Süddeutsche Zeitung

Jolandas Vinothek:Das Heiligste kommt im geblümten Einband

In Jolandas Vinothek im Westend lassen sich Weine und außergewöhnliche Speisen in einem ganz besonderen Ambiente genießen.

Von Janina Ventker

Wenn ein bekannter Münchner Weinexperte - ausgezeichnet mit 20 von 20 Punkten im Gourmetmagazin Falstaff, Spitzname "Der Weinheilige", Autor des "kleinen Weinmaleins" - eine Bar eröffnet, würde man vielleicht einen schicken Schuppen in Schwabing erwarten. Oder im Lehel. Vielleicht noch in der Isarvorstadt, kaum aber im Westend. Doch Thomas Hertlein ist anders, als man sich einen klassischen Sommelier vorstellt. Der Niederbayer mit dem Vollbart, der alle und jeden sofort duzt, mag es ungezwungen.

In seinem kleinen Lokal steht er täglich selbst hinter der Theke und so hat er in Jolandas Vinothek an der Kazmairstraße ein Ambiente geschaffen, in dem zuallererst er selbst sich wohlfühlt. Der Stil verweigert sich jeder Zuordnung: Schallplatten in den Regalen, karierte Decken auf den Tischen, 60er-Jahre-Leuchter an der Decke, Spitzengardinen vor den großen Fenstern. Und aus der Anlage dudeln Oldies und Jazz.

Das kommt im Westend offenbar gut an. An einem Samstagabend im August ist jeder Tisch voll besetzt, hier eine Gruppe junger Frauen, dort zwei befreundete Pärchen mittleren Alters. Überall in Kerzenlicht getauchte angeregte Gespräche.

Hertleins Heiligstes, die Weinkarte, kommt in einem schicken geblümten Einband daher. Ein Glas offenen Weins (0,1 Liter) bekommt der Gast ab sechs Euro. Die Flasche Weißwein, einen Riesling Sauvage, gibt es ab 30 Euro. Preislich ganz oben rangiert der "Toscana Rosso" für 75 Euro. Am liebsten berät Hertlein seine Gäste jedoch, wenn es um Vintage-Weine geht. Bis ins Jahr 1950 reicht hier sein Angebot zurück. "Wer was Reifes trinken will, kommt zu mir", sagt er.

Zu den erlesenen Weinen gibt es eine übersichtliche Speisekarte, die nur eine Seite füllt, sich aber recht außergewöhnlich liest. Etwa "geaschter Ziegenkäse mit Zwiebelmousse und Hokkaido" (15 Euro) oder Fischpflanzerl mit Erdäpfel-Rucola-Salat und Nussbutter (kleine Portion 14 Euro).

Genau genommen betreibt Hertlein das Lokal schon seit November 2017, zuerst unter dem Namen "Weinwirtschaft Zum Schönfärber". Aber da kaum einer die Anspielung auf den weinliebenden Charakter aus Dietls "Monaco Franze" verstand und Hertlein keine Menüs mehr anbieten wollte - "zu elitär fürs Westend" - machte er im März dieses Jahres aus dem Schönfärber kurzerhand die Jolanda.

Nicht unbedingt der beste Zeitpunkt für einen Neustart in der Gastronomie, wie man nun, ein halbes Jahr später weiß. Nach nur zwei Wochen zwang der Lockdown Hertlein bereits wieder zum Schließen. Doch Not macht ja bekanntlich erfinderisch. Und so öffnete Hertlein ein Fenster zur Straße hin, nannte es "Corona-Fenster", und verkaufte daraus Tatar und Schweinebauch in türkischem Brot zum Mitnehmen. Edel-Döner vom Weinkenner.

Adresse: Kazmairstraße 28, 80339 München, Telefon: 089/20930569, Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12 bis 15 und 17 bis 0 Uhr, Samstag 15 bis 0 Uhr, info@jolandas.de

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Quelle:
SZ vom 01.09.2020/vewo
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