Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: München natürlich:"Die räumen wirklich auf"

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Wespen haben einen schlechten Ruf, doch die Parks in der Stadt würden "viel ekliger aussehen", wenn es sie nicht gäbe, sagen Experten. Menschen wiederum sollten darauf achten, von den Insekten nicht mit einem Dachs verwechselt zu werden.

Von Thomas Anlauf

Tiere und Pflanzen können sich leider nicht aussuchen, wie sie von Menschen tituliert werden. So gibt es die Anekdote des schwedischen Naturforschers Carl von Linné, dass er den Stinkstorchschnabel (Geranium robertianum) nach einem seiner Mitarbeiter namens Robert benannt hat, der, nun ja, ähnlich wie das Kraut etwas streng gerochen haben soll. Auch das Tier, das derzeit um jeden Kuchen auf der Terrasse schwirrt, hat einen ziemlich gemeinen Namen bekommen: die Gemeine Wespe.

Nun plagt sich ihre Art schon damit herum, dass sie einen fälschlicherweise üblen Ruf hat. Vor allem im Spätsommer, wenn der Wespenstaat seine größte Bevölkerungsdichte erreicht hat, summen die gelbschwarzen Insekten überall herum, wo man sie gerade nicht haben will: auf dem Kuchen, dem Frühstücksteller mit dem Schinken - und im Biergarten plumpst sie zielsicher ins frisch geholte Bier. Natürlich, Wespen können ganz schön aufdringlich sein, vor allem jetzt im Spätsommer und Frühsommer, wenn die Früchte von den Bäumen fallen.

Die Gemeine Wespe (V espula vulgaris) und die Deutsche Wespe ( Vespula germanica) sind diejenigen, die jetzt im Jahr noch aktiv sind und auch auf Nahrungssuche an der Kuchentheke gehen. Die anderen Arten interessieren sich überhaupt nicht für Nahrung, die auch dem Menschen schmecken könnte. Allein in Deutschland gibt es nach Angaben des Naturschutzbunds Hunderte Arten. Elf davon sind sogenannte Echte Wespen, darunter Hornisse, Gemeine und Deutsche Wespe. "Die angeblich lästigen Wespen haben ganz wichtige Funktionen im Ökosystem", sagt Hans Greßirer. "Unsere Parks würden viel ekliger aussehen, wenn es keine Wespen gäbe. Die räumen wirklich auf."

Hans Greßirer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Tieren. Er ist ausgebildeter Wespen- und Hornissenberater und hat derzeit mit seinem Team viel zu tun. Täglich rufen besorgte Münchner an, die ein Wespen- oder Hornissennest bei sich zuhause haben und die Insekten derzeit überall herumschwirren. Dabei gibt es ganz einfache Tricks, um die hungrigen Wespen abzulenken. "Gartenbesitzer können einfach in einer Ecke Fallobst liegen lassen, dann hat der Weps eine Ersatznahrung", sagt Greßirer. Was auch helfen soll, sind aufgeschnittene Zitronenscheiben, die mit Nelken gespickt sind - den Geruch mögen sie offenbar gar nicht.

Die Wespen ernähren sich übrigens ausschließlich von Nektar und Süßigkeiten wie Obst. Wurst und Schinken (oder auch Aas) zerteilen sie lediglich in kleine Vierecke und füttern damit ihre Brut, damit die schnell groß und stark wird. Und ebenso wie Bienen und viele andere Insekten "sind sie hervorragende Bestäuber", sagt der frühere Schulleiter Greßirer. Im Gegensatz zu Honigbienen fliegen Gemeine Wespen und Deutsche Wespen auch bei schlechtem Wetter aus. Denn sie haben keine Vorratshaltung wie die Bienen ihre Honigwaben.

Sollte eine Wespe mal allzu lästig werden, sollte man sie übrigens weder wegwedeln noch sie anpusten. Denn dann halten Wespen den Menschen für einen Dachs, der gerne Wespennester plündert und die Larven frisst. Das ausgeatmete Kohlendioxid eines schnaufenden Dachses "ist für die Wespen ein Hinweis, dass ein Säugetier angreift", sagt Greßirer. Ähnliches gilt übrigens für dunkle Kleidung, sie halten es für das Fell eines Angreifers.

Ansonsten orientieren sich Gemeine wie Deutsche Wespen vor allem am Geruchssinn. Sie werden über den Sommer regelrecht von den Pheromonen ihrer Wespenkönigin geleitet. Jetzt im Frühherbst, wenn alle Wespen ausgeschwärmt sind, wird die Königin schwächer und der Lockstoff lässt nach. "Dann zerfällt der Staat", sagt Hans Greßirer. Keiner hört dann mehr auf die Chefin im Wespenstock. Auch irgendwie gemein.

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SZ vom 09.09.2020
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