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München:Wie viel Wachstum verträglich ist

Ganz schön eng: Auch in Berg am Laim - hier das Neubaugebiet Baumkirchen Mitte - wird jeder Quadratmeter Fläche ausgenutzt

(Foto: Stephan Rumpf)

Berg am Laim gehört zu den Stadtvierteln, in denen der Wandel rasant voranschreitet. Bei der vierten Stadtteilkonferenz erörtern die Bürger diese Entwicklung und loten Chancen und Risiken aus

Von Renate Winkler-Schlang

Am Ende kam ein Bürger aus der Messestadt und fragte den Berg am Laimer Bezirksausschussvorsitzenden Robert Kulzer (SPD), ob denn andere Stadtteile auch dieses kommunikative Format einer Stadtteilkonferenz anbieten. Das wäre doch auch was für sein Viertel. In der Tat: Was das Berg am Laimer Stadtteilforum - ein Zusammenschluss von Vereinen und Einrichtungen - und der Bezirksausschuss mit ihren Diskussionsrunden auf den Weg gebracht haben, kann sich sehen lassen - und wurde von Kulzer auch wärmstens zur Nachahmung empfohlen.

Dabei war er am Donnerstagabend vielleicht ein klein wenig enttäuscht über die bereits vierte Stadtteilkonferenz, die sich einem großen Thema verschrieben hatte unter dem Motto: "Das Wachstum und die Folgen - wohin entwickelt sich Berg am Laim?" Die Stadtverwaltung glänzte nämlich durch Abwesenheit. So trug Kulzer selbst die Zahlen vor: Als er in die Politik ging, vor 20 Jahren, zählte Berg am Laim 35 000 Einwohner, jetzt sind es 47 000, im Jahr 2030 sollen es 53 000 und weitere zehn Jahre später bereits 56 000 sein. Die Verwaltung rechne da aber nur mit der Geburtenrate und den bekannten Bauvorhaben wie etwa im Werksviertel oder auf dem Acker an der Truderinger Straße. Die Nachverdichtung und neue Projekte aber brächten weiteren Zuwachs. Auffällig sei, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen stark steigen werde, in einigen Altersgruppen um ein Drittel, und dass es viel mehr Hochbetagte geben werde. "Wie müssen wir aufgestellt sein, dass das alles gut funktioniert, wo liegen Gefahren, wo sind auch Chancen?"

Es waren "nur" knapp 50 Bürger, die zum Mitdenken und Mitreden gekommen waren. Das lag wohl daran, dass die Initiative "Lebenswertes Berg am Laim", die eine Bebauung des Ackers ablehnt, nur wenige Tage vorher eine eigene Diskussionsveranstaltung organisiert hatte.

Dass kaum junge Menschen im Pfarrsaal waren, bedauerten die Aktiven, verstanden es aber auch: Beruf und Kinder nehmen diese Generation eben stark in Anspruch, hieß es. Also müsse man für sie mitdenken. So war es auch der Ruf nach ausreichend Kita- und Schulkapazitäten, Sportflächen und Freizeiteinrichtungen, der überall laut wurde. Natürlich müsse die Stadt aber auch an mehr Altenheime, Pflegeplätze, Ärztehäuser und am besten auch an ein neues, deutlich größeres Alten- und Servicezentrum denken. Und vielleicht solle man das Kulturbürgerhaus doch besser gleich einen Tick größer planen? Gut immerhin, dass es kommt.

Schnell wurde den Diskutanten klar, dass es für all die Wünsche Flächen braucht. Mit öffentlichem Grün aber ist Berg am Laim heute schon unterdurchschnittlich versorgt. Kein Wunder also, dass die Menschen ihre Freiflächen schützen wollen, etwa den Michaelianger. Wo solle man denn künftig seinen Hund ausführen, fragte jemand. "Der Michaelianger muss ein Reservat werden", sagte einer mit Blick auf die Stadtteilkarte, die jeden Tisch bedeckte. Grünflächen müssten für Stadtplaner tabu bleiben.

Dabei ist es ja so, dass die Kritiker keinen Zaun oder Zuzugsstopp fordern, was Thomas Richter von der Initiative Lebenswertes Berg am Laim damit erklärt, dass Bürger die große Hoffnung hätten, man könne mit Politik, Verwaltung und Investoren vernünftig reden. Einige aber wollten schon mehr erfahren über die Investoren, die Berg am Laim zubauen. Seien die denn sozial eingestellt oder eher so die Abzocker? Und warum entstehen in der "Macherei" auf 70 000 Quadratmetern nur Arbeitsplätze und keine Wohnungen? "Weil die Stadt das so wollte", konterte Kulzer.

Dieser hatte darauf gesetzt, dass manche vielleicht im Wachstum auch eine Chance sehen könnten, etwa die auf ein höheres Potenzial für die teilweise stark überalterten Berg am Laimer Vereine, die das kulturelle Leben im Stadtteil schultern. Doch die Bürger machten andere Chancen aus: Mehr Einwohner, das könne zumindest mehr Kundschaft bedeuten für die Läden im Zentrum. "Welche Läden?", murmelte ein Teilnehmer ein wenig abfällig. Eine weitere Chance im Zuzug bestehe, so formulierte es einer der Gäste etwas zynisch, dass der Druck für eine Verkehrswende noch größer werde.

Letztlich sehen alle im Verkehr das größte Zukunftsproblem. Damit hatte sich auch bereits eine frühere Stadtteilkonferenz befasst. Die Rezepte? Mehr Parkplätze, sagen die einen; nein, weniger, sagen die anderen. Pendler abschrecken etwa durch Anwohnerparklizenzen, mehr und breitere rot eingefärbte Radwege, Trambahnen nach Osten verlängern, mehr Kapazitäten bei der S-Bahn, eine U-Bahn von der Messestadt nach Waldtrudering als Entlastung für Berg am Laim und: eine Fußgängerzone in der Baumkirchner Straße, das waren die Ideen.

Letzteres aber verwies Kulzer ins Reich der Utopie. Zwar werde drüben in Trudering der Ortskern verkehrsberuhigt, aber die Baumkirchner sei leider eine Hauptverkehrsstraße. Ein Redner rechnete vor, dass 1000 Autos pro Stunde die Bahnunterführung passieren können, bald aber würden 1600 durchwollen. Man könne sich ausrechnen, wie lang ein Stau mit 600 Autos sei. Kulzer berichtete, dass die Stadt die Unterführung nicht erweitern wolle. Und eine zusätzliche Unterführung weiter östlich wiederum zöge nur Verkehr aus dem Osten in den Stadtteil.

Kulzers Fazit: Problem erkannt, Lösung nicht in Sicht. Trotzdem habe der Abend insgesamt gezeigt, wie gut es sei, im Gespräch zu bleiben. Auch 2020 werde es zwei Stadtteilkonferenzen geben. Ein Modell, das Schule machen könnte.

© SZ vom 19.10.2019

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