Süddeutsche Zeitung

Es begann als Provisorium:König der Turnhalle

Christian Stückl gelang es, gegen viele Widrigkeiten am alten Volkstheater eine Erfolgsgeschichte zu schreiben

Von Egbert Tholl

Vor langer Zeit war das Volkstheater einmal Gegenstand einer akademischen Untersuchung. Christian Stückl hat das Ergebnis parat, den dicken Ordner der "marktpsychologischen Studie für das Münchner Volkstheater", erstellt an der Ludwig-Maximilians-Universität, darin enthalten diverse Abbildungen. Nummer 99 zeigt "typische Besucher" des Volkstheaters: ein altes Paar, sauber zurechtgemacht, als ginge es auf eine mindestens goldene Hochzeit auf dem Land. Es folgt Abbildung Nummer 101, der "typische Nichtbesucher": ein jugendlich wirkender Typ unbestimmbaren Alters, wie er halt so herumläuft in einer Stadt. Laut der LMU-Studie vermuteten damals 94 Prozent seiner Besucher, das Volkstheater sei eine Mundartbühne.

Die Studie stammt ungefähr aus der Zeit, als Hanns Christian Müller in den eineinhalb Jahren seiner zwischenzeitlichen Intendanz profund und gründlich gezeigt hatte, wie man dieses Haus nicht leiten kann. Vor ihm tat dies Ruth Drexel, nach ihm für kurze Zeit auch wieder, und wenn sie dies damals nicht gemacht hätte, noch einmal das Haus am Stiglmaierplatz übernommen hätte, dann wäre dieses vielleicht schon Ende des vergangenen Jahrhunderts geschlossen worden. Denn das Volkstheater war irgendwie auch eine Erfindung des CSU-Oberbürgermeisters Erich Kiesl, nun hatten in der Stadt die SPD und die Grünen das Sagen und wenn sie überhaupt diese Spielstätte erhalten wollten, dann als so etwas wie den Frankfurter Mousonturm, also Gastspielhaus ohne Ensemble. Gleichzeitig jedoch tagte eine Findungskommission.

In diese berufen war auch Christian Stückl, der 1996 die Münchner Kammerspiele verlassen und sich bundesweit einen Regienamen gemacht hatte. Vor dieser Kommission hielt er dann einen Vortrag, wie er sich das vorstelle, das Volkstheater. Weg mit den Mauern, weg mit der unsäglichen, handfesten Zirblstubentrinkerkneipe Rosenwirt, eigene Gastronomie, neue, frische Schauspielerinnen und Schauspieler. Gleichzeitig dachte er sich, "ich kann mich ja nicht selber finden", und fuhr nach Hause nach Oberammergau. Eine Woche später meldete sich die Findungskommission, deren Mitglied er gewesen war, bei ihm und bot ihm den Intendantenjob an. Bezüglich des Etats zog ihn der damalige Kulturreferent Nida-Rümelin ein bisschen über den Tisch, weil er ihm verschwieg, dass Drexel stets in einen Nachtragshaushalt musste, andere meinten, die Chance sei vertan, das Haus von einer Frau leiten zu lassen. Zur Eröffnung 2002 trat Stückl dann im Dirndl auf und engagierte junge Darstellende, weil man sich arrivierte nicht leisten konnte.

Wenn man wissen will, wie fast 40 Jahre lang die Arbeitsbedingungen an dem Haus waren, kann man Rainer Heuser besuchen. Seit 32 Jahren - er kam in der zweiten Spielzeit von Ruth Drexel als Intendantin - ist er hier Beleuchtungsmeister. Damit ist er keine Ausnahme, in fast allen Abteilungen finden sich Kolleginnen und Kollegen, die schon 20, 30 Jahre hier sind. Heusers Büro ist im Keller, Tageslicht gibt es nur über eine Simulation, die Günther E. Weiß in einen der engen Fensterschächte einbaute. Weiß war auch lange Zeit hier, ein äußerst findiger Problemlösungskünstler. Heuser erzählt, nur wer absolut schwindelfrei sei, könne hier als Beleuchter arbeiten. In modernen Theatern hängt das Licht an Traversen, die man herunterfahren kann. Oder man hat gleich fernsteuerbare LED-Lampen, deren Farbe und Fokus man ändern kann. Aus der Ferne.

Hier gibt es drei elektrische Züge, also Dinger, die rauf und runterfahren können, auf der Vorderbühne, drei über der eigentlichen Bühne; um die Scheinwerfer aufzuhängen, turnen die Techniker auf bis zu neun Meter hohen Leitern. Um 7 Uhr in der Früh. Ein paar "Handkonterzüge" gibt es auch, bei denen muss man an der einen Seite an Gewicht dranhängen, was an der anderen die Scheinwerfer wiegen. Weil in all den Jahren das Budget für neue Lampen nicht reichte, bastelte man die halt selber - "wir haben hier einen Hauselektriker, für den ist Elektrik eine Religion".

Auch eine Art Religion ist Peter Brooks "Der leere Raum", theoretische Anleitung zu dem, was Christian Stückl in Oberammergau machte. Theater geht überall, etwa in einem alten Kino. Was sollte ihn da eine Turnhalle abschrecken, in die man ein Bretterpodest hineingebaut hat? Aber manches ist der pure Aberwitz. Gegen einen Auftritt aus der Unterbühne herrschen im Bergbau luxuriöse Bedingungen; die Schreinerei, direkt unter der Bühne, hat zu dieser eine Öffnung von etwa zwei mal 1,8 Meter. Bühnenbilder werden in Teilen nach oben gewuchtet und dort zusammengebaut. Der Eiserne Vorhang halbiert auf der Bühne selbige und jede Ausstattung, die darauf herum steht. Im Hof wurden Garagen angemietet, in denen lagern Technik und einzelne Bühnenbildteile. Das meiste wird für jede Vorstellung aus den 42 Containern außerhalb der Stadt angekarrt, dafür wird die Augustenstraße gesperrt und die Ausstattung bei Wind und Wetter quasi durchs Hinterfenster hineinplatziert, über eine Hebebühne, die recht selbstgebaut ausschaut.

In der ersten Personalversammlung galt Stückl als "Jobkiller", weil er die nicht zu findende Bühnenpforte schloss. Nach seiner Eröffnungspremiere "Titus" drohten ihm Besucher Schläge an. Doch nun: Kriegt er ein neues Haus. Weil alles aufging. Die jungen Leute kamen, weil sie junge Leute auf der Bühne sahen. Abos? Stehen nur im Weg herum. Von dieser Freiheit, von diesem improvisierenden Erfindungsgeist sollte man einiges ins Schlachthofviertel hinübertragen. Und sei es nur die Garderobe der Riederinger Blaskapelle. Schaut aus wie ein kleine Wirtsstube.

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SZ vom 19.06.2021/van
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