zu foltern. Der Kotzhügel? Frei von Bierleichen und ihren Ausscheidungen, wie auch der Rest der Stadt, mittlerweile sogar die Gegend um den Gärtnerplatz. Die heruntergedimmte Wiesn scheint ohne die üblichen negativen Begleiterscheinungen auszukommen. Bis in der Whatsapp-Gruppe zum geplanten zünftigen Weißwurstfrühstück in Tracht die ersten Absagen eintrudeln: Liege leider flach und kann nicht kommen, bin mit Halsschmerzen aufgewacht und bleibe besser daheim. Ja, kann das etwa ...? Nein, Covid-19 ist es nicht. Nur eine ganz banale, harmlose Wiesngrippe, ganz ohne Wiesn. Fragt sich, woher die kommen soll. Der geteilte Maßkrug war es nicht; busseln mit Fremden - unvorstellbar; die Seele aus dem Hals gebrüllt bei "weil jeder, den die Sehnsucht quält, ganz einfach Rosis Nummer wählt" hat sich auch keiner. Dazu all das In-die-Armbeuge-Niesen und Händewaschen; kaum zu glauben, dass es einen doch erwischen konnte. Verkühlt im Spätsommer vielleicht? Egal, am Ende zählt das Ergebnis: bettlägrig zur Wiesnzeit.

Vielleicht kommt noch eine andere, romantischere Erklärung in Frage: krank vor Sehnsucht. Nach wirbelnden Teufelsrädern, Ansagen mit Echo, blinkenden Lichtern und ausgelassenem Schunkeltanz auf Bänken. Nach dem hellen Wahnsinn, der sich nicht so leicht ersetzen lässt. Nur gut, dass nichts auf ewig verloren ist. Nächstes Jahr wieder. Es sei denn, die Wiesngrippe schlägt zu.

© SZ vom 01.10.2020

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