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Einkaufen:"Jetzt ist es ein Markt für die Münchner"

Viele Münchner haben während der Corona-Krise den Viktualienmarkt schätzen gelernt.

Frisch vom Markt: Viele Münchner haben während der Corona-Krise den Viktualienmarkt schätzen gelernt. Am Freitagmittag waren die Standlgassen gut besucht.

(Foto: Stephan Rumpf)

Zumindest gut essen, wenn wegfahren schon nicht möglich ist: In der Corona-Krise entdecken viele Einheimische den Viktualienmarkt wieder für sich.

Von Thomas Anlauf

Die Artischocke aus Frankreich wiegt schwer in der Hand. Daneben leuchten Paprika aus Deutschland, "die letzten in diesem Jahr", sagt Petra Hahn und lacht. Vor den grünen Steigen mit Obst, Wurzelgemüse und auch exotischen Früchten stehen Kunden, Petra Hahn und ihr Mann Klaus beraten gern. Klaus Hahn ist schließlich gelernter Koch, das ist momentan ziemlich hilfreich. Immer wieder kommen vor allem junge Münchner vorbei, manche sogar mit Kochbuch in der Hand, und wollen wissen, wie ein bestimmtes Gemüse am besten zubereitet wird. "Wir haben viele neue Kunden, die jetzt bei Corona Kochen für sich entdeckt haben", sagt Petra Hahn. Die Restaurants sind geschlossen, aber die Menschen wollen trotzdem gut essen. Also gehen sie auf den Viktualienmarkt und nicht in den Supermarkt, um frische, heimische Ware zu kaufen.

Der Viktualienmarkt ist an diesem sonnigen Freitag gut besucht. Vorne bei den Metzgern stehen Schlangen vor den Ständen. Neun hungrige Kunden warten geduldig und mit viel Abstand vor dem Laden von Markus Kreitmayer, der bayerisches Wild und Gemüse verkauft. Beim Obsthof Bucher lässt sich ein Münchner Ehepaar beraten, welche heimische Waren gerade zu haben sind.

Auch bei Inge Rainer stehen die Menschen fast schon Schlange. "Habt ihr auch Eukalyptus?", ruft eine Frau ins Gespräch mit einem anderen Kunden. Natürlich hat Inge Rainer auch Zweige der Myrtengewächse im Angebot. Die Blumenhändlerin, die ihren Stand neben dem Nymphenburg-Zelt hat, bemerkt in jüngster Zeit, dass viele Münchner gezielt bei ihr einkaufen. "Die sagen, wenn man schon nicht wegfahren kann, dann wollen wir wenigstens die Wohnung schön haben", erzählt Inge Rainer. Dass es in diesem Jahr kaum Touristen auf dem Viktualienmarkt gibt, stört die Blumenverkäuferin, die seit 1984 auf dem Markt ist, nur wenig. "Wir haben früher schon auf Münchner Kunden gesetzt", sagt sie. "Frischblumen kauft doch kein Tourist."

Vielleicht ist der berühmte Markt zwischen Heiliggeistkirche und Schrannenhalle in der Corona-Krise so münchnerisch wie seit langem nicht. Während sich früher bei schönem Wetter Touristenmassen durch die engen Standlreihen schoben und höchstens kitschige Andenken kauften, kommen jetzt ausschließlich Einheimische, die frische Ware einkaufen wollen und dabei noch eine persönliche Beratung bekommen. Das ist auch Petra Hahn vom Obst- und Gemüsestand Tretter aufgefallen. Früher haben doch auch Touristen bei ihr eingekauft, jetzt sind es ausschließlich Münchner und Menschen aus dem Umland. "Es ist doch schön, jetzt ist es ein Markt für die Münchner", sagt Petra Hahn, deren Familie bereits seit 1885 auf dem Viktualienmarkt einen Stand hat. Der Umsatz sei zwar derzeit etwas niedriger als vor der Corona-Krise. "Man muss halt den Gürtel etwas enger schnallen." Aber von einer Markt-Krise kann sie nichts bemerken. "Wir leben noch alle", sagt sie.

Blumenhändlerin Inge Rainer ist froh, dass sie nun im Herbst ihren Stand offen halten kann. Im Frühling musste sie wegen der Pandemie schließen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Derzeit sind zwar einige Standl geschlossen, aber das sind vor allem diejenigen mit gastronomischem Angebot. Einen Leerstand auf dem Markt gebe es derzeit nicht, sagt eine Sprecherin des Kommunalreferats. "Alle Standl sind entweder zugewiesen, befinden sich in der Ausschreibungs- beziehungsweise Auswahlphase oder werden hergerichtet", so das Kommunalreferat. Zwar stehe es den Markthallen München, die zum Kommunalreferat gehören, nicht zu, Umsätze von Händlern nach außen zu geben. Allerdings habe man gehört, dass manche Händler wegen der hohen Nachfrage sogar neue Mitarbeiter einstellen, andere würden über Umsatzeinbußen klagen.

Ausgerechnet die Vorstandsvorsitzende der Interessengemeinschaft Viktualienmarkt ist von der derzeitigen Situation besonders betroffen. Elke Fett lebt mit ihrem Duftschmankerl-Stand vor allem von kaufwilligen Touristen. "Es fehlen die jährlich sechs Millionen Besucher", sagt Elke Fett, "jetzt haben wir nicht einmal mehr eine halbe Million." Einheimische würden eben seltener Duftsackerl, Gewürz- und Rosenketten oder die "Blume von Jericho" kaufen als München-Urlauber. Am Freitagmittag verirrt sich tatsächlich kaum ein Kunde in den vollbehängten Stand der Marktfrau. "Ich verkauf' jetzt viel im Internet", erzählt Elke Fett. "Die Leut' schreiben mir jetzt, wir dürfen ja nicht kommen, schicken Sie uns doch bitte was nach Hause."

Vor allem der Lockdown im Frühjahr hat sie hart getroffen. Sechs Wochen lang musste sie damals ihren Stand zusperren, nur noch Lebensmittelstände durften geöffnet bleiben. Auch Inge Rainer war mit ihrem Blumenstand von der Zwangsschließung betroffen. Doch sie wusste sich zu helfen und belieferte Arztpraxen und Kanzleien mit Blumen. "Wir sind so froh, dass wir jetzt auflassen dürfen", sagt Inge Rainer und lacht. Das Leben am Viktualienmarkt geht weiter.

© SZ vom 28.11.2020/van
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