Wandern mit BehinderungWenn unerwartete Barrieren zum Umkehren zwingen

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Marianne Thelen (links) und Stefanie Bernhard, die eine Sehbehinderung hat, sind schon ein eingespieltes Wanderteam.
Marianne Thelen (links) und Stefanie Bernhard, die eine Sehbehinderung hat, sind schon ein eingespieltes Wanderteam. Wilhelmine Glaßer

Mit viel Organisation klappt die inklusive Wanderung von Pasing nach Planegg. Doch Touren mit Rollstuhl oder Blindenstock laufen selten reibungslos ab. Woran es hakt.

Von Wilhelmine Glaßer

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Was riecht hier so süß wie Honig? Diese Frage lässt die Wanderin nicht los. Jetzt hat sie endlich ihre Antwort: Sommerlinde! Ihre Begleiterin hält ihr die hellgelbe Blüte unter die Nase. Stefanie Bernhard atmet den Geruch tief ein. Ein paar Schritte weiter wiederholt sich das Szenario. „Das kennst du jetzt aber“, sagt Marianne Thelen, als Bernhard den Geruch der Holunderblüte einatmet.

Später erklärt Stefanie Bernhard: „Wir gleichen viel mit anderen Sinnen aus.“ Seit ihrer Geburt hat sie eine Sehbehinderung: Farben, Formen und Details erkennt sie wie durch eine Röhre: Die Ränder fehlen.

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Nun laufen die beiden Hand in Hand an der Würm entlang, plaudern über Holunderküchlein. Seit zehn Jahren sind sie bei fast jeder inklusiven Wanderung ein Team. Marianne Thelen ist stellvertretende Wanderleiterin bei den Naturfreunden Würmtal. Sie führt ihre Begleiterin mit Sehbehinderung durch das hohe Gras zum Biberbau, macht Ansagen wie „Wurzel quer“ oder „tiefliegender Ast“, setzt ihr Nasenzwicker auf die Nasenspitze, legt ihr die Hand in die Wölbung des Baumstammes.

Mit rund 40 Menschen mit und ohne Behinderung wandern die beiden von Pasing nach Planegg. An diesem Vormittag wird auf alle Rücksicht genommen. Die einen gehen an der Hand einer Begleitperson, die anderen fahren im E-Rollstuhl oder werden geschoben.

Doch so reibungslos wie an diesem Vormittag im Juni läuft es selten.

Birgit Winter kennt die Schwierigkeiten barrierefreier Ausflüge bestens. Seit einigen Jahren organisiert sie inklusive Wanderungen für das Projekt „Alpen Leben Menschen“ (A.L.M.), einer Kooperation von Malteser Hilfsdienst und Deutschem Alpenverein. Eigentlich klingt deren Ziel einfach: „Menschen zusammenbringen, nicht isolieren“, sagt die Organisatorin. Aber in der Realität stößt das schnell an Grenzen.

Markus Althanns schiebt den Rollstuhl von Diana Gerstenberg.
Markus Althanns schiebt den Rollstuhl von Diana Gerstenberg. Wilhelmine Glaßer

Die größte Herausforderung: Wanderungen mit Rollstuhl. Schon kleinste Steine oder der Bordstein werden zu Hindernissen. Zwischen Pasing und Planegg bekommt das Markus Althanns von der Gemeinschaft Junger Malteser zu spüren. Als Helfer bildet er an diesem Tag ein Wanderteam mit Rollstuhlfahrerin Diana Gerstenberg. „Der Bürgersteig ist zwar schon abgesenkt“, sagt er, „aber nicht so weit, dass der Rollstuhl rüberkommt.“ Die fehlenden Zentimeter zeigen ihm, „wie im Straßenverkehr auf unnötige Art und Weise Sachen nicht gut funktionieren“.

Auch digitale Tourenbeschreibungen helfen nicht immer, sagt Birgit Winter. Selbst wenn der Weg als barrierefrei gilt, ist darauf kein Verlass. Generell fehlt es oft an Informationen, etwa an Angaben zu Maßen oder Bodenbelägen, weiß Monica Tetzner. Bei der Bayern Tourismus Marketing GmbH ist sie Ansprechpartnerin für barrierefreien Tourismus.

Nicht selten führen Kopfsteinpflaster in Altstädten oder Schotterwege in der Natur zum Abbruch von Ausflügen. „Auch ein barrierefreier Weg nützt wenig“, schreibt Tetzner auf SZ-Anfrage, „wenn der Weg vom Parkplatz dorthin Stufen hat oder keine barrierefreien Toiletten vorhanden sind.“ Hinzu kommt, dass manche Bahnhöfe, vor allem in ländlichen Regionen, nicht barrierefrei sind. Auch kaputte Aufzüge seien ein häufiges Problem, sagt Anitta Stadler, die im E-Rollstuhl mitfährt.

Wenn Birgit Winter und ihr Team eine inklusive Wanderung planen, laufen sie die Strecke vorher ab. Eine Garantie gibt es trotzdem nicht. Einmal blockierte unerwartet eine Baustelle den Weg, obwohl die Organisatorin den Weg kurz vorher abgegangen war. Die ganze Gruppe an Rollstuhlfahrern musste umkehren.

Anders ist das an diesem Vormittag im Juni: Der Weg an der Würm entlang ist größtenteils eben, frei von Stufen und Hindernissen. Während der Wind sanft durch die Blätter streicht, feiert die Wandergruppe in einer Kapelle eine Andacht mit Gebet und Gesang. Drinnen tastet sich Norbert Stölzer von Relief zu Relief, streicht mit den Fingern über die Heiligenfiguren aus Stein. In Martinsried, wo er wohnt, kennt der Physiotherapeut jeden Winkel, oft lässt er den Blindenstock zu Hause. Bei vielen Wanderungen, vor allem aber bei Bergtouren hingegen sind Stock, feste Schuhe und Begleiter unverzichtbar.

Norbert Stölzer ertastet sich das Relief in der Kapelle.
Norbert Stölzer ertastet sich das Relief in der Kapelle. Wilhelmine Glaßer

Die Begleitperson läuft dann oft voraus oder nebenher, weist Stölzer auf Abgründe oder steile Stellen hin. Manche blinde Menschen wandern auch am Führband: Dabei hält die sehende Begleitperson die eine Schlaufe, die blinde Person die andere. Wer welche Hilfe benötigt, das kommt auf den Weg und den Grad der Einschränkung an. Stölzer etwa hat je nach Licht einen Sehrest von zwei Prozent. Der Physiotherapeut sieht „schemenhaft, verflimmert, verpixelt“, erklärt er.

Vom Wandern hält ihn das nicht ab. Stölzer geht gern in die Berge, war schon auf dem Herzogstand. Sein Ziel geht über das reine Laufen hinaus. Der Physiotherapeut aus Martinsried will „die Wanderung so schaffen wie ein Sehender“, sagt er. Damit will er sich selbst und anderen beweisen, „dass ich nicht zurückstecke, dass ich auf nichts verzichte.“ Genau das sei der Kern von Inklusion, sagt Stölzer. Davon profitierten Menschen mit und Menschen ohne Behinderung. „Sie gewinnen eine wertvolle Einsicht.“

Stefanie Bernhard (vorne) und Marianne Thelen informieren sich auf den Touren nicht nur über die Umwelt, sondern haben vor allem viel Spaß zusammen.
Stefanie Bernhard (vorne) und Marianne Thelen informieren sich auf den Touren nicht nur über die Umwelt, sondern haben vor allem viel Spaß zusammen. Wilhelmine Glaßer

Kurz vor dem Ziel bleiben Stefanie Bernhard und Marianne Thelen vor einer Wiese mit hohen Gräsern stehen. Die Wanderführerin liest eine Infotafel über das Biotop vor. Bernhard schätzt an ihr, dass sie erklärt, führt, ihr Pflanzen in die Hand gibt oder unter die Nase hält. Thelen sagt über Bernhard, sie sei ein positiver Mensch und habe ein „gutes Gefühl für Boden und Umgebung“. Beide finden noch mehr positive Eigenschaften, aber eins überwiegt klar: der Spaß, den sie bei den Wanderungen haben.

Weitere Informationen zu den Wanderungen

  • Die Naturfreunde Würmtal bieten inklusives Klettern an und zwei Wanderungen pro Jahr mit Blinden und Sehbehinderten.
  • A.L.M.  bietet monatlich zwei bis drei Wanderungen an für Menschen mit und ohne Behinderung, Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund. Vereinzelt sind die Wanderungen auch für Rollstuhlfahrer geeignet.
  • Die Gemeinschaft junger Malteser engagiert sich in hohem Maße ehrenamtlich für Menschen mit Behinderung und begleitet sie unter anderem auf Ausflügen und Wallfahrten.

Diese Quellen empfiehlt Monica Tetzner für die Planung von barrierefreien Reisen

  • Reisen für Alle (www.reisen-fuer-alle.de): Das bundesweit einheitliche Kennzeichnungssystem bietet detaillierte, von geschulten Erhebern geprüfte Berichte zur Barrierefreiheit.
  • Bayern-Portal (erlebe.bayern/urlaub-fuer-alle): Hier können Angebote nach Bedürfnissen gefiltert werden.
  • Regionale Portale: Spezielle Webseiten wie www.oberbayern.de/gut-zu-wissen/barrierefrei/ bieten Informationen für die Regionen.
  • Wheelmap.org: Eine hilfreiche Karte zur schnellen Überprüfung der Rollstuhlgerechtigkeit von Orten, basiert auf Selbsterfahrung.
  • Tourenportale wie Komoot enthalten inzwischen auch barrierefreie Touren. Die Qualität der erfassten Touren ist jedoch unterschiedlich und entspricht nicht immer den Anforderungen der Menschen mit spezifischen Behinderungen.
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