Als der 62er-Bus in Richtung Ostbahnhof am Heimeranplatz hält, heißt es endgültig zusammenrücken. Es ist viertel nach zehn, die Rushhour ist offiziell eigentlich vorbei. Doch als zwei Rollstuhlfahrer zusteigen und an der nächsten Haltestelle noch eine Familie mit Kinderwagen in den Bus drängt, wird es eng. An normalen Tagen ist ein derartiges Gedränge außerhalb der Stoßzeiten ungewöhnlich. Weil aber wegen des Warnstreiks im Nahverkehr am Morgen weder Tram- noch U-Bahnen unterwegs sind, sind die Busse gefragt. Alle Buslinien sind unterwegs, zumindest in unregelmäßigen Abständen. Als einzige Tram-Linie fährt die 20er zwischen Stachus und Moosach alle zehn Minuten.
Der 62er aber gehört zu den wichtigen Metrobuslinien, die im Stadtgebiet die U- und S-Bahnhöfe miteinander verbinden. Und hier schafft es die MVG an diesem Montagvormittag sogar, zeitweise einen Zehn-Minuten-Takt anzubieten. An Streiktagen sind die Metrobuslinien mit den zweistelligen Nummern immer besonders ausgelastet, weil sie im Stadtgebiet weite Strecken fahren. Das sieht man auch an der Ringbuslinie 58/68, deren Fahrzeuge rappelvoll sind, wie auch der 53er, der als Bus-Zug mit Anhänger verkehrt und viel Platz bietet.
Auch die Straßen sind voll: Die Stau-Anzeige auf Google Maps zeigt vor allem auf dem Mittleren Ring viele rote Abschnitte. Rot steht für Stau, der Zeitverlust zum Beispiel zwischen Brudermühlstraße und Olympiapark liegt in der Früh laut App bei 15 Minuten – ein Wert, der aber häufig auch an Tagen ohne ÖPNV-Streik erreicht oder gar überschritten wird. Laut Verkehrsmeldungen im Rundfunk sind auch die Autobahnzufahrten Richtung München zeitweise dicht – auf der A94 staut es sich am Morgen von Feldkirchen bis Steinhausen.


Gegen 9 Uhr stockt der Verkehr zudem über knapp drei Kilometer von Haidhausen bis Berg am Laim. Stadteinwärts geht es auf der Kreiller- und Berg-am-Laim-Straße kaum voran, viele Autofahrer versuchen ihr Glück in Seitenstraßen, doch auch dort ist an ein Vorankommen kaum zu denken.
Im Stadtzentrum selbst ist allerdings weniger los, als man während eines ÖPNV-Streiks vermuten würde. So geht es gegen 8 Uhr auf der Lindwurmstraße Richtung Zentrum zwar langsam voran, aber das hat man schon schlimmer erlebt. Auch die Sonnenstraße und der Stachus sind wie immer verkehrsreich, aber weit entfernt vom befürchteten Chaos. Das mag auch daran liegen, dass die S-Bahn, die nicht vom Warnstreik betroffen ist, keine größeren Ausfallerscheinungen zeigt, wie sie sonst oft vorkommen.

Bus, U-Bahn und Tram betroffen:Streik im Nahverkehr – so ist die Lage in München
Fährt mein Bus oder meine U-Bahn? Das fragen sich viele Münchnerinnen und Münchner an diesem Morgen. Ein Überblick über die verschiedenen Linien.
Die Züge sind am Morgen mal mehr, mal weniger voll, das ist von Linie zu Linie unterschiedlich. Auch am Ostbahnhof bleibt an diesem Montagmorgen das große Gedränge aus; viele Pendlerinnen und Pendler scheinen sich auf die Streikankündigung eingestellt und für diesen Tag Home-Office eingeplant zu haben – oder sie steigen alternativ auf das Fahrrad um. Erst am Mittag vermeldet der DB-Streckenagent Verspätungen und vorzeitige Zugwenden wegen eines medizinischen Notfalls.
Die erst vor Kurzem mit Live-Auskunft ausgestattete App der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) erweist sich als zuverlässig und weist auf die ausfallenden Fahrzeuge hin. Und auch der Fahrer der Linie 62 gibt sich an diesem Tag kulant. Obwohl er an der Hans-Fischer-Straße schon losgefahren ist, bleibt er noch einmal kurz stehen und lässt zwei heransprintende Frauen einsteigen. Das erlebt man sonst in München nur selten.
Dass vor dem Tor zum Tram-Depot an der Einsteinstraße am Leuchtenbergring laute Musik aus einer Partybox dröhnt, kommt auch eher selten vor. „Wir sind nicht gegen euch. Wir sind nicht die Bösen, wir sind Teil dieser Stadt“, schmettert die Stimme aus dem überdimensionierten Lautsprecher. „Das ist unser neuer Streik-Song“, sagt Haris Softic, der das Lied mit seinem Handy eingespielt hat. Und der Verdi-Gewerkschafter macht deutlich, wer aus seiner Sicht die Guten sind: „Wir kämpfen für unsere Sache, und die Stimmung ist fantastisch. Aber natürlich tut es uns für die Pendler leid.“

An sechs Standorten über die gesamte Stadt verteilt haben die MVG-Mitarbeiter Streikposten an diesem Montag eingerichtet. Auch die U-Bahn-Leitstelle sei komplett lahmgelegt worden, berichtet Softic vor der Einfahrt zum Tram-Depot, vor dem sich etwa 100 MVG-Beschäftigte in gelben Warnwesten und mit Verdi-Fahnen versammelt haben. Aber es hätten sich auch nicht genügend Fahrer für den Betrieb der U-Bahn gefunden. „Für den Betrieb der U6 werden 20 Kollegen benötigt, aber es waren gerade einmal neun“, sagt der Gewerkschafter. „Insgesamt beteiligen sich 70 bis 75 Prozent der Kollegen am Warnstreik. Das ist schon ein starkes Signal.“
Und die Gewerkschaft Verdi benötigt den Rückhalt ihrer Mitglieder in ihrem Arbeitskampf, denn sie ist mit beachtenswerten Forderungen in die erste Verhandlungsrunde am 19. Januar gegangen: Erreicht werden sollen eine 36-Stunden-Woche, 668,75 Euro mehr für jeden Beschäftigten im Monat, höhere Sonntagzuschläge. Damit liegen Verdi und der Kommunale Arbeitgeberverband Bayern bislang weit auseinander. Die Arbeitgeberseite hat in der ersten Runde eine Erhöhung der Tarifgehälter um mindestens fünf Prozent in zwei Schritten sowie eine Anhebung der Ausbildungsgehälter um 150 Euro vorgeschlagen. Dass die Gewerkschaft dies nicht einmal als Verhandlungsbasis betrachtet, macht Claudia Weber von Verdi vor dem Tram-Depot deutlich: „Wir werden keine Ruhe geben.“
Bisher verdienen Neueinsteiger bei der MVG während der viereinhalbmonatigen Qualifizierung samt München-Zulage von 270 Euro etwa 3265,30 Euro brutto. Steigen die Ausgelernten anschließend in den Fahrdienst als U-Bahn, Trambahn- oder Busfahrer ein, sind es inklusive Zulagen etwa 3676,27 Euro brutto – nach zwei Jahren steigt das Bruttogehalt auf 3785,58 Euro. Die Stadtwerke, Mutter der MVG, werben zudem mit 30 Tagen Urlaub pro Jahr und der kostenfreien Nutzung von U-Bahn, Tram und Bus für Fahrer. Dennoch viel zu wenig für eine derart teure Stadt wie München, so Gewerkschafterin Weber.
Um den Druck vor der zweiten Verhandlungsrunde am 13. Februar zu erhöhen, kündigt Verdi für Bayern daher bereits weitere Warnstreiks an. Wann und für wie lange, werde mit „angemessener Vorlaufzeit“ bekanntgegeben, heißt es von der Gewerkschaft.

