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Westendstraße:Bleibe mit Perspektive

Zum Abbruch freigegeben: Das Vordergebäude an der Westendstraße 35. Das Rückgebäude soll bestehen bleiben und saniert werden.

(Foto: Yoav Kedem)

Die Stadt lässt an der Westendstraße einen Neubau für ältere wohnungslose Frauen errichten. Die Apartments gelten als "Lebensplätze": Die Bewohnerinnen bleiben dort so lange, bis sie in die stationäre Altenhilfe umziehen müssen

Von Andrea Schlaier, Schwanthalerhöhe

Direkt von der Straße kommt hier keine. Der Schritt, aus der Obdachlosigkeit in eine eigene Wohnung zu wechseln - ohne Zwischenstation -, ist in aller Regel zu groß. Die meisten Frauen, die in der Westendstraße 35 von Herbst 2022 an ein eigenes Appartement beziehen werden, sagt Frank Boos, Sprecher des Sozialreferates, sind mindestens 50 Jahre alt und haben zuvor bereits in anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe gelebt. Die Stadt schafft ihnen nun auch in der Schwanthalerhöhe eine konkrete Perspektive, sich dauerhaft einzurichten, in einer eigenen Bleibe, mit eigener Privatsphäre. Unter dem Titel "Lebensplätze für ältere ehemals wohnungslose Frauen" wird dafür im Frühjahr die leer stehende, städtische Immobilie an der Westendstraße abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

"Aktuell stehen über 40 Frauen auf der Warteliste für die Einrichtung", sagt Frank Boos. Ihre Chance auf dem freien Markt, eine Bleibe zu finden, tendiert gen Null. Bei den Lebensplätzen, das betont der Sprecher des Sozialreferates ausdrücklich, handle es sich nicht um ein Heim. Den Interessentinnen werde ein selbständiges Wohnen in den eigenen vier Wänden ermöglicht. Viele von ihnen lebten lange ohne Dach überm Kopf; sie leiden häufig unter multiplen psychischen und physischen Erkrankungen. Wenn sie mögen, können sie in der Westendstraße auf ein niederschwelliges Angebot zurückgreifen. Es geht zum einen um die Vermittlung von Hilfen bei psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen, zum andern, wie Behördensprecher Boos es nennt, eine "Orientierung im Sozialraum", gemeint sind etwa gemeinschaftliche Veranstaltungen wie Kochen. Die Erfahrung zeige, dass es mitunter Jahre dauert, bis die Frauen ausreichend Vertrauen aufgebaut haben, um die Angebote auch anzunehmen. Viele zögen sich erst mal zurück, wenn sie endlich die eigene Tür hinter sich zuziehen können.

Eben diese Erfahrung hat man im Sozialreferat in der bislang einzigen vergleichbaren Einrichtung der Stadt gemacht, gelegen am Lieberweg 22, Am Hart. Seit 2011 gibt es dort 26 Appartements als "Lebensplätze für ehemals wohnungslose Frauen". Betreiber ist das Evangelische Hilfswerk, die Stadt trägt die Betreuungskosten zu hundert Prozent. Der Fokus liegt hier auch auf älteren Frauen, ebenso wie künftig in der Schwanthalerhöhe. Die über 50-Jährigen heißt es aus dem Sozialreferat, belegten mangels geeigneter Wohnungen häufig langfristig Hilfe- oder Schutzeinrichtungen wie das Übergangswohnprojekt Haus Agnes oder das Frauenobdach Karla 51 mit ihren jeweiligen Einzelzimmern; deren Angebote seien nicht mehr passend. Mit der neuen Einrichtung im Westend stünden dann insgesamt 58 Lebensplätze-Appartements in der Stadt zur Verfügung. Der Bedarf wäre praktisch gedeckt.

Im dreistöckigen Leerstandshaus an der Westendstraße sind lange schon die Fenster mit Brettern vernagelt und die Fassade ist mit Graffiti überzogen. "Respect and love for everybody" hat jemand an die Wand gesprüht - wie eine Mahnung zur Toleranz den neuen Nachbarinnen gegenüber. Dazu besteht in diesem diversen Viertel vermutlich kein Nachhilfebedarf; der Bezirksausschuss (BA) Schwanthalerhöhe ist mit der neuen Nutzung sehr einverstanden. Den dreijährigen Leerstand des Hauses hat das Gremium dagegen oft und massiv kritisiert und bedauert, dass die Stadt hier keine Zwischennutzung zustande gebracht hat. Im Frühjahr, sagt Michael Schmitt, Sprecher des städtischen Wohnungsgesellschaft GWG als Hausherr, wird abgerissen. Das hat der Stadtrat so beschlossen.

Für einen Neubau mit 32 Wohnungen sollen das Vorder- und Nebengebäude weichen. Das Rückgebäude bleibt stehen und wird saniert. 28 der neuen Appartements sind barrierefrei geplant. Ins Erdgeschoss des Vorderhauses ziehen Büro, Arztzimmer, Pflegebad, Pforte und Gruppenräume mit Gemeinschaftsküche. Ins Hinterhaus kommen vier nicht barrierefreie Wohnungen, Hausmeisterwerkstatt und Lagerräume. Wer Träger der Einrichtung wird, steht bislang nicht fest; das Auswahlverfahren läuft noch, sagt Frank Boos vom Sozialreferat. Seine Behörde ist in die Planung mit eingebunden. Das künftige Haus-Ensemble wird als Ganzes von der GWG an den Träger vermietet.

Im Sozialreferat rechnet man nur mit minimaler Fluktuation in den Lebensplätzen. Die Rede ist von ein bis zwei Neueinzügen im Jahr. Wer geht, wechsele in Altenpflege oder stationäre Einrichtungen, oder stirbt. Die Mietverträge garantieren den Frauen grundsätzlich lebenslanges Wohnen. Die Erfahrungen aus dem Lieberweg zeigen: Fast alle lassen damit das Leben ohne Dach über dem Kopf hinter sich.

© SZ vom 23.02.2021
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