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Werksviertel:Ein Riesenrad, das bodenständiger wird

Theoretisch steht das "Umadum", wie das Riesenrad nun heißt, nur noch bis zum kommenden Jahr im Werksviertel. Dann soll es Platz machen für den Konzertsaal-Bau.

(Foto: Catherina Hess)

Das Hi-Sky am Ostbahnhof nennt sich jetzt Umadum. Und auch sonst haben die Betreiber versucht, das Rad neu zu erfinden - etwa bei den Ticketpreisen.

Von Laura Kaufmann

Wie sehen Hygienemaßnahmen für eine Fahrt in beinahe 80 Meter Höhe aus? Wochenlang stand das Riesenrad im Werksviertel nun still, an diesem Freitag nimmt es wieder Fahrt auf. Also noch bevor der Sommer in der Stadt umgesetzt wird und sich auch Riesenräder auf dem Königsplatz und im Olympiapark drehen sollen - drei Riesenräder stehen dann wohl in München.

Das Rad im Werksviertel heißt aber nicht mehr, wie noch vor Corona, Hi-Sky, sondern Umadum, also ganz anders. Bairisch und nett. Das zeigt, wohin der Höhenflug geht. Richtung Boden nämlich. "Wir sind bodenständiger geworden", sagt Christian Braun also, geschäftsführender Direktor bei Maurer SE, der Münchner Stahlbaufirma, die das Riesenrad gebaut hat und nun gemeinsam mit dem Werksviertel Mitte betreibt. Schon einen Monat bevor die Pandemie das Rad in den Stillstand zwang, stieg der dritte Betreiber aus, die in Schemmerhofen ansässige Dünkel-Gruppe. Man hatte wohl verschiedene Visionen für das Rad, zudem war die Winterzeit nicht so gut gelaufen.

Für die Maurer SE und das Werksviertel Mitte war nun der Anlass gekommen, das Rad neu zu erfinden. Näher ran an die Leute damit, Braun stellt sich vor, dass die Münchner zum Beispiel zum Aperitif herkommen und eine Feierabendrunde drehen. Die Fahrt ist jetzt günstiger, mit den Preisen hätten sie sich an Kinokarten orientiert, sagt Braun. Für Lokalkolorit sorgt auch die neue Geschäftsführerin, Anja Bußmann. Als frühere Betreiberin des Bussi-Kiosks am Englischen Garten ist sie ein Schwabinger Original, obwohl sie eigentlich am Stiglmaierplatz wohnt. Eine Münchnerin mit der nötigen Begeisterung: "Wir wollen München eine atemberaubende Attraktion bieten und sie mit dem Riesenrad zu der Weltstadt machen, die sie im Herzen ist!"

Zur Wiedereröffnung ist auch Stadtrat und Musiker Roland Hefter gekommen, der dem Riesenrad einen eigenen Song geschrieben hat ("Mit dem Umadum einmal rum, des tuat so guad"), sogar kirchlichen Segen bekommt das Rad, da ist viel von der Verbindung von Himmel und Erde sowie der Sehnsucht des Menschen nach der Weite da oben die Rede.

Natürlich ist der Betrieb erst einmal noch nicht voll ausgeschöpft möglich. Es gibt keine kulinarischen Angebote, anstellen muss man sich mit Abstand, und gefahren wird mit Maske. Der Aussicht tut das keinen Abbruch. 12 Euro, ermäßigt 10 Euro kostet die Fahrt, für München-Pass-Besitzer, Kinder und Jugendliche auch nur 6 Euro. Geburtstagskinder fahren umsonst.

"1000 Leute am Tag brauchen wir, um das Rad wirtschaftlich zu betreiben", sagt Braun. Nicht so viele, wie es erst einmal klingt. Theoretisch kann das Umadum 1700 Menschen pro Stunde befördern. Nicht zu Corona-Zeiten allerdings, die 1700 stünden dann nämlich ziemlich eng beieinander, und das Riesenrad müsste sich doppelt so schnell drehen wie jetzt, wo es die Umdrehung in einer halben Stunde schafft. Trotzdem, machbar. Lohnen soll sich das schließlich auch mit der Münchner Attraktion, allein der Auf- und Abbau des Umadums kostet etwa zwei Millionen, also so viel wie das Oktoberfest-Riesenrad insgesamt. Die Gesamtkosten des moderneren Werksviertel-Rads liegen da etwa beim Zehnfachen. Und die Stehdauer ist begrenzt. Schließlich soll das mit 78 Metern größte Rad Deutschlands einmal der neuen Konzerthalle weichen, eigentlich schon im kommenden Jahr. "Wir hätten aber nichts dagegen, wenn es immer stehen bleibt", sagt Braun. Frei nach Mark Twain sieht er das, Prognosen seien schwierig, gerade wenn sie die Zukunft beträfen.

Das London Eye war auch nur als vorübergehende Bespaßung zum Millenium gedacht, heute gehört es zu den bekannten Stadtattraktionen. Vor drei Jahren war er mit der Idee, auf der Marienhofbaustelle ein Riesenrad aufzustellen, zum Bürgermeister gegangen, sagt Braun. Heute aber ist er froh ums Werkviertel, das Rad passe viel besser hierher, "und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Gegend ein ziemliches Highlight wird". Überhaupt ist er dankbar, dass er ein mittel-dauerhaftes Riesenrad betreiben darf. "Das ist wirklich keine Selbstverständlichkeit, das zu kriegen." Aber sie seien eben eine Münchner Traditionsfirma, nicht nur Dinge wie Fahrbahnübergänge und Erdbebenvorrichtungen baut die Maurer SE, sondern seit 20 Jahren auch Riesenräder, und seit Mitte der Neunzigerjahre auch Fahrgeschäfte, die Wilde Maus zum Beispiel.

Die Zeichen stehen gut, dass die Stadt den Sommer über ein großer Vergnügungspark wird. Vom Umadum aus würde sich das sicher gut betrachten lassen.

© SZ vom 09.07.2020
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