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München:Vorstufe zum Holocaust

Die Nazis töteten Hunderttausende behinderte und psychisch kranke Menschen - Juden waren doppelt stigmatisiert

Für Ruth Verroen begann es mit einem ihr unbekannten Gesicht. Sie war zu Besuch in Israel bei Fritz Levinger, dem Cousin ihrer Mutter. Da fiel ihr ein Jahrzehnte altes Familienfoto in die Hände, auf dem ein junges Mädchen abgebildet war, das sie nicht zuordnen konnte. Wer das denn sei, fragte sie ihren Gastgeber. Und so erfuhr sie, dass dieser einmal eine Schwester hatte, die ebenfalls Ruth hieß, Ruth Levinger. Die sei von den Nationalsozialisten umgebracht worden. Und dann bat Fritz Levinger sie, ihren vier Großcousins nichts davon zu sagen: Denn seine Kinder wüssten davon nichts.

Ruth Verroen aber hat der Tod ihrer Verwandten nicht mehr losgelassen. Ruth Levinger ist in einer Gaskammer ermordet worden, weil sie Jüdin war - und zwar schon 1940, also einige Monate, bevor die Nationalsozialisten die ersten Vernichtungslager bauen ließen. Zugleich ist sie eine der vielen Toten, die in ihren Familien ebenso wie in der deutschen Gesellschaft nach dem Krieg und noch bis in die Achtzigerjahre verdrängt, vergessen oder verleugnet wurden, denn sie war psychisch krank, darüber sprach man nicht. Und sie hatte keine Chance.

Am Sonntag haben das NS-Dokumentationszentrum sowie eine Arbeitsgruppe aus Psychiatern und Historikern an diese vergessenen Toten erinnert, mittags auf dem Gelände des Isar-Amper-Klinikums München-Ost in Haar, abends im Dokumentationszentrum an der Brienner Straße in München. Es ist der Auftakt einer Gedenk- und Vortragsreihe über die vom NS-Regime Ausgegrenzten und Ermordeten. Am Sonntag erzählten hier drei Angehörige vom Schicksal ihrer Verwandten, so wie Ruth Verroen.

Die Jüdin Ruth Levinger als als Kind (links). Sie wurde von den Nazis verfolgt.

(Foto: Ruth Verroen)

Ruth Levinger sei eine gute Schülerin gewesen, sagte Verroen. Sie habe Medizin studiert und in München-Solln als Volontär-Ärztin gearbeitet. Doch 1935 wurde sie mit der Diagnose Schizophrenie in eine Klinik in Düsseldorf eingewiesen, später kam sie in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die Vorgängerin des Isar-Amper-Klinikums. Und dort stieg sie am 20. September 1940, am Sonntag auf den Tag genau vor 75 Jahren, gemeinsam mit 191 weiteren jüdischen Patienten aus ganz Bayern in einen Zug, der sie nach Hartheim bei Linz brachte. Dort wurden sie alle in einer Gaskammer umgebracht.

Schloss Hartheim war eine von sechs Tötungsanstalten, in denen das NS-Regime psychisch Kranke und geistig Behinderte ermordete. Mehr als 70 000 Menschen starben in dieser "Aktion T4", benannt nach der Verwaltungszentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Doch unter all diesen dem Tod Geweihten wurden Juden noch einmal eigens erfasst - und von Juli 1940 an separat ermordet. Ihre Zahl wird auf bis zu 2500 geschätzt. Die Nazis nannten es eine "Sonderaktion". Historiker sprechen von einer Vorstufe zum Holocaust.

Im August 1941 wurde die "Aktion T4" nach Protesten eingestellt; das Töten freilich ging weiter, anders: Insgesamt etwa 230 000 weitere Kranke starben an gezielter Vernachlässigung und an Mangelernährung. 120 T4-Männer aber wurden nach Polen abgezogen. Dort, im "Generalgouvernement", hatte das Regime für sie eine neue Verwendung: Sie errichteten und betrieben die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka. Den Massenmord im industriellen Maßstab waren sie ja bereits gewöhnt. In den drei Lagern starben 1,6 Millionen Menschen.

Ruth Verroen (2. v.r.) heute: Sie und zwei weitere Angehörige erzählten von ihren ermordeten Verwandten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Jüdische Anstaltspatienten seien im Nationalsozialismus doppelt stigmatisiert gewesen, sagte am Sonntag Gerrit Hohendorf, einer der Historiker der Arbeitsgruppe "Psychiatrie und Fürsorge im Nationalsozialismus in München": nicht nur wegen ihrer Krankheit, sondern auch, weil sie Juden waren. Im Alltag waren sie antisemitischen Ausfällen von Pflegern, Ärzten und auch von anderen Patienten ausgesetzt. Und 1938 habe das Reichsministerium des Inneren verfügt, jüdische Patienten sollten getrennt von den übrigen verwahrt werden. Das freilich habe sich organisatorisch fast nirgends umsetzen lassen. Stattdessen wurden sie zunächst in Sammelstellen wie die Anstalt Eglfing-Haar gebracht und dann ermordet.

Hohendorfs Arbeitsgruppe hat zahlreiche bedrückende Einzelheiten ans Licht gebracht, angefangen bei Einträgen in Krankenakten, in denen es zum Beispiel heißt, eine Patientin sei "tierischer als ein Tier, überlebt aber jedes Malheur". Zur perversen Logik des Regimes gehörte auch, dass die Tode der ermordeten Juden nachdatiert wurden, damit jüdische Wohlfahrtsverbände weiterhin für die Pflege der in Wahrheit längst gestorbenen Patienten bezahlen mussten. Und es sind nicht zuletzt zahlreiche Briefe erhalten geblieben, in denen Anstaltspatienten ihre Verwandten um Hilfe baten. Diese Briefe wurden von den Kliniken oft zurückgehalten. Aber am Sonntag war auch die Rede von Briefen, die ihre Empfänger erreichten. Hilfe kam in diesem Fall nicht.

Ob solche Hilfe freilich überhaupt möglich war, ist fraglich. Levingers Familie etwa wanderte in den Dreißigerjahren nach Palästina aus, die Kranke blieb zurück. Nicht, weil die Familie sie nicht mitnehmen wollte; Verroen zufolge hoffte sie vielmehr, sie nachholen zu können. Aber für die Einreise in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina hätte sie etwas gebraucht, das sie schlicht nicht hatte: ein Gesundheitszeugnis.

© SZ vom 22.09.2015
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