Bei Javier Zanetti ist der Lack ab. Seine 4, die ewige Trikotnummer der Inter-Mailand-Legende, ist kaum noch als solche zu erkennen und wird demnächst mit einer Tube VLR-Flock-Entferner Bekanntschaft machen. Zanetti? Flock-Entferner? Menschen, die mit Vintage-Fußballtrikots nichts zu tun haben, werden mit diesen Begriffen nicht viel anfangen können. Alle anderen werden denken: ‚Zanetti? Ihr habt ernsthaft ein Zanetti-Trikot zu verkaufen? Wie teuer?‘ Und damit willkommen bei „Trikot Passion“, dem Pop-up-Store in der Blutenburgstraße 50, nur von Donnerstag bis Samstag, 23. bis 25. April.
Schon klar, dass Pop-up-Stores nicht für die Ewigkeit gedacht sind, aber nur drei Tage? Wobei, eigentlich sind es nur zwei Tage plus zwei Stunden am Donnerstagabend, an dem sich allerdings ein sehr spezieller Gast die Ehre gibt: Sepp Maier, der Weltmeister-Torwart von 1974, mit seinen 82 Jahren sozusagen der Inbegriff des Vintage-Kickers. Ältere Semester sehen ihn immer noch im hellblauen Dress durch den Fünfmeterraum des Olympiastadions hechten und all die Schüsse und Kopfbälle von Cruyff, Neeskens & Co. mit Händen und Füßen abwehren. Und es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn er am Donnerstag um 18 Uhr nicht eines seiner Uralt-Leibchen mitbringt.
Retro ist in, das gilt auch für Fußballtrikots. Der Trend Blokecore (Bloke bedeutet Kerl) ist aus England herübergeschwappt und kombiniert Trikots mit Jeans und klassischen Sneakern wie Samba oder Spezial von Adidas. Doch wer sich in der Stadt des deutschen Serien-Meisters für Vintage-Trikots interessiert, sieht sich oft mit absurden Preisen konfrontiert. So hat es auch Karl Gattinger erlebt, einer der fünf jungen Gründer von „Trikot Passion“: „Als ich Kind war, hatten Trikots einen unvorstellbar emotionalen Wert. Es gab sie nur zu Weihnachten oder zum Geburtstag, und das war immer etwas Besonderes.“
Im Oktober war er in der „FC Bayern World“ in der Fußgängerzone, als dort eine Kooperation mit dem Marktführer „Classic Football Shirts“ vorgestellt wurde. Gattinger staunte: „180 Euro für ein 90er-Jahre-Trikot! Aber die wurden gekauft, halt von Erwachsenen.“ Bei einem Besuch in London ein ähnliches Bild: völlig überteuert, diese alten Trikots. So entstand die Idee, hochwertige Vintage-Trikots zu erschwinglichen Preisen anzubieten. Denn: „Studenten geben eher 50 Euro für ein cooles Vintage-Trikot aus als 200 für eins aus den 70er-Jahren.“
Er habe dann recherchiert, wer solche Trikots verkauft, „und dann wurde schnell klar, dass man, wenn man genug Zeit investiert, da auch rankommt“. Gesagt, getan, und so haben die fünf Freunde in den vergangenen Monaten auch dank zahlloser Fahrten ins Münchner Umland etwa 560 Trikots sowie 150 Jacken und Tracksuits aus verschiedenen Ländern und Jahrzehnten gesammelt. Bis zur Idee mit dem Pop-up-Store war es dann nicht mehr weit.

Geklappt hat das ein Stockwerk unter der künftigen WG von Gattinger und seinem Sandkastenkumpel Jannis Beuthien. Über den Vermieter habe man mitbekommen, dass unten in der Pizzeria ein Pächterwechsel stattfindet – sofort schlugen die Trikot-Fans zu, wenn auch nur für drei Tage. „Es ist ja nicht so, dass wir danach komplett aufhören“, sagt Len Evers, einer der fünf Gründer, „wir bauen uns gerade ein Fundament auf. Für die nächsten Male wird der Aufwand deutlich geringer sein. Aber das ist es uns wert. Es macht ja auch Spaß. Man merkt: Einen Laden aufmachen ist mehr als Wir-verkaufen-nur-Trikots. Das haben wir bis jetzt gut gemeistert, man wächst ja auch als Gruppe. Und es entstehen auch so viele Momente vor der Eröffnung.“

Einmal habe man den Freundeskreis zusammengetrommelt, jeder durfte sich ein Trikot aussuchen, und dann gab’s ein Fotoshooting. „Da sind tolle Bilder entstanden, die wir auf Instagram posten“, sagt Evers. Am Wochenende ist die Truppe etwa 30 Fußballvereine in der Stadt abgefahren und hat Flyer verteilt. „So viele haben gesagt: ‚Boah, cool!‘ oder ‚Ich schau vorbei!‘“
Einen Online-Shop wird es dagegen nicht geben: „Das wollen wir nicht“, sagt Jannis Beuthien, „wir sind alle sehr soziale Menschen und wollen auch dieses Zusammenkommen. Außerdem: Ein Trikot musst du in der Hand haben, gerade bei Vintage-Trikots, da die Stoffe sehr unterschiedlich sind.“ Evers ergänzt: „Trikots anschauen ist ja auch ein Event. Wir wollen den Laden auch als Treffpunkt für Leute mit der gleichen Interessenlage, die sich über Fußball austauschen.“ Über den Maier Sepp und seine Valentinaden oder eben über Zanetti, diesen manischen Fußballarbeiter, der angeblich selbst nach der Trauung mit seiner Frau noch joggen ging und nach der nächtlichen Geburt seines Sohnes morgens wieder auf dem Trainingsplatz stand.
Und wie haben die Jungs die Torwart-Legende überredet, zur Eröffnung zu kommen? Das geht auf die Kappe von Gattingers Mutter. Die arbeitet im Museum des FC Bayern in der Allianz-Arena, und auf ihre Anfrage habe Maier schlicht geantwortet: ‚Ja, können wir schon machen.‘ Generation unkompliziert, wie schön. Über Mama Gattinger kommen die Trikot-Fans gelegentlich auch mal ins Stadion, schließlich sind sie allesamt Bayern-Fans. Die mittlerweile 20-Jährigen kennen sich seit der ersten Klasse und haben – bis auf Florian Linnemann, der erst in diesem Jahr mit der Schule fertig wird – vor einem Jahr zusammen Abitur gemacht. Beuthien studiert nun Politik, Evers und Nicolas Breitfeld VWL, Gattinger ist als Leistungssportler im vergangenen Jahr deutscher Meister mit der 4×100-Meter-Staffel der LG Stadtwerke München geworden. Das sie verbindende Element war stets der Fußball. Gattinger und Beuthien trainieren derzeit gar die Fußballerinnen des SC Amicitia.
Jetzt also das gemeinsame Projekt „Trikot Passion“. Zwischen 29 und 109 Euro kosten die Vintage-Teile, Javier Zanetti wird für 69 Euro zu haben sein, vorausgesetzt, der Flock-Entferner funktioniert gescheit. Zu sehen sind die gesammelten Schmuckstücke am Donnerstag von 18 bis 20 Uhr sowie Freitag und Samstag zwischen 10 und 20 Uhr. Und vielleicht lässt sich mit dem nächsten Pizzeria-Betreiber ja ein Deal machen: Trikot-Tag statt Ruhetag! Aber die Jungs scheinen sich ohnehin nicht verrückt machen zu wollen, denn Jannis Beuthien sagt: „Vielleicht sollte man gar nicht so sehr in die Zukunft schauen und irgendwas planen. Wir wollen jetzt dieses Pop-up-Ding machen, und was danach ist, ist danach.“


