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Polizei in München:Schreckschusswaffen - mehr als nur heiße Luft

Kleiner Waffenschein

Auch für Experten sind Schreckschusswaffen kaum von scharfen Pistolen oder Revolvern zu unterscheiden.

(Foto: Oliver Killig/dpa)
  • Allein zum Jahreswechsel hat die Münchner Polizei 21 Einsätze wegen illegalen Verwendens von Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen registriert.
  • Wer volljährig ist, darf eine legale Schreckschusswaffe kaufen - registriert wird das nicht. Deshalb gibt es auch nur Schätzungen über deren Zahl.
  • Für das öffentliche Führen einer Schreckschusswaffe ist seit 2003 ein so genannter Kleiner Waffenschein nötig.

Sie werden ganz harmlos Schreckschusswaffen genannt und können doch zur tödlichen Gefahr werden. Projektile verschießen sie zwar nicht, doch das Gas entweicht mit Temperaturen von weit über tausend Grad und mehreren hundert Bar Druck aus dem Lauf. Das ist der Grund, weshalb sie in der Öffentlichkeit nicht abgefeuert werden dürfen. Waffenexperten warnen vor einem "projektillosen Todesschuss". Trotzdem hat die Münchner Polizei allein zum Jahreswechsel 21 Einsätze wegen illegalen Verwendens von Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen registriert. Und zahllose Patronenhülsen auf Straßen und Gehwegen der Stadt zeigen: Die Dunkelziffer ist weit höher.

Eigentlich hat der Gesetzgeber mehrere Sicherungen eingebaut. Dazu zählt das Prüfsiegel der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, das alle legalen Schreckschusswaffen haben müssen - andernfalls gelten sie als scharfe Waffen. Wer volljährig ist, darf eine legale Schreckschusswaffe kaufen, einfach so. Registriert wird das nicht. Deshalb gibt es auch nur Schätzungen über deren Zahl. 15 bis 20 Millionen sollen es bundesweit sein, etwa eine Million in einer Stadt wie Berlin. Rechnet man das auf München um, gibt es hier mindestens 300 000 Schreckschuss-Revolver und -Pistolen.

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Wer eine solche Waffe legal besitzt, darf sie dennoch nicht auf der Straße spazieren tragen geschweige denn verwenden. Für das öffentliche Führen einer Schreckschusswaffe ist seit 2003 ein so genannter Kleiner Waffenschein nötig. Dieser werde "nach Überprüfung der waffenrechtlichen Zuverlässigkeit unbefristet ausgestellt", schreibt das Kreisverwaltungsreferat auf seiner Homepage - "ohne Sachkunde- und Bedürfnisprüfung".

6350 Münchner und 1409 Münchnerinnen besaßen Anfang Mai einen Kleinen Waffenschein, dazu 2542 Männer und Frauen aus dem Landkreis. Das geht aus einer Antwort der Staatsregierung auf eine Landtagsanfrage der Münchner Grünen-Politikerin Katharina Schulze vom Sommer hervor. Bayernweit hat sich demnach die Zahl der Kleinen Waffenscheine binnen vier Jahren mehr als verdoppelt - auf gut 100 000 vor einem Jahr. Diese "rasante Aufrüstung" sei "alarmierend", urteilte Schulze.

Selbst wer berechtigt ist, Schreckschusswaffen öffentlich zu führen, darf damit jedoch - außer in genau definierten Ausnahmen, etwa Notwehrfällen - keineswegs schießen. Das Abfeuern von Schreckschusswaffen als Teil der öffentlichen Silvesterknallerei ist verboten. Doch die Realität auf Münchner Straßen sieht anders aus - nicht nur, aber ganz besonders rund um den Jahreswechsel. Einige Vorfälle lösen sogar größere Polizeieinsätze aus.

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Schon am Freitag vor einer Woche wird die Polizei in die Bad Schachener Straße in Ramersdorf gerufen. Anwohner haben Schüsse von einem Balkon gehört. Beamte umstellen das Gebäude und nehmen einen 22-Jährigen fest. In seiner Wohnung finden sie mehrere Schreckschusswaffen, einen Baseballschläger, einen Totschläger - und eine Aufzuchtanlage für Marihuana. Am Montag gibt es erneut Alarm: Schüsse im Heinrich-Braun-Weg am Hasenbergl. Gleich zwei Personen, 15 und 27 Jahre alt, liefern sich von ihren Balkonen aus mit Schreckschusswaffen ein akustisches Fernduell. Insgesamt zehn Schüsse werden abgefeuert. Am Silvesterabend feuert ein Mann am Isartorplatz mindestens vier Platzpatronen aus einem fahrenden Auto. Er wird später zusammen mit seinem Beifahrer gestellt. Die Pistole hat kein PTB-Prüfsiegel, gilt also als scharfe Waffe.

Nur Stunden später ein weiterer Vorfall, der zeigt, wie gefährlich Schreckschusspistolen auch für den sein können, der sie abfeuert. Die meisten dieser Waffen sind nämlich auch für Experten kaum von scharfen Pistolen oder Revolvern zu unterscheiden. Wenn dann ein Polizist direkt in den Lauf einer auf ihn gerichteten Pistole schaut, geht es oft um Sekundenbruchteile und um die Erfahrung des Beamten, die möglicherweise über Leben und Tod, zumindest aber über die Gesundheit des Waffenträgers entscheiden.

Minuten vor dem Jahreswechsel fallen Schüsse in der Wasserburger Landstraße. Eine Polizeistreife entdeckt eine Personengruppe, aus der die Schüsse aus einer schwarzen Pistole abgefeuert werden. Als die Beamten anhalten und auf die Gruppe zugehen, richtet eine der Personen aus sechs Metern Entfernung die Waffe auf die Beamten und betätigt mehrmals den Abzug. Dabei löst sich kein Schuss mehr, doch die Polizisten können deutlich das mechanische Klicken hören. Kurz darauf können sie den Täter überwältigen. Auch seine Pistole hat kein Prüfsiegel. Der Schütze ist 14 Jahre alt.