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Volksbegehren in Bayern:Das denken Münchner Vermieter über einen Mietenstopp

Angesichts rasanter Mietsteigerungen fragen sich selbst manche Eigentümer, wie die Stadt bezahlbar bleiben soll.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein Volksbegehren will für sechs Jahre die Mieten bei bestehenden Verträgen einfrieren. Viele Mieter begrüßen das. Doch was sagen die Leute auf der anderen Seite dazu? Drei Stimmen von Münchner Vermietern.

Vor Kurzem war Wolfgang Fischer mal wieder in seinem alten Beruf als Schauspieler unterwegs. Seine Rolle: der Nikolaus. Im roten Gewand, die Brille tief auf der Nase, saß er an einem Tisch und erzählte Geschichten. Münchner Geschichten, von geplagten Mietern und fiesen Vermietern. Von Bewohnern, die sich vor Gericht mit Erfolg gegen eine Immobilien GmbH gewehrt haben, die ihnen die Mieten drastisch erhöhen wollte. Eine "Gesellschaft mit beschränktem Herzen" nannte Fischer die GmbH. Er erzählte aber auch von Vermietern, denen ein gutes Zusammenleben mit ihren Mietern wichtiger ist als die größtmögliche Rendite.

Wolfgang Fischer ist selber so einer. Und so war es klar für ihn, dass er das Volksbegehren Mietenstopp unterstützt. Deshalb hat er mit seinen Adventsgeschichten, aufgenommen Ende vergangenen Jahres auf der Alten Utting, für Unterschriften geworben. Sechs Jahre keine Mieterhöhungen in laufenden Verträgen - es dürfte in München wohl wenige Mieter geben, die etwas dagegen haben. Doch wie sehen eigentlich private Vermieter das Ansinnen? Schließlich gehört ihnen ein großer Teil des Wohnungsbestands. Fragt man drei von ihnen, bekommt man drei sehr unterschiedliche Antworten. Ihnen allen ist aber auch etwas gemeinsam: der Wunsch nach Differenzierung in der Diskussion.

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Wolfgang Fischer sieht es im Großen und Ganzen so: "Irgendwas muss passieren", manche müsse man eben zwingen zu einer Pause. In München gehe es zu sehr um Geld, und das gefällt ihm überhaupt nicht. Fischer ist Eigentümer eines verwunschenen Anwesens in Neuhausen: ein Vorderhaus mit sechs Wohnungen, ein Atelierhaus mit Büros in der Mitte und hinten eine Werkstatt, die auch Meister Eder gehören könnte.

Seine Mieter bezahlen zwölf Euro kalt pro Quadratmeter, und Fischer hat nicht vor, die Preise irgendwann noch einmal zu erhöhen. Damit die Mieter auch in entfernterer Zukunft noch bezahlbar und sicher wohnen können, hat er testamentarisch bestimmt, dass das Ensemble irgendwann an eine Genossenschaft geht - zu einem Preis weit unter dem Marktwert. Dass er die aktuellen Entwicklungen, die Spekulation mit Immobilien und Grundstücken mehr als kritisch sieht, hat auch damit zu tun, dass Wolfgang Fischer lange in New York gelebt und dort gesehen hat, wo das alles hinführen kann.

Er kann sich aber auch vorstellen, dass Vermieter sich angegriffen und unter Generalverdacht gestellt sehen. Manche erhöhten die Miete ja nur deshalb, so Fischer, weil sie vom Finanzamt dazu gezwungen würden. Denn das mischt sich gern ein und fordert Eigentümer mit günstigen Mieten dazu auf, sich bitteschön an der ortsüblichen Vergleichsmiete zu orientieren. Am Mietspiegel also oder gleich an den Preisen, die auf Portalen aufgerufen werden. So verdient der Staat mit an den hohen Preisen. "Ungeheuerlich", sagt Fischer.

Zum Schluss erzählt er noch eine Geschichte vom vergangenen Sommer. Damals hatte er plötzlich Milben in der Wohnung. Der Kammerjäger kam, versprühte Gift, später ließ Fischer die Wohnung neu streichen. Für mehrere Monate mussten seine Frau und er sich in einem Campingbus im Hof einquartieren. Sehnsüchtig hätten die Katzen und er zur Wohnung hochgeschaut. "Ich kam mir so heimatlos vor wie manche Mieter, die in München aus ihren Wohnungen geschmissen werden."

Auf der anderen Isarseite lebt Wolfgang Donhärl. In der Au haben seine Schwester und er ein Mietshaus geerbt, 13 Wohnungen, in einer davon wohnt er selbst mit seiner Familie. Einen Mietenstopp fände er "prinzipiell gut, weil es hoffentlich ein bisschen Luft aus dem Spekulationsmarkt nehmen würde". Auch die Ausnahme für faire Vermieter sei "vernünftig" - wer weit unter dem Mietspiegel vermietet, dürfte laut Gesetzentwurf für das Volksbegehren auch während des Stopps die Preise erhöhen.

Die Mieten in Donhärls Haus liegen zwischen sechs und zwölf Euro kalt, je nachdem, wie lange die Bewohner schon im Haus leben und welche Investitionen geflossen sind. "Wenn jemand auszieht, müssen wir renovieren", sagt Donhärl, dann müsse natürlich auch die Miete steigen. Seine Schwester und er haben einen Kredit aufgenommen, um die Erbschaftssteuer zu bezahlen, "da ist nicht viel Kapital, mit dem wir große Sprünge machen können". Gäbe es gar keine Möglichkeit mehr, etwa nach dem Einbau einer 10 000-Euro-Heizung die Preise zu regulieren, "dann steh' ich blöd da". Im schlimmsten Fall müsste er das Haus verkaufen. "Und dann kauft nicht noch mal ein Netter", sondern eher ein profitorientierter Investor.

Investor, das Wort sei so negativ besetzt, sagt Christian Moll. Sind seine Frau Gabriele und er Investoren? 1986 heirateten sie, er war Metzger, sie Steuerfachangestellte, "wir hatten nichts". Mit dem Kauf einer Wohnung fing es an. Später folgte das Vorstadthaus, in dem sie heute noch wohnen, "keine Villa", betonen die beiden. Sie machten damals einfach so weiter, investierten smart, wie man heute sagen würde. Kauften Immobilien, verkauften sie zum Teil wieder. Heute gehören ihnen vier Mietshäuser in München, etwa 80 Wohnungen. Sie hätten sich das alles selbst erarbeitet, es sei viel Arbeit gewesen.

Vor einem ihrer Häuser im Westend trifft man die beiden, 13 bis 15 Euro pro Quadratmeter bezahlen die Mieter hier, die Preise haben sie regelmäßig erhöht. Die Molls sind mit ihrem Tesla gekommen. Der Klimaschutz liegt ihnen am Herzen, früher haben sie Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff gemacht, heute fahren sie nach Südtirol und nehmen die Fahrräder mit. Mietenstopp? "Das baut eine Front auf", sagt Christian Moll. Seine Frau spricht von einer "Schieflage" und einer "Spaltung" der Gesellschaft.

Kurz diskutieren die beiden, ob der Begriff Klassenkampf zu hart sei. Zu fast allen Mietern hätten sie ein sehr gutes Verhältnis, sagen die Molls. Sie seien jederzeit erreichbar, auch am Sonntag, auch spätabends. Sie sehen sich als Kümmerer, mit klarer Arbeitsteilung: Er ist fürs Handwerkliche zuständig, Kleinreparaturen führt er selber aus. Sie macht die Verwaltung, neulich hat sie für ihre Mieter mal wieder die günstigsten Stromtarife recherchiert. Sie müsste das nicht tun.

Gabriele Moll hat viele Seiten zusammengeschrieben mit Argumenten, die ihr wichtig sind, mit Dingen, die getan werden müssten. Bauen, bauen, bauen, vor allem Sozialwohnungen. Durch einen Mietenstopp entstehe keine neue Wohnung, die Mietpreisbremse führe nur dazu, dass jene, die es sich leisten können, noch mehr Wohnraum beanspruchten. Als Vermieter ertrinke man in Vorschriften, etwa beim Dachgeschossausbau. Zugleich stiegen die Kosten stetig, etwa für Handwerker. "Eine Handwerkerpreisbremse, das wär' mal was." Und was würde der Mietenstopp für sie nun konkret bedeuten? "Keine Renovierungen mehr, keine Investitionen für Klimaziele". Eines Tages, so hoffen Christian und Gabriele Moll, werden ihre Töchter ihre Mietshäuser in ihrem Sinne weiterführen. Und nicht an Investoren verkaufen.

© SZ vom 16.01.2020/kaal
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