Jugendliche und Handwerk„Hier darf sich jeder ausprobieren, ohne Angst. Keiner muss hier etwas leisten“

Lesezeit: 5 Min.

Roman Röschlein in der Werkstatt.
Roman Röschlein in der Werkstatt.
Stephan Rumpf

Der Sozialpädagoge Roman Röschlein bringt Schülern den Umgang mit Schwingschleifer und Stichsäge bei. Wie ein Kurs in seiner Projektwerkstatt Jugendliche wachsen lässt.

Von Martina Scherf

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Roman Röschlein hebt die Stichsäge hoch, drückt auf den Knopf, drei Augenpaare folgen seinen Bewegungen. „Immer Vollgas“, sagt Röschlein. „Und immer beide Hände oben auf der Maschine. Niemals nach unten greifen, sonst ist ein Finger oder die ganze Hand ab.“ Der Mitarbeiter der Projektwerkstatt macht es nochmal vor: Das Gerät fest und gerade halten und in einem Zug das Sägeblatt entlang des Strichs durch das Brett führen.

„So, wer fängt an?“ fragt er dann und wischt die Späne vom Tisch. Rayan geht um die Arbeitsplatte herum, übernimmt die Maschine, startet sie. Vollgas. Ruhig und konzentriert legt der 14-Jährige die Säge an, beide Hände fest am Griff – und ruck zuck ist das Brett durch.

Dann ist Johnluca dran. Grünes T-Shirt, „Pfundskerl“ steht drauf. Nochmal ruck zuck, nach wenigen Minuten sind alle Bretter auf die richtige Länge gekürzt.

Schön gerade halten - Röschlein mit Johnluca beim Sägen.
Schön gerade halten - Röschlein mit Johnluca beim Sägen.
Stephan Rumpf

Es ist der zweite Tag der Projektwoche für die sieben Schülerinnen und Schüler der Otto-Speck-Schule, einem Förderzentrum in der Münchner Maxvorstadt. An nur vier Vormittagen bauen die Jugendlichen Möbel für die Aula ihrer Schule: zwei Bänke mit Lehnen zum Chillen, einen Tisch und eine Box, die sich die Hausmeisterin gewünscht hat.

Wer zum ersten Mal diese Werkstatt in der Hochstraße in München-Haidhausen betritt, kann kaum glauben, dass in so kurzer Zeit so viel entstehen kann. Denn hier werden nicht nur Möbel gebaut, die am Ende der Woche unter großem Hallo in der Schule aufgestellt werden. Hier machen die Schülerinnen und Schüler auch Erfahrungen fürs Leben. Selbstwirksamkeit ist das Schlüsselwort. „In der Schule gibt es ja wenig Raum dafür“, sagt Röschlein. Zu sehen, was sie mit eigenen Händen schaffen können, selbständig arbeiten, das lasse die Jugendlichen wachsen. Alle sind freiwillig hier. Manche schon zum zweiten Mal.

Klarissa und Arne beim Schleifen.
Klarissa und Arne beim Schleifen.
Stephan Rumpf

So wie Arne und Klarissa, die gerade aus dem Nebenraum mit den großen Hobelmaschinen kommen. Sie legen ihre Ohrschützer ab und verteilen sich auf die Arbeitstische. Jetzt geht es ans Schleifen, Bohren, Kanten-Glätten. Klarissa schnappt sich einen elektrischen Schwingschleifer und führt ihn mit ruhigen Bewegungen über das breite Brett, das einmal die Tischplatte wird. Arne hat ein Eckstück in den Schraubstock geklemmt und nimmt sich die Kanten vor. Sein 13-jähriger Mitschüler, Brille, weißes Fußballtrikot, klein und voller Energie, geht mit ganzem Körpereinsatz so oft mit dem Schleifpapier über die Ecken eines Bretts, bis sie wirklich glatt und geschmeidig sind.

Es riecht nach Holz, Späne rieseln zu Boden, kein Wort fällt, während die Sieben an ihren Werkstücken arbeiten. Zwei Lehrer des Förderzentrums sind mitgekommen, doch sie müssen nirgends eingreifen. „Es ist jedes Mal schön, zu sehen, wie manche der Kids hier in einen Flow geraten“, sagt Lehrer Manuel Biebl. Ihre Schwierigkeiten in der Schule, ihr ADHS oder was sie sonst im Leben an Problemen mit sich herumschleppen, das alles scheint hier keine Rolle zu spielen.

Seit 40 Jahren gibt es die Projektwerkstatt. In jedem Jahr haben etwa 500 Kinder und Jugendliche von Grund-, Mittel- und Förderschulen hier Möbel gebaut, ihre Stärken entdeckt, Teamgeist entwickelt. Schulen können sich für so eine Projektwoche bewerben, es wird dann vorher besprochen, welche Möbel sich die Schülerinnen und Schüler selbst wünschen, für die Aula, den Pausenhof, die Flure. Noch Jahre später sitzen sie darauf und können sagen: Diese Bank haben wir gebaut.

2008 konnte der Verein mit Hilfe der Stadt ein eigenes Gebäude errichten, auf dem Gelände der Grund- und Mittelschule an der Hochstraße. „Viele Schülerinnen und Schüler haben damals selbst mitgebaut“, erzählt Werkstattleiter und Sozialpädagoge Roman Röschlein. „Manche kamen freiwillig nach der Schule, um dabei zu sein und eigene Ideen einzubringen.“

Die Stadt München trägt die Sach- und Personalkosten. Der Verein Schule-Beruf, der von Spenden lebt und auch noch andere Projekte in München unterstützt, übernimmt die Tariferhöhungen – in Zeiten des allgemeinen Spardiktats ein wichtiger Aspekt.  Zum festen Team gehören neben Röschlein auch noch der Erzieher und Erlebnispädagoge Uli Hofstaller, die Lehrerin und Modedesignerin Iris Gil und der Schreinermeister Max von Miller, der heute mit von der Partie ist.

Kurze Erklärung der Bohrmaschine.
Kurze Erklärung der Bohrmaschine.
Stephan Rumpf

Roman Röschlein, groß, schlank, klare Ansage, macht nicht viele Worte. Er erklärt, worauf es ankommt, hat alles im Blick. Doch er lässt die Jugendlichen selbständig arbeiten. „Dieser Vertrauensvorschuss ist mir wichtig“, sagt er. „Hier darf sich jeder ausprobieren, ohne Angst. Keiner muss hier etwas leisten“, sagt Röschlein.

Vielleicht kann sich der 59-Jährige deshalb so gut in die jungen Leute einfühlen, weil sein eigener Weg nicht gerade verlief. „Ich war kein fleißiger Schüler“, erzählt er in der Pause. Nach der Realschule absolvierte er eine Werkzeugmacherlehre. „Jeden Morgen stand ich um sieben an der Werkbank, acht Stunden lang - da wollte ich schon bald unbedingt wieder in die Schule.“ Nach der BOS, der Berufsoberschule, kam der Zivildienst in einem Kindergarten, einer Elterninitiative, in der er viel gestalten konnte. „Das hat mir riesig Spaß gemacht.“ Seinem Vater, einem Ingenieur, zuliebe begann er trotzdem ein Physikstudium, doch das war nichts für ihn. „Als ich hinschmiss, war zuhause Feuer unterm Dach.“

Es folgte eine Ausbildung zum Erzieher, einige Jahre Arbeit im Tagesheim an der Hochstraße, nebenher studierte er Sozialpädagogik. Als der Gründer der Projektwerkstatt dann eine Nachfolge suchte, bewarb er sich. Seither ist diese Werkstatt sein Herzensprojekt.

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Lernen mit Kopf, Herz und Hand, das haben schon unzählige Studien erwiesen, ist effektiver als reine Theorie. Darum geht es hier. Nebenbei wird auch noch bisschen Sachkunde und Mathematik geübt. „Miss mal die Dicke des Bretts“, fordert Max von Miller Arne auf. „2,9 Zentimeter“. „Wieviel Millimeter sind das?“ „29.“ „Genau, dann zieh mal zwei ab und stell die Maschine entsprechend ein.“ Arne dreht das Rad an der Hobelmaschine auf die exakte Zahl.

Die Bretter seien Fichtenholz, erklärt Miller dann noch, „Fichte ist der Baum, der hier in der Gegend am meisten vorkommt. Er wird in Plantagen gepflanzt. Ein nachwachsender Rohstoff, man kann ganze Häuser damit bauen“, sagt der Schreinermeister.

Ein Mädchen, das in der Morgenrunde noch eher null Bock bekundete und auch nicht die Säge nehmen wollte, steht plötzlich ganz allein an der Bohrmaschine und arbeitet konzentriert und effizient ein Brett nach dem anderen ab. „Sie will nur nicht so viel Aufmerksamkeit“, sagt ihr Lehrer.

„Ich mache das jetzt seit 20 Jahren“, sagt Röschlein. „Und es ist immer wieder schön zu sehen, wie die Jugendlichen hier mit jedem Tag ein bisschen größer werden.“ Größer im Selbstvertrauen. Prävention durch solche Projekte, von denen es viel mehr geben müsste, sei allemal billiger als hinterher jene mit Sozialleistungen zu versorgen, die die „Normvoraussetzungen nicht erfüllen“, wie einer der Lehrer sagt. Und deshalb in der Leistungsgesellschaft nicht ankommen.

„Ich wünsche allen, die hier rausgehen, dass sie auch einen Praktikumsplatz finden, bei dem sie ebenso ernst genommen werden“, sagt Röschlein. Er kennt am zweiten Tag alle Sieben mit Namen. In der Morgenrunde, den Pausen und am Ende des Vormittags sprechen sie gemeinsam über die Arbeit und das Team. Zeit, durchzuschnaufen, auch Handys sind in den kurzen Pausen erlaubt. Es gibt klare Regeln, die im Gruppenraum auf bunten Blättern an der Wand stehen: Auf sich selbst und andere achten. Ordnung am Arbeitsplatz. Erst zuhören, dann nachdenken, dann arbeiten, und noch ein paar mehr.

Bevor es dann wieder an die Werkbänke geht, nochmal eine kleine Erinnerung. „500 Schülerinnen und Schüler haben hier in 40 Jahren schon mitgearbeitet“, sagt Röschlein in die Runde. „Wie viele sind das ingesamt?“ „20 000“, antwortet ein Junge im schwarzen T-Shirt. „Genau, fast ein volles Sechzger-Stadion“, sagt Röschlein. „Und ratet mal, wie oft der Rettungswagen kommen musste?“ „Null mal“, vermutet Arne. „Stimmt. Es ist, bis auf ein paar eingezogene Spreißel oder Kratzer, noch nie was passiert. Deshalb Augen und Ohren immer bei der Maschine. Nie ablenken lassen“, sagt Röschlein. Es scheint, als müsste der Boss das gar nicht sagen. Alle sind ganz bei der Sache.

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