ArbeitszeitVier Tage arbeiten, gleiches Gehalt? So kann das funktionieren

Lesezeit: 4 Min.

Pflegealltag im Münchenstift: Eine Mitarbeiterin betreut eine Seniorin im Haus St. Maria Ramersdorf.
Pflegealltag im Münchenstift: Eine Mitarbeiterin betreut eine Seniorin im Haus St. Maria Ramersdorf. Stephan Rumpf

Die Seniorenheime der Münchenstift testen ein neues Arbeitszeitmodell – offensichtlich mit Erfolg. Geschäftsführer Andreas Lackner erklärt, auf was es ankommt.

Von Catherine Hoffmann

Vier Tage arbeiten, fünf Tage bezahlt werden – in der Pflege klingt das eher nach kühner Idee als nach belastbarem Modell. Münchenstift, der größte Anbieter von Pflege- und Wohnangeboten für Seniorinnen und Senioren in München, will genau das ab 1. Juni für alle Beschäftigten möglich machen: freiwillig, bei vollem Gehalt. Geschäftsführer Andreas Lackner erklärt, warum er sich das traut, wo die Grenzen liegen und weshalb er glaubt, dass ausgerechnet die Pflege reif dafür ist.

SZ: Herr Lackner, die Vier-Tage-Woche gilt vielen Unternehmen als teuer, kompliziert, riskant. Warum glauben Sie, dass sie bei Münchenstift funktioniert?

Lackner: Ich kann verstehen, dass viele da erst einmal skeptisch sind – gerade in der Pflege. Aber bei unserem Modell geht es eben nicht um weniger Arbeit, sondern um eine andere Verteilung der gleichen Arbeitszeit. Was vorher in fünf Tagen geleistet wurde, wird nun auf vier Tage verteilt. Dadurch verlängert sich die tägliche Arbeitszeit von acht auf 9,75 Stunden. Das Gehalt bleibt ebenfalls fast gleich. Deshalb ist das Modell für uns wirtschaftlich darstellbar.

Trotzdem sagen viele Arbeitgeber: organisatorisch ist das ein Albtraum.

Einfacher wird es nicht, das stimmt. Vor allem die Dienstplanung wird anspruchsvoller. Aber wir haben in der Pilotphase gesehen, dass es funktioniert – nicht auf dem Papier, sondern im Alltag. Wir haben in jedem unserer neun Häuser einen Wohnbereich getestet, also bewusst nicht nur in einem Vorzeigebereich. Manche Dienstplaner mussten stärker umdenken als andere. Aber am Ende haben wir überall Lösungen gefunden.

Mit welchem Ergebnis?

Mit einem überraschend guten. Die Krankheitsquote ist in den Pilotbereichen gesunken, die Zufriedenheit der Mitarbeitenden gestiegen. Für uns war das ein eindeutiges Signal: Vier Tage können in der Pflege funktionieren.

Deshalb jetzt der Schritt ins ganze Unternehmen?

Genau. Wir haben erst in der Pflege getestet und dann gesagt: Wenn es dort klappt, warum nicht auch in Verwaltung, Backoffice oder anderen Bereichen? Unser Ziel ist klar: Wir wollen attraktiver werden als Arbeitgeber, um unsere Leute zu halten und neue Fachkräfte zu gewinnen.

Andreas Lackner, Geschäftsführer des Münchenstift, hofft, dass das neue Arbeitsmodell  anziehend auf Fachkräfte wirkt.
Andreas Lackner, Geschäftsführer des Münchenstift, hofft, dass das neue Arbeitsmodell  anziehend auf Fachkräfte wirkt. Barbara Donaubauer/Münchenstift

Ist das der eigentliche Kern des Projekts – Fachkräfte gewinnen?

Ja, ganz klar. Wir stehen wie alle in der Pflege unter massivem Druck. Gute Pflege wird in Zukunft nur möglich sein, wenn Unternehmen bei den Arbeitsbedingungen neue Wege gehen.

Merken Sie schon einen Effekt bei den Bewerbungen?

Ja, die Kurve geht nach oben. Aber seriös bewerten können wir erst nach einigen Monaten oder nach einem Jahr, woran das liegt.

Vier-Tage-Woche „für alle“ klingt groß. Gilt es wirklich für alle?

Es ist ein Angebot für alle, aber kein Automatismus. Wir haben mit dem Betriebsrat vereinbart, dass Vorgesetzte Anträge begründet ablehnen dürfen – etwa wenn ein Team zu klein ist oder die Lage wegen Krankheit und Urlaub gerade keine andere Lösung zulässt. Die Versorgung unserer Bewohnerinnen und Bewohner hat immer Vorrang.

Das Modell ist also freiwillig?

Unbedingt. Niemand muss wechseln, niemand wird gedrängt, und auch das bisherige Fünf-Tage-Modell bleibt bestehen. Genau diese Freiwilligkeit ist entscheidend. Die Vier-Tage-Woche ist ein Angebot – kein Dogma.

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Für wen ist dieses Angebot besonders attraktiv?

Für Menschen, die längere zusammenhängende freie Zeiten schätzen. Je nach Dienstplan sind sogar vier oder fünf freie Tage am Stück möglich. Das ist für manche Kolleginnen und Kollegen ein enormer Gewinn an Lebensqualität – etwa wenn sie regelmäßig ihre Familie im Ausland besuchen oder Privates besser organisieren wollen.

Und für wen passt es eher nicht?

Auch das haben wir gelernt: Für manche junge Familie ist das Modell schwierig, weil sich längere Arbeitstage schlecht mit Kita- oder Schulzeiten vereinbaren lassen. Und ältere Mitarbeitende sagen mitunter: Fast zehn Stunden Arbeit am Tag sind mir zu lang. Genau deshalb ist es so wichtig, dass man es ausprobieren und auch wieder aussteigen kann. Allerdings sollten sich die Beschäftigten wenigstens für zwei Monate verpflichten.

Kritiker sagen: Gerade in der Pflege sind längere Schichten belastend.

Das ist ein völlig berechtigter Einwand. Deshalb funktioniert das nur, wenn Führungskräfte aufmerksam sind und Mitarbeitende ohne Angst sagen können: Ich schaffe das gerade nicht. Wenn diese Offenheit da ist, kann man gegensteuern, bevor Belastung zum Problem wird.

Pfleger und andere Beschäftigte können künftig zwischen Vier- oder Fünf-Tage-Woche wählen. Für die Bewohner ändert sich nicht viel.
Pfleger und andere Beschäftigte können künftig zwischen Vier- oder Fünf-Tage-Woche wählen. Für die Bewohner ändert sich nicht viel. Stephan Rumpf

Wird das Alten- und Pflegeheim für die Bewohnerinnen und Bewohner jetzt teurer?

Nein. Weil die Arbeitszeit gleich bleibt und sich am Gehalt fast nichts ändert, gibt es aus diesem Modell heraus keinen Grund für Preissteigerungen.

Hat die Vier-Tage-Woche auch für die Senioren Vorteile ?

Ja, und das war anfangs gar nicht unser Hauptargument. Durch die längeren Schichten gibt es weniger Wechsel in der Betreuung. Das heißt: weniger verschiedene Gesichter, mehr Kontinuität. Außerdem überlappen sich die Schichten stärker. In dieser Zeit lassen sich Dokumentation und organisatorische Aufgaben entspannter erledigen. Im besten Fall bringt das mehr Ruhe in die Abläufe – und mehr Zeit für die Pflege.

Sie bekommen inzwischen viele Anfragen aus der Branche. Überrascht Sie das?

Ja, durchaus. Wir bekommen viele Rückfragen von Verbänden und anderen Unternehmen: Wie macht ihr das? Wie organisiert ihr das? Daran sieht man, dass das Thema weit über München hinaus beobachtet wird.

Was hat Ihnen den Mut gegeben, die Vier-Tage-Woche bei Münchenstift einzuführen?

Man muss sich trauen, so ein Modell zu testen. Man muss auch aushalten, dass nicht vom ersten Tag an alles perfekt läuft. Dazu kommt: Man braucht gute Führungskräfte und Leute, die Dienstpläne wirklich beherrschen. Ohne dieses organisatorische Rückgrat wird es schwierig.

Sie wirken erstaunlich gelassen für jemanden, der ein ziemlich ungewöhnliches Modell einführt.

Vielleicht, weil ich überzeugt bin, dass wir damit mehr gewinnen als verlieren können. Wenn die Wirtschaftlichkeit gewahrt bleibt und gleichzeitig die Chance besteht, Beschäftigte zu entlasten und neue Kollegen zu gewinnen, dann sollte man es versuchen.

Und Sie selbst – machen Sie auch Vier-Tage-Woche?

Nein. Für meinen eigenen Job funktioniert das nicht, und ehrlich gesagt will ich das für mich persönlich auch gar nicht. Aber genau darum geht es ja: Dieses Modell soll zu den Menschen passen – nicht die Menschen zum Modell.

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