SZ-Serie: Wie das Wasser die Stadt prägt:Die Wassertürme sind nur noch stille Riesen

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SZ-Serie: Wie das Wasser die Stadt prägt: Das Müller'sche Volksbad war einst das größte und teuerste Schwimmbad der Welt - inklusive Wasserturm.

Das Müller'sche Volksbad war einst das größte und teuerste Schwimmbad der Welt - inklusive Wasserturm.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Einst stellten sie die Versorgung der Münchner Haushalte sicher, doch längst haben sie ausgedient. Nur wenige Wahrzeichen der Industriekultur sind erhalten - das Innere darf aber nicht mehr betreten werden.

Von Ekaterina Kel

Schwindelfrei muss man sein. Der Weg hinauf in den Turm des Müller'schen Volksbads führt über eine schmale, eiserne Wendeltreppe, die zur einen Seite hin offen ist. Aber dieser Weg lohnt sich. Oben, auf einer Art Terrasse direkt unter dem Dach, legt sich einem München quasi zu Füßen. Da rauscht die Isar, hier hämmern die Bauarbeiter an der Ludwigsbrücke, drüben steht der Gasteig - und überall, wo das Auge hinfällt: Türme. Kirchtürme, Aussichtstürme, Heizwerktürme, Hochtürme. Nur ganz wenige davon sind, genauso wie der Turm des Müller'schen Volksbads, Wassertürme.

Im Grunde ist das Schicksal der Wassertürme in München tragisch. Man braucht sie nicht mehr. Sie stehen in der Gegend herum, erinnern an alte Zeiten und alte Technologien, im schlimmsten Fall verfallen sie langsam vor sich hin, während der Denkmalschutz sie unantastbar macht. Große Aufmerksamkeit gibt es für die stillen Riesen nicht. Aber man kann auch anders auf die Bauten blicken. Mit Bewunderung etwa, für die ausgeklügelten Wasserspeichersysteme, die sich die Münchner schon vom 16. Jahrhundert an ausgedacht haben. Oder mit Lokalstolz, für das Wahrzeichen, das sie in dem jeweiligen Viertel geworden sind.

Oder mit Neugier: Den Blick hinein ins Innere des 59 Meter hohen Wasserturms des Müller'schen Volksbads gewährt der Betriebsorganisationsleiter Christian Knott von den Stadtwerken nur ausnahmsweise. Normalerweise ist das Innere wegen der mangelnden Sicherheit nicht zugänglich. Zunächst folgt man knarzigen Treppenstufen aus dunklem Holz hoch in einen ersten Raum des Turms. Ein Riesenbehälter, knallblau angestrichen, Rohre und Ventile. Alles schläft, Staub und Kälte zeugen davon, dass dieser Wassertank schon länger nicht mehr in Betrieb ist, als das Müller'sche Volksbad selbst, das seit dem Lockdown im vergangenen November noch nicht wieder aufgemacht hat.

Wann die Technik hier im Turm stillgelegt wurde, sei nicht bekannt, sagt Knott. Den Tank hat zur Unterbringung von Wasserreservebecken gedient, als das Wasser fürs Bad noch aus der Hofbrunnenleitung kam. So konnte in den zwei Becken des Bads ein ständig gleicher Wasserdruck gewährleistet werden. Heute ist das nicht mehr nötig, die Technik hat sich längst weiterentwickelt. Aber das Becken steht noch, und der Turm auch. Viele Touristen würden denken, das sei ein weiterer Kirchturm in der Stadt, sagt Knott. Angesichts der Jugendstil-Opulenz, und mit den Uhren zu allen vier Seiten, kann man es niemandem verübeln. Schließlich schwebte dem Architekten Carl Hocheder ein stolzes Bauwerk fürs einfache Volk vor - eine Kathedrale des Wassers.

Die ersten Wassertürme sind in München am Anfang des 16. Jahrhunderts entstanden, sagt die Münchner Historikerin Christine Rädlinger, die ein Buch über die Geschichte der Stadtbäche geschrieben hat. Früher wurden an den Stadtbächen Brunnhäuser mit Wassertürmen gebaut, um das Wasser zum Spülen, Waschen, Kochen, und ja, auch Trinken, zu speichern. Es wurde mit Wasserrädern, die Pumpen betrieben haben, in einen Speicher hinaufbefördert und von dort an die Haushalte verteilt, die da dran angeschlossen waren. Die Anleitung für die Technik hat man sich in Augsburg besorgt.

Im 19. Jahrhundert hat die industrielle Entwicklung neue, imposantere Wassertürme entstehen lassen. Die alten Brunnhäuser sind aus dem Stadtbild verschwunden. Der bayerische Denkmalatlas führt noch einen: den Löwenturm aus Backstein, am Rindermarkt, der an den Stadtgründer Heinrich den Löwen erinnern soll. Angeblich könnte der Turm auch mal als Wasserturm genutzt worden sein. Allerdings sei das sehr umstritten, sagt die Historikerin Rädlinger. Für einen richtigen Wasserturm sei er eigentlich zu früh erbaut worden. Wohl eher sei es einfach ein Wohnturm gewesen, sagt sie. Es existiert auch noch eine andere Version: Der Löwenturm war möglicherweise einfach ein Klohäuschen, schließlich stand er direkt an einem Stadtbach.

Raus aus der Altstadt: Ein relativ junges Exemplar lässt sich in Aubing bestaunen. Mitten in einer ruhigen Wohngegend, umgeben von Einfamilienhäuschen und einem großen Spielplatz, steht der Aubinger Wasserturm an einer Straße, die nach ihm benannt ist. Er wurde 1910 errichtet, als die Gemeinde schnell wuchs und einfaches Brunnenwasser nicht mehr ausreichte. 1954 wurde der Wasserturm schon wieder stillgelegt, weil Aubing ans zentrale Versorgungssystem angeschlossen wurde. "Wasserwerk Aubing" ist in den hellen Stein gemeißelt, eine kleine Tafel informiert, dass der Turm 37 Meter hoch und in Privatbesitz ist. Ansonsten ist es hier unangenehm still: Die Tür ist zu, ein Zaun versperrt den Gang drumherum, Autos parken das Häuschen davor halb zu.

2012 gab es hier noch Bewegung. Eine Galeristin und ein Malermeister haben den Turm gemietet, eineinhalb Jahre saniert und als Kunstgalerie unter dem Namen "Wasserturm 39" eröffnet. Doch davon ist wohl nichts mehr geblieben. Nicht einmal ein Namensschild erinnert daran. Eine Frau, die gerade mit ihrem Hund spazieren geht, hält kurz an, um zu sagen: "Ich lauf hier jeden Tag lang, hier ist alles tot. Es ist schad' drum. Ist ja eigentlich ganz schön".

Da hat ein anderer noch erhaltener Wasserturm in der Stadt schon wesentlich mehr Trubel um sich. An einem Ende des Geländes, wo die Stadtwerke heute ihre Zentrale haben, in Moosach, zwischen Westfriedhof und Olympiapark, blickt der stolze Turm mit verspieltem Zeltdach auf einen halb fertigen Technologie-Campus mit hochmodernen Bürobauten und Bauarbeitercontainern nebeneinander. Mit seinem schmucken Aussehen könnte der Wasserturm direkt aus einem Märchenbuch über alte Burgen stammen. Aber nein, er wurde nach den Entwürfen der Architekten Hans Ries und Robert Rehlen 1909 fertig gestellt, als Teil des ehemaligen Gaswerkgeländes, das hier mal stand. Der Straßenname erinnert noch daran: Gaszählerwerkstatt. Das Wasser im Turm war nicht für die Versorgung der Bevölkerung gedacht. Sondern es wurde hier gespeichert, um das Koks abzulöschen, das bei der Verbrennung der Steinkohle auf dem Gelände zur Gasgewinnung entstand. So gesehen hat der Wasserturm zur Versorgung der Stadt indirekt doch beigetragen, nur nicht mit Wasser, sondern mit Gas. Und zwar bis in die Sechzigerjahre.

Den Turm betreten darf man nicht - lange sei hier nicht mehr renoviert worden, es sei nicht sicher, sagt eine Sprecherin der Stadtwerke. Von außen ist er immerhin sehr gut erhalten, und irgendwie tröstend ist der Gedanke, dass er täglich von Hunderten von Mitarbeitern aus der Hightech-Branche begutachtet wird. Außerdem steht er nicht ganz alleine da, etwas weiter hinten sieht man den O2-Tower in der Sonne blitzen.

Noch nördlicher, in Freimann, ragt an der Kreuzung zwischen Heidemannstraße und Lilienthalallee ein rechteckiger Turm in den Himmel. Er erinnert komischerweise an einen Klotz, vielleicht, weil er so unbeholfen in der Gegend herumsteht, dabei ist er 40,5 Meter hoch. Die Bäume drumherum bedecken die untere Hälfte, gut erkennbar aber sind die beige-angegrauten Platten aus Asbest, mit denen der Turm nach dem Zweiten Weltkrieg verkleidet wurde. 1918 entstand er hier als Teil der "Bayerischen Geschützwerke" der Friedrich Krupp AG, wie man aus dem Landesamt für Denkmalpflege erfährt. Es war ein Rüstungswerk, errichtet im Laufe des Ersten Weltkriegs. Später ging das Gelände ans Reichs- beziehungsweise Bundesbahn-Ausbesserungswerk, der Turm blieb.

Er blieb auch, als das Gelände an die Immobilienfirma CA Immo ging, die dort mittlerweile ein Gewerbegebiet und die "Motorworld" untergebracht hat, eine Ausstellungshalle für Autoliebhaber. 2013 machte der Investor den Vorstoß, den Turm für Wohnungen, Ateliers oder Büros zu nutzen, doch dieser Plan wurde letztlich nicht realisiert. Vor ein paar Jahren sind hier außerdem ein paar Asbestplatten abgefallen, da sorgte sich der Bezirksausschuss um die Gesundheit der benachbarten Privatschüler. Doch das Gesundheitsreferat und die CA Immo haben damals keine Gefahr gesehen. Seitdem ist es wieder still geworden um den Wasserturm.

Können Gebäude einsam sein? Historikerin Rädlinger findet es jedenfalls schade, dass die Münchner Wassertürme im Bewusstsein der Menschen nicht präsenter seien. Die meisten seien auch längst abgetragen.

Architektur und Technologie, die vergessen wurde. "Es hat ein bisschen was damit zu tun, dass die Münchner sich nicht so sehr um ihre Industriebauten kümmern", mutmaßt Rädlinger. Industriekultur sei in dieser Stadt leider nicht so "hoch im Kurs". Aber das Bewusstsein ändere sich auch. "Jetzt wird erhalten, was noch übrig geblieben ist."

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