bedeckt München 22°

Schwanthalerhöhe:Zweifel an der Abrisstheorie

Lokalpolitiker und Mieter setzen auf Sanierung des Ligsalz-Anwesens der Erzdiözese

"Wir sind im Westend im Häuserkampf erprobt." Bezirksausschuss-Chefin Sibylle Stöhr (Grüne) gab die Parole den Immobilienfachleuten der Erzdiözese München und Freising nach deren Auftritt am Dienstagabend in der Sitzung des Gremiums mit auf den Nachhauseweg. Eine halbe Stunde lange hatten sich die beiden scharfe Fragen gefallen lassen müssen, warum die Erzdiözese ihre Immobilie an der Ligsalzstraße 25 abreißen und nicht ausschließlich sanieren wolle. Fraktionsübergreifend wurde die baurechtliche Notwendigkeit für diesen Schritt angezweifelt, durch den nicht nur Mieter aus ihren günstigen Wohnungen vertrieben würden, sondern auch die Büchergalerie Westend im Erdgeschoss und damit der letzte selbständige Buchladen im Viertel.

Betreiberin Inge Kindermann, die auch selbst im Haus wohnt, drückte Uwe Heller von der Immobilienabteilung der Erzdiözese gleich zu Beginn knapp 900 Unterstützerunterschriften in die Hand; die Unterzeichner fordern, dass die Buchhändlerin bis Jahresende in den Räumen bleiben darf und nicht bereits Ende Juni, wie per Kündigung veranlasst, weichen muss. "Der Buchladen ist der einzige, den wir hier noch haben", so Stöhr, "und es ist der Wunsch der Bevölkerung, dass er bleibt". Kindermann betreibt den Laden seit 1986.

Die Erzdiözese hat die Immobilie aus dem späten 19. Jahrhundert nach eigenen Angaben vor etwa fünf Jahren vom Caritasverband übernommen; dieser habe das sanierungsbedürftige Gebäude geerbt und nicht selbst betreiben können. "Mit dem Kauf", so hat Hellers Kollege Christof Busch den Ausschuss wissen lassen, "sollte die soziale Ausrichtung der Mietverhältnisse dauerhaft gesichert werden". Doch genau daran scheint es jetzt zu scheitern.

Nach einem ersten Bestandsgutachten sei noch eine sukzessive Sanierung der Immobilie angestrebt worden, erklärte Heller. Aber nachdem Fachplaner zugezogen und weitergehende Untersuchungen veranlasst worden seien, habe man "einen Schock erlebt": Das Gebäude weise derartig viele Mängel in unterschiedlichen Gewerken (Elektro, Heizung, Lüftung, Sanitär, Statik und Brandschutz) auf, dass man um Abriss und Neubau nicht herumkomme. Eine Kernsanierung sei bei laufendem Betrieb unmöglich. Ein weiteres technisches Gutachten vom März 2020 komme zum selben Schluss.

Unter anderem SPD-Fraktionssprecher Willy Mundigl, Vorsitzender des Bau-Ressorts im BA, bezweifelte diesen Rückschluss: "Ich habe das Haus intensiv besucht, vom Keller bis zum Dachgeschoss, das Fundament ist trocken, das Treppenhaus hängt nicht, im Dachstuhl sieht man keine Fäulnis." Seiner Ansicht nach ist das Haus in "sehr gutem Zustand". Dominik Lehmann (Linke) kritisierte die "Härte", ältere Bewohner "aus ihren sozialen Netzwerken zu reißen" und zum Umzug in andere Stadtteile zu zwingen. Heller zufolge, habe sein Haus einen Makler eingeschaltet, um für die sechs noch im Haus lebenden Parteien im Viertel eine andere Bleibe zu finden. Zudem werde fünf Jahre am Mietniveau festgehalten und ein Rückzugsrecht eingeräumt. Für die nächsten Tage haben Vertreter der Erzdiözese mit Inge Kindermann ein Gespräch vereinbart, um eine "einvernehmliche Lösung" zu erreichen. Stöhr entließ die Eigentümer-Vertreter mit dem Hinweis: "Im Westend haben wir schon viele alte Häuser saniert, hat immer geklappt, bis aufs Dönerhaus."

© SZ vom 18.06.2020
Büchergalerie Westend, Ligsalzstraße 25

Westend
:Am Abriss führt kein Weg vorbei

Ligsalz-Anwesen ist laut Erzdiözese nicht mehr zu sanieren

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite