Werksviertel:Die erste Riesenrad-Oper der Welt

Lesezeit: 3 min

Werksviertel: Isoliert musizieren: Bei der Riesenrad-Oper "Umadum" sitzen 27 Musizierende einzeln in den Gondeln im Werksviertel.

Isoliert musizieren: Bei der Riesenrad-Oper "Umadum" sitzen 27 Musizierende einzeln in den Gondeln im Werksviertel.

(Foto: Stephan Rumpf)

27 Musikerinnen und Musiker fahren in den 27 Gondeln im Werksviertel mit und spielen gemeinsam eine Oper. Ein wahnwitziges Präzisionsunterfangen.

Von Sarah Maderer

Die Zahl der Musizierenden, die von sich behaupten können, ihr Instrument in einer Riesenrad-Gondel achtzig Meter über dem Boden gespielt zu haben, beläuft sich wahrscheinlich auf 27. So viele Gondeln hat das Riesenrad "Umadum" im Münchner Werksviertel, in dem und um das herum an diesem Wochenende die gleichnamige und weltweit erste Riesenradoper uraufgeführt und an zwei Tagen wiederholt wird - sofern es nicht stürmt oder gewittert.

Das Expandieren dieses Projekts in die Riesenräder Wiens, Londons oder Dubais sei aber erwägenswert, sagt "Umadum"-Geschäftsführer Michael Meier bei der Durchlaufprobe am Donnerstag. Er stellt Martina Taubenberger, Initiatorin der Riesenradoper und Leiterin des Festivals "Out Of The Box", seine Sehenswürdigkeit dieses Jahr zur Verfügung.

Seit 2019 erkundet Taubenberger mit dem "Out Of The Box"-Festival die unkonventionellen Schauplätze des sich stetig weiterentwickelnden Werksviertels. In diesem Jahr unterliegen die drei Festival-Eigenproduktionen den Leitthemen Bewegung und Kontakt sowie deren Gegenparts Stillstand und Isolation - keine abstrakten Konzepte für postpandemische Kulturschaffende. Dem Österreicher Christian Muthspiel, den Taubenberger mit der Komposition der Riesenradoper beauftragte, diente gar ein Bild aus dem ersten Lockdown als Inspiration: Die singenden Menschen Italiens, isoliert auf ihren Balkonen und zugleich verbunden in der Musik.

Werksviertel: Die Akustik in den Kabinen ist wie in einem schlechten Studio. Trotzdem muss es funktionieren.

Die Akustik in den Kabinen ist wie in einem schlechten Studio. Trotzdem muss es funktionieren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die jungen Profimusiker des "Orjazztra Vienna" stellen sich Taubenbergers wahnwitziger Idee und lassen sich durch die Isolation in den Gondeln "allen Parametern des Musizierens" entziehen, so Muthspiel. Verteilt auf 27 Gondeln durchlaufen 27 Musizierende drei Riesenrad-Runden für insgesamt 44 Werkminuten, von denen jede präzise auskomponiert und in den Noten vermerkt ist. Statt Takt und Dirigat leiten Sekundenangaben und synchron gestartete Stoppuhren in jeder Kabine. Muthspiel - hier ist der Name Programm - zählt am Mischpult über Funk den Stoppuhr-Start ein.

Das Publikum kann zwischen zwei Rezeptionsformen wählen: Mitfahren bei den Musikern und deren Einzelparts anhören, oder die Konferenz-Schalte über Boxen und Leinwand im Liegestuhl am Fuß des Riesenrads erleben. Selbst der Wechsel zwischen Gondel und Liegestuhl ist während der Aufführung möglich. Bezahlt wird, soviel jeder kann und mag, beim Rausgehen.

Werksviertel: Das Publikum kann in den Kabinen mitfahren. Oder es kann am Boden bleiben und die Konferenz-Schalte verfolgen.

Das Publikum kann in den Kabinen mitfahren. Oder es kann am Boden bleiben und die Konferenz-Schalte verfolgen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Muthspiel vermittelt zwischen Partitur und Mischpult. "Ich habe die Partitur zwar nicht auswendig gelernt, bin aber trotzdem mehr beim Hören als beim Sehen", sagt der Leiter des "Orjazztras". Auch wenn sich Muthspiel bewusst ist, dass er sich mit seiner Produktion gerade auf dem designierten Baugrund des neuen Konzerthauses befindet, habe er die Riesenradoper als isoliertes Werk angelegt: "Mir war es wichtig, ein Werk zu komponieren, das nur an diesem Ort funktioniert und nicht auch auf einer konventionellen Bühne."

Sängerin Lucia Karning hält dieses Vorhaben für gelungen. Erst isoliert in den Gondeln haben sich ihr die Trockenübungen aus dem Proberaum vollends erschlossen. Karning ist eine der drei Sängerinnen, die mit ihren Stimmen als Instrument in den Gondeln mitkreisen und sich an ein Libretto halten, das die Musik- und Literaturwissenschaftlerin Taubenberger aus verschiedenen Texten der englischsprachigen Literatur zusammengestellt hat.

Mit dem ersten Vers aus T.S. Eliots "The Waste Land" eröffnet Lucia aus Gondel Nummer eins textlich die Oper: "April is the cruellest month", singt sie kurz nach Stoppuhr-Start hochkonzentriert ins Mikrofon, vom 360-Grad-Umadum-Blick relativ unbeeindruckt. Ausgestattet mit Kopfhörern, Walkie-Talkie, Stimmgabel und - zur Sicherheit - zwei Stoppuhren bestreitet sie ihren Part, der für sie viel Selbstorganisation und Abwarten bedeutet. Wie Lockdown-Absitzen eben.

Werksviertel: Komponist Christian Muthspiel vermittelt zwischen Partitur und Mischpult.

Komponist Christian Muthspiel vermittelt zwischen Partitur und Mischpult.

(Foto: Stephan Rumpf)

Derart isoliert Konzertenergie in der eigenen Gondel zu erzeugen, ist nicht leicht, Störfaktoren wie technische Probleme oder Mitfahrende lauern überall, dazu kommt eine schlechte Akustik: "Wie in einem Studio, aber in einem schlechten", witzelt Muthspiel. Doch technisch läuft alles glatt, Verzögerungen kommen, wenn überhaupt, nur in der Bildübertragung vor, das "Orjazztra" leistet, musikalisch wie logistisch, Großartiges. Die minutiöse und abwechslungsreiche Komposition treibe an, meint Lucia. Vom zweisprachigen Sprechstimmengewirr über verzerrtes Blechbläser-Getöse bis zum spieluhrigen Kinderlied: "Mir taugt's voll", sagt die Jazz-Sängerin in ursympathischem Wienerisch. Trotzdem hätte sie das Gesamtwerk gerne ein einziges Mal vom Boden aus gehört. Dieses Privileg ist bei diesem Projekt eben dem Publikum vorbehalten.

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