MobilitätWie ein Münchner Start-up das Parken revolutioniert

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Viele Supermarkt-Parkplätze stehen nur für Kunden während der Geschäftszeiten offen, so auch bei Lidl im Dreimühlenviertel. Warum werden sie abends nicht für Anwohner freigegegen?
Viele Supermarkt-Parkplätze stehen nur für Kunden während der Geschäftszeiten offen, so auch bei Lidl im Dreimühlenviertel. Warum werden sie abends nicht für Anwohner freigegegen? (Foto: Stephan Rumpf)

Das Unternehmen Wemolo macht mit digitaler Technik ungenutzte Stellflächen zugänglich – und könnte damit gleich drei Probleme lösen: fehlenden Parkraum, unnötigen Suchverkehr und überflüssige CO₂-Emissionen.

Von Catherine Hoffmann

Wer abends im Auto durch die Schwanthalerhöhe fährt, kennt das Problem: Minutenlang kreist man um die Häuserblocks, immer in der Hoffnung, doch noch einen Parkplatz zu finden. Währenddessen stehen nur ein paar Straßen weiter die Stellplätze eines Supermarkts leer. Der Markt hat geschlossen – sein Parkplatz aber ist durch Schranken abgesperrt. Genau hier setzt das Münchner Start-up Wemolo an.

Die drei Gründer von Wemolo (von links): Yukio Iwamoto, Jakob Bodenmüller und Bastian Pieper. Das Münchner Tech-Unternehmen hat sich auf KI-basiertes Parkraummanagement spezialisiert.
Die drei Gründer von Wemolo (von links): Yukio Iwamoto, Jakob Bodenmüller und Bastian Pieper. Das Münchner Tech-Unternehmen hat sich auf KI-basiertes Parkraummanagement spezialisiert. (Foto: Wemolo)

Gegründet von Jakob Bodenmüller, Yukio Iwamoto und Bastian Pieper, hat sich das Unternehmen in nur sechs Jahren vom WG-Projekt zum europäischen Marktführer für digitale, schrankenfreie Parksysteme entwickelt. Heute beschäftigt Wemolo rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mehr als 3200 Parkflächen in fünf Ländern laufen bereits über das System – täglich werden dort zweieinhalb Millionen Parkvorgänge registriert. „Das ist fast ganz Deutschland, das einmal im Monat über unsere Parkflächen fährt“, sagt Mitgründer Yukio Iwamoto.

Die Anfänge waren allerdings wenig glamourös: „Wir sind in München von Parkplatz zu Parkplatz gelaufen und haben uns gefragt, ob dort überhaupt Interesse an einem digitalen Parksystem besteht“, erinnert sich Jakob Bodenmüller. Erste Eigentümer zeigten sich interessiert, und das Team bastelte Prototypen – improvisiert mit GoPro-Kameras, wie man sie sonst vom Surfen oder Skifahren kennt. Aus diesen Versuchen entwickelte sich Schritt für Schritt ein Unternehmen, das inzwischen profitabel arbeitet und im vergangenen Jahr 40 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete.

Das Prinzip ist simpel: Statt aufwendiger Schrankenanlagen setzt Wemolo auf KI-basierte Kameratechnik. Beim Ein- und Ausfahren erfasst ein Scanner automatisch das Kennzeichen. Autofahrer benötigen weder Ticket noch Parkscheibe. Bezahlt wird am Automaten – dafür tippt man das Kennzeichen ein – oder bequem per App bis zu 24 Stunden später. Beim Verlassen prüft das digitale System, ob die Parkkosten beglichen wurden. Für Immobilienbesitzer bedeutet die Technik: Ihre Flächen lassen sich flexibel nutzen und deutlich besser auslasten.

Über die Plattform können Stellplätze zudem verschiedenen Nutzergruppen zugewiesen werden – jeweils mit individuellen Berechtigungen. Friseurkundschaft darf dann anderthalb Stunden bleiben, Edeka-Kunden eine Stunde, Besucher des Fitnessstudios zwei. Nachts stehen dieselben Flächen Anwohnern zur Verfügung, am Sonntag vielleicht Eventgästen. Die Auslastung einer Parkfläche lässt sich so über den gesamten Tag hinweg optimieren.

Mustergültig steht dafür ein zwölfstöckiges Parkhaus an der St.-Martin-Straße in Ramersdorf-Perlach. Acht Etagen standen jahrelang leer, obwohl in der Umgebung Parkplätze knapp sind. Seit Wemolo die Flächen digitalisiert hat, können dort Anwohner über Nacht Stellplätze buchen, Büroangestellte flexible Kontingente nutzen und Kurzzeitparker stundenweise zahlen – alles ohne Personal vor Ort.

Glücklich, wer hier einen Parkplatz ergattert hat: Erleuchtetes Parkhaus und Lichtschein vorbeiziehender Autos bei der Allianz Arena.
Glücklich, wer hier einen Parkplatz ergattert hat: Erleuchtetes Parkhaus und Lichtschein vorbeiziehender Autos bei der Allianz Arena. (Foto: Johannes Simon)

Ein besonders anschauliches Beispiel für den Nutzen von Parkraum-Management liefert der Business Campus in Garching. Dort sind die Parkhäuser tagsüber voll ausgelastet, abends und am Wochenende jedoch nahezu leer. Nur zehn Kilometer entfernt liegt die Allianz Arena, per U-Bahn bestens angebunden, an Spieltagen aber regelmäßig vom Verkehr überrollt. „Also haben wir drei große Garchinger Parkhäuser gezielt für Fußballfans und Konzertbesucher mit unserer Technik ausgestattet und geöffnet“, sagt Iwamoto. „So stehen tausende zusätzliche Stellplätze zur Verfügung – ohne dass ein neues Parkhaus gebaut werden musste.“ Entscheidend sei allerdings, dass Eigentümer offen für diese Art der Nutzung seien.

Parkplatznot trifft Leerstand

Für die Gründer ist Parkraumbewirtschaftung mehr als nur ein Geschäftsfeld. „Im Schnitt wird ein privater Stellplatz nur sechs Stunden am Tag genutzt“, sagt Bodenmüller. „Die restliche Zeit steht er leer. Gleichzeitig herrscht im öffentlichen Raum extremer Parkdruck.“ Die Folge: Menschen kurven minutenlang durch die Straßen auf der Suche nach einer Lücke – und erzeugen damit unnötigen Verkehr. „Bis zu 30 Prozent der innerstädtischen CO₂-Emissionen entstehen durch Parkplatz-Suchverkehr. Das ist völlig unsinnig“, so Bodenmüller.

Auch die Stadt München ist inzwischen interessiert. Gemeinsam mit dem Mobilitätsreferat prüft Wemolo, wie sich städtische Flächen oder kommunale Tiefgaragen besser nutzen lassen. Ein Blick nach Hamburg zeigt, wie weit die Kooperation gehen könnte: Dort bezuschusst die Stadt Supermärkte, wenn diese ihre Parkplätze nachts für Anwohner öffnen. Neben Supermärkten verfügen auch Möbel-, Elektro- oder Gartenmärkte, Krankenhäuser, Büroimmobilien und Verwaltungsgebäude über Flächen, die nur zu bestimmten Zeiten genutzt werden – und die sich mit digitaler Technik besser auslasten ließen.

Ein Blick nach Österreich zeigt, welches Potenzial darin steckt: In Innsbruck kooperiert Wemolo mit einem großen Handelsunternehmen, dessen Filialen über die ganze Stadt verteilt sind. Tagsüber wurden die Parkplätze von Kunden genutzt, nachts blieben sie leer. Heute können Anwohner die Flächen flexibel buchen oder im Abo mieten. Plötzlich standen in fast jedem Stadtviertel zusätzliche Stellplätze zur Verfügung – eine spürbare Entlastung für die Stadt, ohne dass ein einziger neuer Parkplatz gebaut werden musste.

Vor vier Jahren begann Wemolo, ins Ausland zu expandieren: erst nach Österreich, dann in die Schweiz, schließlich nach Polen und Italien. Das Netz soll in den kommenden Jahren größer werden. Parallel entwickeln die Gründer ihre Technik weiter. Künftig sollen die Kameras nicht nur Kennzeichen lesen, sondern auch Schäden oder Verschmutzungen in Parkhäusern und -garagen melden.

Was vor sechs Jahren in einer Studentenwohnung begann, könnte so helfen, eines der drängendsten Probleme urbaner Mobilität zu lösen. „Am Ende geht es um eine Win-Win-Win-Situation“, sagt Bodenmüller. „Eigentümer verdienen an Flächen, die sonst leer stünden, Anwohner finden schneller einen Parkplatz – und die Stadt wird vom überflüssigen Suchverkehr entlastet.“

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