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Werk 7:Schon wieder Schluss

Nach "Fack ju Göhte" ist nun auch für das"Amélie"-Musical der letzte Vorhang gefallen.Die Produktionsfirma will nicht aufgeben - aber raus aus dem Werksviertel.

Die Wegweiser im Ostbahnhof sind schon entfernt. Wo vor Kurzem auf den Böden noch große "Amélie"-Aufkleber den Weg Richtung Werk 7 wiesen, ist jetzt Werbung für den Musicaliebling der Deutschen "Der König der Löwen" angebracht. Obwohl der nicht nach München kommt, er ist nach wie vor im prächtigen Theater am Hamburger Elbstrand zu sehen. Mit "Die fabelhafte Welt der Amélie" jedenfalls war am 27. Oktober Schluss. Das Musical wird nicht über die geplante Laufzeit hinaus verlängert. Wieder waren unterm Strich wohl zu wenige Menschen gekommen, die die Geschichte der schüchternen Kellnerin sehen wollten.

"Amélie" lief seit dem 14. Februar 2019 im Münchner Werksviertel, rund 80 000 Besucher kamen in die 274 Vorstellungen. Das sind noch mal deutlich weniger, als die rund 100 000, die 2018 das Musical "Fack ju Göhte" sahen, mit denen die Produktionsfirma Stage Entertainment damals das Werk 7 überhaupt in Betrieb nahm. Ein Ort für Experimente sollte das vom Kartoffelspeicher in ein Theater umgebaute Haus sein, für neue Kompositionen und originelle Inszenierungen jenseits des Musical-Glamours, wie ihn die Firma bei Produktionen wie "Mamma Mia" oder seit Neustem bei "Paramour" in Hamburg pflegt.

Das Musical "Die fabelhafte Welt der Amélie" sahen rund 80.000 Besucher.

(Foto: Franziska Hain)

Für Stage Entertainment ist das Ende von Amélie auch das Ende des Projekts Werk 7. Der zweijährige Mietvertrag läuft Ende November aus. Dass die Produktionsfirma den Vertrag nicht verlängern will, liegt laut Pressesprecher Stephan Jaekel an zweierlei Hürden: Zum einen brauche das eigenwillige Werk 7 einen Stoff, der zu ihm passe. Der Theaterraum ist eher klein und wirkt improvisiert, die Nähe zum Publikum ist groß, der Stoff hingegen darf es nicht sein. Für große Orchester und Musical-Bombast ist kein Platz, das macht natürlich auch den Charme des Hauses aus. Geeignete Musicals zu finden sei schwierig. Zum anderen brauche ein solch kleiner Standort aber Namen, die Zuschauer anlocken. Kleiner Ort und kein Name, das geht nicht. Mit "Fack ju Göhte" und eben bei "Amélie" hat man es mit der Bühnenadaption von Kinohits versucht - mit mäßigem Erfolg. Stage Entertainment habe nun, sagt Jaekel, kein Musical gefunden, das dem Werksviertel-Zuschnitt entspricht, daher gibt die Firma den Standort auf. Sollte sich in der Zukunft etwas ergeben, "dann möchten wir uns gern noch mal ausprobieren".

"Die fabelhafte Welt der Amélie" war die teilweise Übernahme des gleichnamigen Broadwaymusicals, angereichert mit Themen aus dem Originalsoundtrack und neu arrangiert von Ratan Jhaveri. "Fack ju Göhte" war eine komplette Neukomposition, beide Stücke inszenierte Christoph Drewitz. Vor allem mit "Fack ju Göhte" traute sich Stage Entertainment etwas.

Den Grund, warum 2018 nicht genug Zuschauer kamen, suchte man damals in der relativen Unbekanntheit des eben erst entstehenden Werksviertels. Zudem konnte Stage Entertainment zunächst keine Karten über Münchenticket verkaufen, was auch nicht gerade zur Bekanntheit des Musicals beitrug. Auch war kaum Werbung für die Produktion in der Stadt zu sehen, vielleicht ein Marketing-Versäumnis.

Präsentation des Casts für das Musical "Fack ju Göhte" in München, 2017

Für "Fack ju Göhte" kauften sich 100.000 Menschen eine Karte.

(Foto: Catherina Hess)

Für "Amélie" dann lernte die Produktionsfirma aus einigen Fehlern und profitierte von der natürlichen Weiterentwicklung des Werksviertels, offenbar aber hat auch das nicht gereicht. Zu "Amélie" kamen trotz mehr Vorstellungen weniger Zuschauer. Man sei mit den Zahlen "zufrieden, aber nicht jubelnd", sagt Jaekel.

Was aus dem Werk 7 in Zukunft wird, dazu hat die jetzt wieder zuständige Unternehmensgruppe Werksviertel Mitte noch keine Pläne. Es bleibe aber als Veranstaltungsort erhalten.

Für Stage Entertainment war der Versuch, sich im Werksviertel mit Musicals zu etablieren, auch der Versuch, die Stadt für sich zu erobern. Zwar werden traditionell Tourneeproduktionen am Deutschen Theater gezeigt, ein eigenes Haus aber bespielt die Produktionsfirma in München nicht. Wo manche Städte in den späten Achtzigerjahren Musicalpaläste errichteten, pflegte man in München lieber die sogenannten Hochkultur, es kam nie zum Bau eines großen Musicaltheaters.

Werksviertel am Münchner Ostbahnhof, 2019

Nun wird es vorerst keine Musicals mehr im Werk 7 geben.

(Foto: Florian Peljak)

Seit vielen Jahren schon versucht Stage Entertainment, das zu ändern. Und wie es scheint, rückt nach dem Werk-7-Experiment das langfristige Projekt Musicalhaus wieder ins Zentrum des Interesses. "Wir sind in München auf der Suche nach einem Standort für ein Theater für 1500 bis 1800 Zuschauer", sagt Jaekel und spricht sogar von einem "recht vielversprechenden Standort", den man derzeit im Blick habe. Wo der sein soll, verrät er nicht. Nur so viel sagt der Sprecher: Man wünsche sich einen Platz innerhalb des Mittleren Rings. Somit kommt eine Übernahme des womöglich bald leer stehenden Equila-Showpalast in Fröttmaning schon mal nicht infrage. Jaekel sagt: "Wir sind nicht unter Zeitdruck. Ein schlüssiges Konzept vorausgesetzt, freuen wir uns aber natürlich, wenn sich die entsprechenden Pläne in absehbarem Zeitrahmen realisieren ließen. Kann aber auch sein, dass bis dahin noch viel Wasser die Isar runter muss."