SelbständigkeitBagels aus der Mikrobäckerei

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Catherine Schempp backt derzeit noch in ihrer eigenen Küche in Waldperlach. Dort können die Kunden die Bagels auch abholen.
Catherine Schempp backt derzeit noch in ihrer eigenen Küche in Waldperlach. Dort können die Kunden die Bagels auch abholen. (Foto: Mark Siaulys Pfeiffer)

Vor gut einem Jahr hat Catherine Schempp Katis Bagel Corner gegründet. Seitdem backt sie in der heimischen Küche jedes Wochenende bis zu 160 dieser kleinen Kringel. Bei der Handwerkskammer hat sie dafür sogar eine Ausnahmegenehmigung beantragt.

Von Jacqueline Lang

Dass der Wecker samstags und sonntags schon um 4.15 Uhr klingelt, ist für Catherine Schempp seit einem Jahr Alltag: Jedes Wochenende bindet sie ihre Schürze, nimmt den vorbereiteten Hefeteig aus dem Kühlschrank, wiegt ihn ab und formt, Kringel für Kringel, daraus etwas, das man so in deutschen Bäckereien kaum findet: Bagels. Und damit willkommen bei Katis Bagel Corner!

Die Geburtsstunde ihrer Mikrobäckerei war vor gut vier Jahren. Wobei man sagen muss: Anfangs war das Ganze weniger eine Business-Idee als vielmehr ein Gelüst. Die damals schwangere Schempp hatte plötzlich unfassbare Lust auf Bagels. Weil Trier, wo sie damals noch wohnte, aber nun mal nicht Boston ist, war das Kleingebäck mit dem ikonischen Loch in der Mitte nirgends zu bekommen. Die heute 37-Jährige legte kurzerhand selbst Hand an.

Sie fing mit Rezepten aus dem Internet an, mittlerweile hat sie ihre ganz eigene Rezeptur entwickelt und perfektioniert. Für den schönen Glanz der Kruste gibt sie statt Malzsirup zum Beispiel Dattelsirup ins kochende Wasser. Denn das Besondere am Bagelbacken ist dieser Schritt: Erst nach dem Wasserbad kommen die Kringel in den Ofen. So entsteht die charakteristisch dichte Krume. Wegen der reicht meist schon ein Bagel, um satt zu werden. Ihren isst Schempp am liebsten klassisch: nur mit Frischkäse oder Butter.

Wie kommt eine Deutsche, die in Sierra Leone zur Welt kam, zu ihrer Bagelliebe? Nach der Schule will Schempp ihr Englisch verbessern und geht für ein Jahr als Au-pair nach Boston. Aus einem Jahr werden knapp zehn, noch heute wechselt sie im Gespräch häufig ins Englische. Und ja, wäre Donald Trump nicht gewesen, vielleicht wäre sie geblieben. Als der 2016 zum ersten Mal zum Präsidenten gewählt wird, ist aber schnell klar: Entweder sie heiratet und kann bleiben oder sie muss das Land verlassen, ein Arbeitsvisum wird sie nicht bekommen. Die Frau mit den kurzen, schwarzen Afrolocken und dem einnehmenden Lächeln entscheidet sich zu gehen.

Zuerst rollt sie den vorbereiteten Teig - hier mit Jalapenos und Kräutern verfeinert - zu kleinen Kringeln.
Zuerst rollt sie den vorbereiteten Teig - hier mit Jalapenos und Kräutern verfeinert - zu kleinen Kringeln. (Foto: mark siaulys pfeiffer/mark siaulys pfeiffer)
...danach kocht sie sie in heißem Wasser, in das sie zuvor Dattelsirup gegeben hat. Das sorgt für den besonderen Glanz der Kruste.
...danach kocht sie sie in heißem Wasser, in das sie zuvor Dattelsirup gegeben hat. Das sorgt für den besonderen Glanz der Kruste. (Foto: Mark Siaulys Pfeiffer)

Über Düsseldorf kehrt sie zurück nach Trier, lernt dort ihren heutigen Ehemann kennen, die beiden bekommen einen Sohn. 2023 ziehen sie nach München. Weil es dort ebenso wenig Bagelshops wie in Düsseldorf oder Trier gibt, steht sie oft in der Küche und backt. Anfangs nur für sich und Freunde. Ermutigt durch ihren Mann meldet sie 2024 schließlich ein Kleingewerbe an. In einer Stadt voller Expats – so die Annahme – muss die Nachfrage doch groß sein. Und tatsächlich: Seitdem sie ihren Onlineshop im November vor einem Jahr eröffnete, backt sie pro Wochenende um die 160 Bagels. Kostenpunkt: zwischen 2,95 und 4,95 Euro.

Ein Großteil der Kundschaft holt die Bagels aktuell bei Schempp daheim ab. Manche würden dafür durch die ganze Stadt fahren, sogar aus Dachau sei mal jemand gekommen, erzählt sie. Ihr Haus in Waldperlach ist – zumindest bis sie eine externe Fläche gefunden hat –  Zuhause, Backstube und Abholstation in einem.

Wie das geht in einem Land, in dem Bäckerin ein Ausbildungsberuf ist und das Gesundheitsamt ziemlich streng? Letztlich war es wohl eine Mischung aus deutscher Beharrlichkeit und dem American Way of Life. Dass das Gesundheitsamt etwas gegen die Backstube in ihrer heimischen Küche haben könnte? Daran hatte Schempp, das gibt sie lachend zu, gar nicht gedacht, „ich war total blauäugig“. Letztlich habe sie aber glaubhaft darlegen können, dass sie alle Zutaten separat lagern kann und in der Zeit, in der sie ihre Bagels backt, nichts anderes in ihrer Küche zubereitet wird.

Eine bestandene Prüfung durch die Handwerkskammer ersparte ihr die Meisterprüfung. Das geht, weil die 37-Jährige nur einen „Teilbereich“ des Handwerks ausübt, wie die Münchner Handwerkskammer bestätigt. Besagter Prüfung ist es auch zu verdanken, dass Schempp neuerdings auch Bagels auf Sauerteigbasis anbietet. Vegan waren sie schon immer, viele Zutaten kauft sie zudem in Bio-Qualität. Laugenbagels, das lässt sie indes lieber: „Ich konkurriere in Bayern doch nicht mit einer Brezel.“

Wenn Catherine Schempp, von allen nur Kati genannt, nicht gerade in der Backstube steht, ist sie Eventmanagerin und Mutter eines Vierjährigen.
Wenn Catherine Schempp, von allen nur Kati genannt, nicht gerade in der Backstube steht, ist sie Eventmanagerin und Mutter eines Vierjährigen. (Foto: Mark Siaulys Pfeiffer)
Alle Bagels von Catherine Schempp sind vegan, auf Wunsch auch glutenfrei oder auf Sauerteig- statt Hefeteigbasis.
Alle Bagels von Catherine Schempp sind vegan, auf Wunsch auch glutenfrei oder auf Sauerteig- statt Hefeteigbasis. (Foto: Mark Siaulys Pfeiffer)

Sollte es im kommenden Jahr mit dem Traum von der eigenen Backstube klappen, dann würde sie ihr Mehl gerne von der bekannten Drax Mühle beziehen. Noch kann sie deren Mindestmengen nicht abnehmen, der Platz fehlt. Gerne würde Schempp ihren kleinen Betrieb zudem biozertifizieren lassen. „A girl can dream“, sagt Schempp und lacht. Nur, ob sie sich in die komplette Selbstständigkeit wagt? Da will sie sich noch nicht festlegen. Gerade ist der Plan, ab 2026 als Eventmanagerin nur noch in Teilzeit zu arbeiten und parallel mit dem deutschlandweiten Versand vorgebackener Bagels zu starten.

Versteht sie sich denn als Bäckerin? „Ich bin Bagel-Artisan“, sagt Schempp, deren Unterarme vom ständigen Hantieren mit heißen Blechen ein paar Brandnarben zieren. Eher Kunst- als Handwerk also, jeder Bagel ein Unikat. Manchmal sogar in Regenbogenfarben, das hat sie sich aus New York abgeschaut. Grundsätzlich, das ist ihr wichtig, sind Bagels aber nichts originär Amerikanisches, sondern etwas aus der jüdischen Kultur. Sobald der neue Onlineshop launcht, will sie darüber auch auf ihrer Homepage aufklären.  Warum ihr das wichtig ist? Nun ja, als schwarze Frau kennt sie sich mit kultureller Aneignung und Diskriminierung nun mal aus.

Was ihr noch wichtig ist? Der Austausch mit anderen aus der Branche, überhaupt mit Menschen, die sich trauen, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Vor allem mit Frauen und Müttern wie sie es selbst ist. Denn bei aller Bagelliebe, irgendwie, findet Schempp, geht es doch auch um mehr: um Mut, um Leidenschaft, um Gemeinschaft.

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