Der Zufall schreibt Geschichte an diesem 23. Juli 1942 am Münchner Ostbahnhof. Denn eigentlich hätte der Zug der Sanitätskompanie an die Ostfront des Zweiten Weltkriegs bereits morgens um sieben Uhr abfahren sollen. Doch weil der Aufbruch verschoben wurde, stehen nun Grüppchen von jungen Menschen an der Orleansstraße beisammen – vor einer kniehohen Mauer, darauf ein Metallzaun, der in dieser Geschichte die Hauptrolle spielen wird. Zum Zeitvertreib holt einer der Wartenden, der Medizinstudent Jürgen Wittenstein, eine Kamera heraus und macht damit Aufnahmen seiner Kommilitonen. Was damals keiner ahnt: Diese Fotos werden dereinst Geschichte schreiben und um die Welt gehen – so wie es jetzt auch der Metallzaun tun soll.
„Das sind ikonografische Bilder“, sagt Hildegard Kronawitter, die Vorsitzende der Weiße-Rose-Stiftung. Schließlich zählen Wittensteins Aufnahmen zu den wenigen Fotos, die Mitglieder der studentischen Widerstandsgruppe Weiße Rose gemeinsam zeigen. Auf den Bildern sind nicht nur Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf und Hubert Furtwängler zu sehen, die an diesem Tag zu einem dreimonatigen Sanitätsdienst an die Ostfront aufbrechen. Sondern auch Sophie Scholl, die zur Verabschiedung ihres Bruders zum Ostbahnhof gekommen ist. Eines der Fotos – das wohl bekannteste im Zusammenhang mit der Weißen Rose – zeigt die damals 21-Jährige hinter ihren Freunden auf der Mauer stehend, die Arme ausgestreckt, im Gesicht ein breites Lachen. Und: an jenen Zaun gelehnt, den die historischen Aufnahmen zum „gegenständlichen Zeitzeugen“ gemacht haben.
Diese Umschreibung wählt Thomas Schmid, Geschäftsführer der Münchner Immobilienfirma GVG, die derzeit an der Orleansstraße mehrere Gebäudekomplexe mit Wohnungen, Läden und Büros errichtet, die sogenannten Orleanshöfe. Für das Bauprojekt muss laut den Vorgaben der Stadt auch der angrenzende Fuß- und Radweg verbreitert werden – just dort, wo früher der Weiße-Rose-Zaun stand. Er wurde daher im Herbst 2024 abgebaut, aber anschließend nicht etwa entsorgt, sondern eingelagert. Denn von Beginn an sei es das Ziel gewesen, die Zaunelemente zu erhalten, sagt Schmid. „Sie sollen verteilt werden, sodass damit Erinnerungsorte entstehen können.“
Kaum dass die Pläne vor einigen Jahren publik wurden, erreichten GVG, Weiße-Rose-Stiftung und den Bezirksausschuss Au-Haidhausen, die diesbezüglich eng zusammenarbeiten, zahllose Anfragen. Allen voran von Schulen, die ein Weiße-Rose-Mitglied im Namen führen, aber auch von anderen Institutionen wie Jugendeinrichtungen oder dem Bayerischen Landtag. Mehr als 100 Anfragen seien eingegangen, darunter auch welche aus Österreich und Mexiko, sagt Anke Figgen, die das Projekt bei der GVG koordiniert.
Ihr zufolge schreibt die Firma aktuell alle Interessenten an, um sich rückzuversichern, dass der Wunsch nach einem Zaunteil als Dauerleihgabe weiterhin besteht. Schließlich sollen die Elemente schon in wenigen Wochen abgeholt werden können, sagt Figgen. Jedoch seien bis Mitte April auch noch Anfragen möglich – per Mail an wr-zaun@gvgnet.de.
„Die Zaunstücke sind ein bleibendes Monument und können zusammen mit den Fotos gerade junge Menschen zurück in die Zeit versetzen“, sagt Hildegard Kronawitter von der Weiße-Rose-Stiftung. Wichtig sei dabei, betont sie, dass die Elemente in einen historischen Kontext gesetzt werden. Daher müssen die Institutionen ihren Anfragen ein Konzept für den Erinnerungsort beifügen. „Damit wir ein Gefühl dafür bekommen, was damit geplant ist“, sagt Anke Figgen.
Viele Schulen wollen ihr zufolge die circa 60 Zentimeter langen Zaunteile im Schulgarten aufstellen oder in bestehende Erinnerungsorte für die Weiße Rose integrieren. Dadurch würden „viele Anstöße gegeben, um an den Widerstand der Weißen Rose zu erinnern“, hofft Kronawitter. „Und auch an die Werte, die damit einhergehen: Mut haben, Courage zeigen und sich selbst ein Urteil bilden.“
Ein oder mehrere Zaunelemente werden künftig auch dort zu sehen sein, wo damals die historischen Fotos der Gruppe entstanden. So soll in den Orleanshöfen ein Denkmal für die Weiße Rose entstehen – laut Thomas Schmid in einer öffentlich zugänglichen Quartiersnische zwischen dem Gewerbebau, für den derzeit die Baugrube ausgehoben wird, und dem anschließenden Wohngebäude. Wie dieser Erinnerungsort aussehen wird, sei noch offen, sagt der GVG-Chef, der mit einer Fertigstellung im Jahr 2030 rechnet. Bis dahin wird den verliehenen Zaunelementen die Aufgabe zukommen, die Erinnerung an den Widerstand der Weißen Rose hochzuhalten – und an jene Fotos ihrer Mitglieder, die der Zufall im Juli 1942 entstehen ließ.


