ARD-Klassik-Reihe „Game On Symphony“150 000 Fans hören Videospiel-Konzert in München

Lesezeit: 3 Min.

Neue Erfahrung für klassische Musiker: Das Münchner Rundfunkorchester spielt Videospielmusik; für mehr als 400 Fans im Fat Cat und mehr als  150 000 im Livestream.
Neue Erfahrung für klassische Musiker: Das Münchner Rundfunkorchester spielt Videospielmusik; für mehr als 400 Fans im Fat Cat und mehr als  150 000 im Livestream. Raphael Kast

Bei der „Games On Symphony“ mit dem Münchner Rundfunkorchester im Fat Cat sind außer 400 Gästen  auch 150 000 nerdige Fans im Livestream dabei und kommentieren via Twitch-Chat. Ein Konzept mit Potenzial?

Kritik von Matthias Deuring

Die Bratschen sind kaum verklungen, diverse Perkussionsinstrumente werden gesenkt und der Dirigent kommt gerade aus der Spannung, da geht das Geplapper los. Zwei große Gesichter tauchen im Hintergrund auf der Leinwand auf. „Ich les' gerade im Twitch-Chat“, spricht das eine, „es gibt ein Hornistenlob.“

Ungewohnte Szenen für ein klassisches Konzertpublikum, doch bei „Game On Symphony“ ganz normal. Die neue Reihe von ARD-Klassik, in München mit dem Rundfunkorchester umgesetzt, präsentiert Videospielmusik statt Klassiker von Mozart und Beethoven. Und sie zielt auf digitale Reichweite statt das rein lokale Konzerterlebnis. Die ganze Veranstaltung ist auf die Livestreams auf Youtube und Twitch zugeschnitten, moderiert wird sie von Fridl Achten und der Streamerin KaddyTV.

In „The Legend of Zelda: Ocarina of Time“ spielt die Musik selbst eine große Rolle. Spielheld Link spielt hier die titelgebende Ocarina.
In „The Legend of Zelda: Ocarina of Time“ spielt die Musik selbst eine große Rolle. Spielheld Link spielt hier die titelgebende Ocarina. Nintendo

Entsprechend sitzt im Carl-Orff-Saal im Fat Cat auch kein klassisches Konzertpublikum. Oder es kam inkognito. Die Zielgruppe des Abends ist jedenfalls jung. Sehr jung für Orchestermusik. Die meisten wohl um die 20. Von Konzertsaal-Etikette oder typischem Dresscode keine Spur. Es haben sich sogar zwei Cosplayer unter die Menge gemischt, verkleidet als Videospielfiguren. Eine ist Zelda, Prinzessin von Hyrule, die andere ist Link, die Heldenfigur der beliebten „The Legend of Zelda“-Reihe.

Klassik-Puristen mögen sich fragen, ob Videospielmusik wirklich in den Konzertsaal gehört. Das ist nicht bloß Fan-Service für nostalgische Millennials? Robert Ames, der Dirigent des Abends, kennt solche Vorbehalte. „Die wird es immer geben“, meint der Engländer. „Aber es gibt Generationen von Spielern, die etwas mit dieser Musik verbinden.“ Er gehört dazu. Ames hat bereits 2022 das erste Videospielkonzert im Rahmen des berühmten Klassik-Festivals BBC Proms geleitet und hat Erfahrung mit dem Genre.

Selbst ein Videospielfan: Robert Ames leitet „Games On Symphony“ musikalisch. Der britische Dirigent und Musikproduzent hat Erfahrung mit dem Genre, auch bei den BBC Proms.
Selbst ein Videospielfan: Robert Ames leitet „Games On Symphony“ musikalisch. Der britische Dirigent und Musikproduzent hat Erfahrung mit dem Genre, auch bei den BBC Proms. Raphael Kast

Und er hat seine Lieblinge. Die Musik von „Shadow of the Colossus“ aus dem Jahr 2005 etwa. Aber auch der von Moderator Achten als „heavy hitter“ angekündigte Soundtrack der genannten „Zelda“-Reihe hat es Ames angetan. Einzelne Songs wie „Gerudo Valley“ und „Zelda's Lullaby“ sind zu Klassikern des Genres geworden und dürfen auf keinem Videospielkonzert fehlen. Mit der für  „The Legend of Zelda: Ocarina of Time“ namensgebenden Ocarina sorgt das obligatorische Medley aber auch bei Klassik-Fans noch für Aha-Momente.

So schwelgen etwas mehr als 400 Menschen im Saal in den Klängen ihrer Kindheit. Und noch einmal weit mehr im Stream. Mehr als 150 000 Aufrufe zählt der Livestream der ARD zum Konzert. Damit ist das Konzert zwar hinter den Testläufen in 2024 und 2025 mit bis zu 300 000 Aufrufen zurückgeblieben. Der Sender ARD-Klassik hat aber Vertrauen in die Reihe und deren Potenzial, ein neues, jüngeres Publikum zu erreichen. Für Annkathrin Hentschel vom BR ist das bei einem öffentlich-rechtlichen Sender auch eine Frage der „Generationengerechtigkeit“.

Das ist es dann auch, was dem Abend seinen Zusammenhang gibt, die Fan-Nostalgie. So fantastisch die Kompositionen aus „The Legend of Zelda“, Abenteuern wie „Uncharted“, dem Horrorspiel „Bioshock“ oder sogar aus Shootern wie „Call of Duty WWII“ auch sein mögen, am Ende ist „Game On Symphony“ eine Aneinanderreihung von Medleys. Das tut aber weder der Schönheit der Musik noch dem Erfolg der Veranstaltung Abbruch.

ARD-Klassik plant vier Konzerte der „Game On Symphony“-Reihe pro Jahr, auch mit dem Münchner Rundfunkorchester.
ARD-Klassik plant vier Konzerte der „Game On Symphony“-Reihe pro Jahr, auch mit dem Münchner Rundfunkorchester. Raphael Kast

So wirklich brauchen wird das Genre den Glanz der Klassik-Szene nämlich nicht. Kein Komponist und kein Fan muss sich darum scheren, wenn Puristen die Konzerte belächeln. Denn einerseits brummt die Gaming-Industrie, und sie zahlt gut für ihre Soundtracks. Zum anderen gibt es auch lange schon öffentliche Anerkennung: Für Videospielmusik existiert eine eigene Grammy-Kategorie.

Und die mit Orchestermusik bisher kaum vertrauten Fans sind voll des Lobes für die Musiker auf der Bühne. Kein Wunder also, dass auch das Rundfunkorchester seinen Spaß hatte. So mancher Kommentar im Chat dürfte zudem das verschlossenste Puristen-Herz für die Merkwürdigkeiten dieser neuen Konzertwelt erweichen: „Hallo an meinen Vater Emmanuel in den 2. Geigen, dein Sohn schaut zu.“

 ARD-Klassik plant vier Konzerte der „Game On Symphony“-Reihe pro Jahr, mindestens zwei weitere 2026 mit dem Münchner Rundfunkorchester. Den Livestream zum Konzert im Fat Cat gibt es zum Nachschauen auf twitch.de/ARD und auf dem YouTube-Kanal des Senders @ardklassik

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