Theater:Ein buntes Wunder

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Theater: Die Zukunft ist weiblich: Der Spaß an der Debatte zeigte sich deutlich bei "Radikal jung", unter anderem mit der Produktion "Identitti" von Kieran Joel.

Die Zukunft ist weiblich: Der Spaß an der Debatte zeigte sich deutlich bei "Radikal jung", unter anderem mit der Produktion "Identitti" von Kieran Joel.

(Foto: Sandra Then)

Zum ersten Mal im neuen Haus: Das Festival "Radikal jung" für junge Regie zeigt sich nach zwei Jahren Pandemie-Pause meinungsstark, politisch und offen für ganz neue Querverbindungen.

Von Yvonne Poppek, München

Zugegeben: Dass ein Theaterfestivalabend mit mehreren Stripperin endet, davon ist nicht unbedingt auszugehen. Gibt's aber. Für sie wurde eine Pole Dance Stange auf der Bühne des Clubs Substanz montiert. Das ist auch nicht zwingend der Ort, der einem dafür einfällt. Dort wirkt die Bühne so niedrig und die Stange derart eingeklemmt, dass ein verletzungsfreier Ablauf einer solchen Show durchaus in Frage steht. Dennoch: Der Abend namens "Stripperstories" fügte sich konsequent in ein Festival mit meinungsstarken, politischen, queeren, auch schrillen Inszenierungen. Er war quasi genauso eng eingepasst wie die Stange im Substanz und griff gleichzeitig weit über die Bühne hinaus. Eine starke Leistung, die zur diesjährigen Ausgabe von "Radikal jung" gehört. Zwei Jahre lang musste man pandemiebedingt auf das im deutschsprachigen Raum bedeutendste Festival für junge Regie im Volkstheater warten. Das hat sich gelohnt. "Radikal jung" hat sich eine Woche lang eindrucksvoll zurückgemeldet.

Die Umstände waren nicht leicht

Dabei waren die Umstände alles andere als leicht. Corona und die dadurch bedingten vielen Aufführungsausfälle machten die Sichtungen für die Kuratorin Christine Wahl und ihre Kollegen C. Bernd Sucher, Florian Fischer und Leiter Jens Hillje schwierig. "Radikal jung" verschob sich vom Frühjahr in den Sommer, der angestammte Platz war damit futsch, andere Festivals liefen parallel. Das neue Haus musste sich bewähren. Und dann findet das Publikum nicht in gewohnter Stärke ins Theater zurück. Das war auch beim "Radikal jung" zu spüren, das erst gegen Ende voll gefüllt schien. In Summe meldete das Haus eine Auslastung von 75 Prozent. Für nächstes Jahr ist da noch Luft nach oben.

Elf Inszenierungen waren zu "Radikal jung" eingeladen. Die Eröffnung übernahm das Left Bank Theatre aus Kiew mit "Bad Roads", ein Stück der Autorin Natalia Vorozhbyt, aufgeschrieben 2017. Vorozhbyt verarbeitet darin ihre Kriegseindrücke aus dem Donbass. 2019 inszenierte Tamara Trunova "Bad Roads", 2022 ist es - als politisches Statement - bei "Radikal jung" und gewinnt den mit 3000 Euro dotierten Publikumspreis. Bei der Preisverleihung am Samstagabend war die Regisseurin sichtlich bewegt. Sie nehme an, dass ihre Arbeit dieses Maß an Unterstützung durch das Publikum erfahren habe, weil Krieg in ihrem Land herrsche. Umso mehr sei dies ein großes Zeichen und ein Gewinn für die Ukraine.

Theater: Der diesjährige Publikumspreis ging in die Ukraine: "Bad Roads" am Left Bank Theatre aus Kiew.

Der diesjährige Publikumspreis ging in die Ukraine: "Bad Roads" am Left Bank Theatre aus Kiew.

(Foto: Volkstheater / Spyros Rennt)

Anders als das Publikum entschied die zum Festival gehörende Masterclass aus Nachwuchsregisseuren, dass für sie caner tekers "Karadeniz" die beste und radikalste Arbeit sei, eine Reise, bei der man auf der Erde bleibe und sich gleichzeitig auf einem anderen Planeten befinde. Zwischen "Bad Roads" und "Karadeniz" klafft indes - um im Bild zu bleiben - eine Welt. Das liegt zum einen daran, dass Trunovas Inszenierung alte Sehgewohnheiten bedient, während caner teker ein eher hermetisches Gebäude aus Bruchstücken türkischer Hochzeitsrituale, Ringen, Tanz, eigenen Erinnerungen errichtet. Zentral geht es hier auch um Gender-Identität, um Zuschreibung und Aneignung. Und damit fügte es sich in den Festival-Reigen meinungsstarker Regiearbeiten, die sehr deutlich nach eben genau dem fragten.

Das fing schon am zweiten Festivaltag mit Elias Adams "We are in the army now" an, eine Produktion am Onassis Stegi-Kulturzentrum Athen. Darin zwei Frauen, zwei Männer, die sich neben den Möglichkeiten der sozialen Medien mit der eigenen Sexualität befassen, zu dem etwa auch ein Coming-Out in einer homophoben Umgebung gehört. Der Abend ist bunt, lustig, quietschig, auch berührend. Und er steht unmittelbar vor den "Stripperstories" im Substanz. Hier erzählen vier professionelle Sexarbeiterinnen auf sehr witzige Weise von ihrem Dasein, reklamieren für sich und ihre Arbeit Respekt. Theaterkunst dockt an Striptease an, verbindendes Element ist der Körper und seine oft schwierige, weil von außen herangetragene Definition. Was kann und darf diese über die Persönlichkeit, das Ich darin überhaupt aussagen?

Theater: Erlaubt ist, was gefällt? Joana Tischkau setzt sich in "Karneval" mit der Karnevalstradition im Rheinland auseinander.

Erlaubt ist, was gefällt? Joana Tischkau setzt sich in "Karneval" mit der Karnevalstradition im Rheinland auseinander.

(Foto: Katrin Ribbe)

"Stripperstories" sollte nicht der einzige Abend im Substanz bleiben, auch eine Dragshow gab es dort, am Flaucher eine "erotische Initiation in die Umwelt". Diese Formate der "Late Nights", die Florian Fischer ausgewählt hat - und die die gängigeren Publikumsgespräche ergänzen - war eine großartige Erweiterung von "Radikal jung". Bühnendiskurs und Leben sind einander eben nicht fremd, hier der Beweis.

Und dass es den jungen Regisseuren stark um Diskurse geht, das war offensichtlich: Joana Tischkaus "Karneval", inszeniert am Theater Oberhausen, setzt sich mit vielen popkulturellen Bezügen und im Musicalformat mit der Karnevalstradition im Rheinland auseinander, mit diesem "Das war schon immer so" und "Warum soll ich mich nicht als Indianer verkleiden dürfen?". Kieran Joel holte mit "Identitti" am Düsseldorfer Schauspielhaus Mithu Sanyals Roman auf die Bühne, der sich auf kluge, witzige Weise mit strukturellem Rassismus befasst. Sorour Darabi konfrontierte in "Mowgli" auf harsche, aber geschickte Art die Zuschauer damit, wie sehr sie sich damit beschäftigen, ihr oder ihm eine Sexualität zuzuschreiben. Aber ist binäres Denken nicht mehr oder weniger ein zwanghafter Reflex?

Theater: Mit "It's Britney, Bitch!" brachte Regisseurin Lena Brasch und Schauspielerin Sina Martens eine klare feministische Position ein.

Mit "It's Britney, Bitch!" brachte Regisseurin Lena Brasch und Schauspielerin Sina Martens eine klare feministische Position ein.

(Foto: JR Berliner Ensemble)

Feministische Positionen brachten Ewelina Marciniak mit "Die Jungfrau von Orleans" (Nationaltheater Mannheim) und Lena Brasch mit "It's Britney Bitch!" (Berliner Ensemble) ein, zwei sehr starke Produktionen, wenn auch bei der "Jungfrau" nicht ganz durchgängig. Das Volkstheater steuerte das hitverdächtige Highschool-Musical "Gymnasium" von Bonn Park bei. Und das Digitale war aufs Beste repräsentiert mit Cosmea Spellekens unbedingt sehenswerter Werther-Adaption.

Wer eine nahezu komplette Festival-Dosis bekam, der konnte eine helle Freude an diesen sehr genussvoll geführten Theater-Debatten haben. Frei nach Piscator war erfüllt: Wer auf der Bühne steht, sollte etwas zu sagen haben. Dass hier die Spiegelung der einen Produktion in der anderen durchaus hilfreich sein konnte, ist der Vorteil eines Festivals. Die Gruppe um Leiter Jens Hillje hat da klug verdichtet. Um die Diskussionen fortzusetzen, fehlte allerdings den Künstlern und dem jungen Publikum, bei dem die Euros nicht ganz so locker in der Tasche stecken, bisweilen noch der richtige Ort. Aber nächstes Jahr gibt es vielleicht wieder ein Festivalzelt. Und noch eine gute Nachricht: Bis zum nächsten "Radikal jung" dauert es nicht einmal ein Jahr.

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