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SZ-Serie: Das Weltkriegsende:Die Stadt funktioniert

Zerstörtes München, 1945

An regulären Trambahn-Verkehr war in München 1945 nicht zu denken. Dennoch diskutierte die Münchner Stadtverwaltung noch in den letzten Kriegswochen über ein neues Fahrkartensystem. Das Foto ist undatiert und wurde in der Augustenstraße aufgenommen.

(Foto: SZ Photo)

München liegt in Trümmern, doch die Verwaltung kümmert sich bis zuletzt um Gas, Wasser, Strom und sogar um den Zutritt ins Hallenbad. Den Beamten geht es um Normalität - und um die Kriegsindustrie.

Die Dokumente belegen Verwaltungsalltag: Die Münchner Stadtwerke überweisen einen Gewinnanteil von gut 1,2 Millionen Reichsmark an die Stadtkämmerei. Im öffentlichen Nahverkehr wird eine neue Wochennetzkarte eingeführt - mit Aufschlag auch nutzbar auf den Außenstrecken, für Ausflüge. Und der Oberbürgermeister trifft sich mit dem zuständigen Dezernenten sowie der Bäderdirektion und berät, ob Ausländer weiterhin Hallenbäder besuchen dürfen. Es ist jener Rathaus-Chef Karl Fiehler, Nazi der ersten Stunde, der nur noch wenige Tage seinen Posten behalten wird. Danach übernehmen die Amerikaner die Regierungsgewalt in München.

Diese Schilderungen aus dem Verwaltungsalltag stammen aus den letzten Kriegswochen 1945. Sie finden sich in der Dissertation "Die Versorgung der 'Hauptstadt der Bewegung'" von Mathias Irlinger, und sie belegen, wie lange die Stadtverwaltung und -regierung Münchens versuchten, einen letzten Rest von Normalität aufrechtzuerhalten.

Dazu passt, dass es noch im Februar 1945 möglich war, im Nordbad ein paar Runden zu schwimmen. Es gibt Berichte vom 29. April über Trambahnverkehr in München, während die Sirenen vor Angriffen warnen. Die US-Truppen stehen zu diesem Zeitpunkt schon vor Schleißheim. Bis 18 Uhr rollen die Straßenbahnzüge noch. Am nächsten Tag marschieren die Amerikaner auf der Verdistraße nach München ein und übernehmen das Neue Rathaus am Marienplatz.

"Es wirkt absurd", resümiert der Historiker Jan Neubauer. Im Herbst erscheint sein Buch "Arbeiten für den Nationalsozialismus. Die Stadt München und ihr Personal im 'Dritten Reich'". Denn den Münchnern sei längst bewusst gewesen, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die US-Armee einrückt. Was ja mit einer gehörigen Portion Unsicherheit verbunden war: Wer weiß schon, was die Besatzer vorhaben. Wird es noch heftige Kämpfe geben? Und was erzähle ich den neuen Herren über meine eigene Biografie in der Nazizeit?

Normalität oder zumindest der Versuch in deren Richtung bestimmten den Alltag der Münchner Verwaltungsmitarbeiter. Kurz vor Kriegsende wurde noch über Atteste und die zunehmende Zahl an Krankmeldungen diskutiert, was ja auch bedeutet, dass es weiterhin völlig normal war, in die Arbeit zu gehen und Fehltage beim Arbeitgeber begründen zu müssen. Währenddessen fiel die Stadt ringsum in Schutt und Asche. Es gab Eifersüchteleien zwischen den städtischen Verkehrsbetrieben und dem Betreiber der von der Gauleitung initiierten Bockerlbahn, einem provisorischen, auch für den Abtransport von Trümmern genutzten Angebot, bei dem alte Dampfloks offene Wagen unter anderem durch die Ludwigstraße zogen und die Fahrgäste Rücken an Rücken saßen. Die Fahrscheine von Tram- und Bockerlbahn wurden gegenseitig anerkannt, und erst Anfang April 1945 rang man sich zu einer Einigung durch, nach welchem Schlüssel die Fahrgeldeinnahmen an die Unternehmen zu verteilen seien. Als ob die Stadt keine anderen Probleme gehabt hätte. Die Tram fuhr nur noch auf einem Notnetz, das immer wieder spontan an die Zerstörungen der Gleise angepasst wurde. Die Kinos hatten jedoch bis zum Schluss geöffnet.

Unterschätzen kann man die Arbeit einer Stadtverwaltung in solchen Zeiten eigentlich nicht. Zu diesem Schluss kommen Irlinger und Neubauer, die beide an dem langjährigen, von der Stadt München finanzierten Forschungsprojekt über die Verwaltung in der Nazi-Zeit mitgearbeitet haben, das unter anderem am Lehrstuhl für Zeitgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität angesiedelt ist. Eine handlungsfähige, wenn auch personell ausgedünnte Verwaltung bedeutete, dass defekte Wasser-, Abwasser- und Gasleitungen zumindest notdürftig repariert wurden, dass es partiell noch Strom gab, Lebensmittelmarken und eben Trambahnverkehr. Für das Regime war das wichtig, um die Bevölkerung ruhig zu halten. Indem sie den Münchnern Normalität vorgaukelte, einen letzten Rest Alltag.

Dabei waren Neubauer zufolge mehrere Dinge ausschlaggebend: einmal die Alltagsroutine in den Büros. "Bürokratie ist etwas sehr Langlebiges, sie ist schwer zu stoppen", sagt der Wissenschaftler. Die Mitarbeiter machten weiter wie gewohnt. Wozu sie allerdings auch verpflichtet waren; es galt, Sanktionen für Fehlverhalten zu vermeiden. Neubauer betont, dass die Mitarbeiter der Verwaltung zwar letztlich dazu beitrugen, die Naziherrschaft stabil zu halten, dass es sich aber natürlich keineswegs um lauter Nazis gehandelt habe. Vermutlich sei ein Sozialdemokrat oder Kommunist, der den Beruf des Trambahnfahrers ergriffen habe, einfach weiter Straßenbahn gefahren. Im Interesse der Fahrgäste, und weil er so sein Geld verdiente.

Den Verantwortlichen und allen voran dem Oberbürgermeister Fiehler war aber auch daran gelegen, die Rüstungsindustrie in Betrieb zu halben. Und diese benötigte das Gas und den Strom, die die Münchner Stadtwerke lieferten. Die Wasserversorgung war nicht nur für die privaten Haushalte existenziell, sondern auch für die Löscharbeiten, die nach Luftangriffen anlaufen mussten. Laut Neubauer funktionierte die Versorgung der Bevölkerung in München bis zum Schluss besser als in den meisten anderen deutschen Großstädten. Was auch mit der Tatsache zu tun hatte, dass München zwar stark zerstört, keineswegs aber wie Teile des Ruhrgebiets zu einer entvölkerten Ruinenzone mutiert war. Noch immer lebten gut 450 000 Menschen in der Stadt, mehr als die Hälfte der Vorkriegsbevölkerung.

Der Versuch der "Ruhigstellung" dieser Menschen, die sich idealerweise wie in Vorkriegszeiten fühlen sollten, hatte seit Beginn des Krieges zu den wichtigsten Vorhaben der Nazi-Stadtspitze gehört. Das Rathaus versuchte, sich selbst als tatkräftige Einheit zu präsentieren. Und die Münchner nutzten die Chance zur Ablenkung. In den Kriegsjahren hatte es Rekordbesucherzahlen in den städtischen Badeanstalten gegeben, und als im Frühjahr 1944 im Rathaus debattiert wurde, ob im Sommer die Freibäder öffnen sollten, entschied man sich für diesen Schritt. Einfach war das alles nicht immer. Denn eigentlich war die vor allem in den Zwanzigerjahren erheblich ausgebaute Münchner Infrastruktur schon 1939 an ihre Grenzen gestoßen, weil vor lauter Sehnsucht nach spektakulären Großprojekten die Investitionen in bodenständige Erfordernisse wie etwa Wasserleitungen viel zu gering waren. Nach Irlingers Recherchen rühmte sich die Administration ausgiebig selbst für den schon in der Weimarer Zeit projektierten (und bis heute existierenden) Hochzonenbehälter Kreuzpullach, der unter NS-Regie fertig gebaut wurde. Weitere wichtige Verbesserungen unterblieben aber.

Eine verwaltungstechnische Sonderrolle hatte München inne als Sitz der NSDAP-Zentrale, als sogenannte "Hauptstadt der Bewegung" und als private Adresse Adolf Hitlers. Bei Bedarf mischten sich Parteiobere selbst in Details ein, die in die Kompetenz von Rathaus und Stadtverwaltung fielen. Hitler habe sich, so Irlinger, gar persönlich mit der Farbe der Münchner Busse beschäftigt. Sein Adjutant und seine Haushälterin achteten darauf, dass rund um Hitlers gediegene Privatwohnung am Prinzregentenplatz alles in ihrem Sinne verlief.

Damit die Münchner Infrastruktur auch in den letzten Wochen des Krieges funktionierte, setzte die Stadt massiv auf Zwangsarbeiter. Neubauer schätzt ihre Zahl münchenweit im oberen fünfstelligen Bereich, die Industrie inklusive. Sogenannte "Halbjüdinnen" mussten das Rathaus putzen, es gab französische Trambahnfahrer (und aus dem Ausland geraubte Waggons) sowie unfreiwillige Helfer bei anstrengenden und oft gefährlichen Räumarbeiten nach Luftangriffen. Auch Gleise der Trambahn wurden von Zwangsarbeitern repariert. Vor allem in den letzten Kriegstagen gab es im Rathaus die Sorge vor einem Aufstand dieser Massen. Man beschloss, notfalls mit brachialer Gewalt vorzugehen.

Die Verwaltung war, anders als die Rathaus-Oberen, auch nach dem Krieg für die Amerikaner im Einsatz, denn diese waren bei der Versorgung Münchens auf deren Erfahrung und die eingespielten Strukturen angewiesen. Die erste Amtshandlung, die der schon zu Nazi-Zeiten tätige Stadtkämmerer nach Kriegsende vornahm, war gleich eine hochoffiziell bürokratische: Er reichte sein Pensionsgesuch ein.

© SZ vom 27.04.2020/vewo
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